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Die Welt · 1903-06-05 · 23 (5.6.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
23 (5.6.1903)
Article
Der Zionismus in Bulgarien
Date
1903-06-05
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 23 „Die £ Wietel Seite 5 Diese interessanten Tatsachen über den Zionismus in Bulgarien, welche wir teilweise bulgarischen Berichten russischer ELätter entnehmen, cind für die Beurtaüung der Fortschritte, welche der Zionismus täglich zu verzeichnen hat, sehr leimreich. Gt. Der „wissenschaftliche" Zionismus, Von A. C o r alnik._ Die Grö sse des Menschender Höhepunkt . seiner Entwicklung; uni Gipfel seines Daseins ist die Selbsterkenntnis. Nach langen Jahren eines bemale unbewussten, instinktiven Lebens, wo all sein Tun und Mandeln aus ihm selbst unbekannten, unbegreiflichen Beweggiiinden entspringt, nach langen Jahren des dioipfen Ringens, der inneren Qual um da^. Ergreifen und Begreifen dessen, was in den Abgrundtiefen seiner selbst vorgeht, geht manchem plötzlicli ein Licht auf, blitzartig entdeckt sich -ihm eine Seite seines inneren Lebens, er. tut einen Einblick in d&s Mysterium des Löbens, das Mysterium, das so einfach, sq selbstverständlich und eben deshalb so gelieimnisvoli und dem menschlichen Denken unzugänglich bleibt — der Mensch ahnt sich selbst und beginnt sich zu verstehen. Und der höchste Moment eines Individuums oder eines V olkes ist der, in dem ilim, wie dem Sokrates, eine Pythia zmuft: „Erkenne dich selbst!" Und wenn wir als Masstab der Entwicklung eimes Volkes dieses Streben nach Selbsterkenntnis annehmen wollten, gebührt dem jüdischen zweifelsohne <iie Palme. Kein einziges Volk hat sich s.o oft und so beharrlich die Frage gestellt, nach dem Grunde und der Berechtigung seiner Existenz, nach dem Ziele seines Lebens und seinem Rechte darauf. Und es ist merkwürdig gerne, dass in einem VcHke die höchste Blüteperiode der Kultur, der Forschung, des Oedankenlebens eintritt, wenn es in materieller und staatlicher Beziehung im VerfaJisstadiurn sich befindet Auf den Trümrneirn der WohlhabeiLlieit, des Glückes, der Ituhe erhebt sich ein neues, grossartiges, das Volk selbst überdauerndes Gebäude, sein Gedankenieben, Ich wiü nicht sagen, dass dieses Phänomen eine geschichtliche Notwendigkeit, etwa ein historisches Gesetz sei, aber psychologisch genommen ist es sehr verständdicli und natürlich. Der normale Zustand, das «Gefühl der Sättigung:, der Lust gibt dein menschlichen Organismus keinen Anlass zu denken, der Körper absorbiert alles und nichts kann ziem Bewusstsein gelangen, es gibt keine Triebkraft, um die Perzeptionen in Apperzeptionen zu verwandeln. Erst Unlust, erst Leiden weckt das Bewusstsein, erzeugt -den Oedanken. Uni dieses ewige Leid en, dieses unaufhörliche Martyrium des jüdischen Volkes erweckte auch sein schlummerndes Bewusstsein zur Selbsterkenntnis, i ief in ihm die höchste Frage, die man sich denken kann, nämlich die nach den Ursachen und den Zwecken des eigenen Daseins hervor. Unwillkürlich musste sich «der denkende jiidische Geist fragen: warum leide ich und wofür? Warum unterscheidet sich der historisch« Lebensgang der Juden wesentlich vom dem der anderen Völker und wodurch? Und diese Fragen lsgten den Anfang zu einer Erklärung der jidischen Geschichte, /u einer Geschichtsphilosophie. Diese Erklärungen wechselten von Zeitraum zu Zeitraum, nahmen bald diese, bald jene Form an, zogen in dwi Bahnen der Denker der Zeiten, in denen sie entstanden, aber die Frage blieb doch ungelöst, die Sphinx d«er jüdischen Geschic kte stellte ihre unheüserrwangere Frage und verschlang immer neue Opfer, die nicht einmal wussten, wofür sie lebten und wofür sie starben. Pie Propheten des Altertums beantworteten die Frage nach der jüdischen Existenz zumeist durch die mystische, idealistische, orientalisch verbrämte Schilderung der Stellung Israels unter den Völkern, seiner Rolle und Bestimmung als Aufklärer der Menschheit. Wahrlidi, nicht in der Periode der Blüte und Starke des jüdischen Reiches entstand diese auf die Zukunft vertrustende Ansicht. Eini Volk, das in der Gegenwart lebt, braucht die Frage nach seiner Existenzberechtigung nicht zu beantworten, sie kann nicht feinmai aufkommen. „Ich bin, deshalb bin ich," sagt der gesunde, naive, an den Bimsten der Mutter Natur mit vollen Zügen saugende Mensch. „Ich denke, also bin ieh,'fc beschwichtigt seine Zweifel, beruhigt seine Befürchtungen und bösen Ahnungen der schwache, morsche, zweifelnde und verzweifelnde Mann. Und zu dieser zweiten Antwort mussten alle diejenigen greifen, die das Lel>eri Israels erklären, seine Agonie, oder vielmehr seinen verzweifelten, wenn auch nur passiven Agon, den Kampf des einen gegen alle, aus höheren Ursachen ableiten wollten. Der Talmud in seinen historisch-philosophischen Sentenzen, die eine entwickelte gesellschaftliche Denkart voraussetzen. lassen, die jüdischen Philosophen «ies Mittelalters uni an ihrer Spitze Je hu da H a 1 e v i in seinem Buche „K u z =a r i", alle geben sie der jüdischen Geschichte eine mystisch-religiöse, eine eschatologische Deutung. Und mit dem Fortschreiten der Kultur, mit dem Wachsen .der Forderungem des jüdisch-philosophisctien Geistes musste die Frage wieder und wieder gestellt werde n. und immer aufs neue wurden Versuche zu ihrer Lösung gemacht. Einer der grössten jüdischen Denker am Anfange des neunzehnten Jahrhunderts, Nac hm am Krochmal, ging an das Werk, und den Fusstapfen Hegels folgend, konstruierte er nach dessen histarisch-philosopriLSchem System eine Philosophie der jüdischen Geschichte. Aber sein Werk „Moreh N-eboche tiasman" (Der Führer der Verirrten der Zeit) könnt* trotz aller seiner Vorzüge, seiner philosophischen Tiefe das Rätsel des jüdischen Qiöluslebens nicht lösen, das jüdische Denken nicht befriedigen. Denn nicht mr die Erklärung der "Vergangenheit sucht der Dinker in der Geschichte, sondern auch -die Normen für die Zukunft; die Philosophie der Geschichte lehrt nicht nur die Aetiologie, sondern auch die Prognose dl'es menschlichen Lebens. Und diese letztere konnte man gerade in dem Werke Krochmals nicht finden, lind wieder zog ein anderer philosophischer Geist durch die Lande, der höchste, Idealismus trat vor dem Materialismus und dem Positivismus zurück. Und aus diesem neuen Gedankengange erwuchs eine neue Philosophie der jüdischen Geschichte im Werke von Moses Hess: „Rom unel Jerusalem". Aber merkwürdig genug, der Denker, der, selbst Sozialist, dem Denken des historischen Materialisrnius so nahe Staad, wendete dieses neue, fruchtbare System aui die Erklärung der jüdischen Geschichte nicht an, und deshalb rauss das Bucl, das unleugbar sonst ein w ertvolies völkerphysiclogisches Werk ist, als metaphysisch und nicht exakt wissenschaftlich naci dem modernen Begriffe des Wortes bezeichnet werden. Dasselbe müssen wir auch von seiner Begründung des Zukunftsideals des jüdischen Volkes, des Zionismus sa^en. Hess spricht zu unserem Gemüt,?u unserer Phantasie, vermag aber den streng objektiven, logisch forschenden Geist nicht zu befriedigen. Mit noch grösserer Sicherheit können wir dasselbe sagen von allen nachfolgenden Werken bis zu den neuesten. Weder Dr. Gustav Deutsch' „Philosophy of the Jewish history", noch Dubnovs „Philosophie der jüdischen Geschichtekt (deutsche und englische Uebersetzung; in „Am. fiist. Pub. Society" 1903) sind "wissenschaftliche Antworten auf die gestellte Frage nach dem Wesen der jüdischen Gescliichte. DasseHe Geschick wurde auch dem Zionismus zuteil Zwar ist noch die spezielle und direkte Literatur iil>er ihn sehr jung und gering, denn indiiekt ist die ganze jüdische Literatur aller Zeiten eine Agitation und eine Begründung des Zionismus*). Aber nichts«destoweniger wächst in der jüdischeiL Intelligenz, die im Zionismus nicht alleün die Lösung der ökononnisclien und politischen Mot der Juden sieht, sondern auch die Normierung des jüdischem Lebens in allen Hinsichten; für die der Zionismus nicht nur eLne politische, eine soziale, sondern auch eine individuelle Frage ist, d. h, eine solche, die das jiiische Individuum, das zerrissene, innerlich entzweite angeht; für die der Zionismus selbst ein Rätsel und eine Frage ist, da sie vielleicht für manche Lösungen, die der Zionismus bietet» auch andere Möglichkeiten sehen, die aber doch mit aller JCraft eines Menschen» der zu einem höheren, einheitlichen, .harmonischen Leben strebt, an den Zionis-mus glauben und ihn begreifen, seine Notwendigkeit, seine historische Gesetzmässigkeit einsehen wollen, in dieser jüdischen Intelligenz also wächst immer stärker der Wunsch nach einer modern-wissenschaftlichen Erklärung und Deutung der zionistischen Idee. Und aui die Frage folgten aucli manche Antworten. Ich will von diesen nur die neuesten hervorheben. Es liegen drei Büche r vor mir, die die Fra$r& nach 'deiii Wesen und «der Begründung des Zionismus behandeLiv „Worin ist das Wesen der jüdischen Geschichte?" tra.gt H. I. L. Tschertok, der Verfasser der russischen, den obgenannten Titel tragenden Broschüre, Und es ist interessant, dass der Autor, der beinahe von denselben Voraussetzunpn, wie die deutsch-jüdischen Geschichtsschreiber und ihre Epigonen, die Reformer und. Assimilanten ausgeht, zu ganz anderen und rein zionistischen Schlüssen gelangt. Die Broschüre an und für sich hat keine wesentliche Bedeutung, da sie eine theoiogisierte Wiedergabe der Ideen Dubnows ist, aber der Autor war konsequenter als Durjnow, er blieb nicht wie dieser in der Mitte stehen, sondern zog liogisch denjenigen der zwei Schlüsse^ die man aus Dubnows Theorie ziehen muss: entweder völliges Aufgehen oder völlige Nationalisierung — tertium non datur. Eine „historisch-geistige" Nationalität ohne urund und *) Vgl, über die Literatur des Zionismus d a.s neu erschienene Such: „Ukasatel literatury o Sionisme^ Petersburg 1903 (Bibliographie der zion. Lit), herausgegeben von den Petersburger zionistischen Studenten. Das Buch is-t zwar rieht vollständig und erschöpfend, aber doch eine sehr verdienstvolle Arbeit.

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