Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Article
- Aus Russisch-Polen
- Date
- 1903-06-05
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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$eitQ 4 „Die W&V* iA Aus Russisch/-Pol6ir. (Die #schenewer Ereignisse. — Die polnische Presse find der ., 8lzraelita\) Es genügt nur hervorzuheben, dass als einzige ' Quelle der Nachrichten über Kischenew: dem „Kürjer Warszawski" das ihm an Niederträchtigkeit, Verfinsterüngswut und Borniertheit verwandte Blatt „Bess-- arabetz" diente, der bekanntlich einer der intellektuellen Urheber der Kischenewer Massacres war/ . Da gibt es in Warschau ein Blatt, das es wagt, sich „Izr aelita" zu nennen. Die Richtung dieser Zeitschrift ist ein wahrer Hohn auf den Namen, denn; mit dem Juden- . turne, wenigstens mit dem lebenden, fühlenden, leidenden! und kämpfenden Judentume hat der „Is i «&e Ii t a* nichts Gemeinsames: Schon lange verträgt er nicht das geräuschvolle, pulsierendenudische Leben der Gegenwart und all ihre Stürme und flüchtet sich in das Grab der Vergangen- . heit. Ihm benagt die Ruhe des Archäologischet), des Verstorbenen, die von keinen unbequemen Problemen, , von keinen Lebensfragen des ringenden Judentums ges trübt wird. Während seines Verweilens in dem der ungestümen Wirklichkeit entrückten Elysium der Vergangenheit hat der „Izraelita" den Zionismus verschlafen, das neu aufgeschossene jüdische Leben nicht wahrgenommen. Erst als die polnische Presse dem „Izraelita" mala Edes zuschrieb und wegen seiner — ' unbewussten — Tölerierung des Zionismus der Treue zur < jüdischen Nation verdächtigte, entschloss sich der in seiner Ehre tief gekränkte „Izräelita", sich von. diesem schrecklichen Verdachte zu reinigen. Als das beste Mittel, nicht als Jude erkannt zu werden, gilt es hier, selbt auf die Juden zu spucken. Der „I z r a e 1 i t aa macht von dieser Methode den ausgiebigsten Gebrauch.. Er, den die brennenden jüdischen Fragen, die Qualen der Verfolgten, das fürchterliche Los unserer unglücklichen rumänischen Brüder, die ganze Tragik jüdischer Leiden nicht aus der Idionsynkrasie der Gleich giltigkeit 'und Stumpfheit herauszuziehen vermochten, erhitzte sich auf einmal, spie Blut und Galle auf die Gesamtheit der Posener Juden wegen ihres angeblichen Hakatismus. In diesen Schmähungen war so viel hündisch« Unterwürfigkeit, so viel Selbstbesudelung,; ein & so knechtische Demiuv so viel Duckmäuserei vor :der polnischen Presse, dass sie gerührt den „Izr aelit a* unter ihre Fittiche nahm, Der. „Izräelita* wurde hoffähig, seine Artikel wurden vom „Kurjer Warszawski" zitiert. Was für eine Niederlage und ethischen Verfall diese Auszeichnung voraussetzt, was für eine moralische Ohrfeige sie bedeutet, werden nur. diejenigen abschätzen können, denen die Warschauer Pressverhältni«se bekannt sind. Von der Gewogenheit der Presse und den assimilatorischen Geldsäcken angespornt, unternahm der „Izraelita* in der letzten Zeit einen Kampf gegen den Zionismus, nicht jenen ehrlichen Ideenkampf, den wir unter Achtung für unsere. Gegner aufnehmen, sondern den. Kampf der Tendenz und der Lüge. AJles, was der Böswilligkeit zu Gebote steht, wird verwendet, , um den Zionismus vor dem unserer Bewegung unkundigen Publikum zu diskreditieren. Diese Kunst handhabt sui generi« meisterhaft Herr Dr. S. R, ein Renegat des- Zionismus, der wahrscheinlich durch die Lebensweisheit der Praxi« zur Ueberzeugung gelangt ist, dass im Kampfe ums Dasein das Einschmeicheln und die Kriecherei den Stärkeren gegenüber eine grössere Beute, eine bessere Portion Glück verspricht, „als der Einsatz aller Kräfte für die Schwachen, sich schnell vom Zionismus zurückzog und duirch ein Uebermass der Beschimpfungen unserer Idee seine „alten Sünden" , zu vertuschen sucht. Wenn man das antizionistische Gefasel d#s „Israelita" liest, weis» man wirklich nicht, was man früher bewundern soll; die Lächerlichkeit, das packend Komische des trotzigen Geberdans eines Zwergleins der öffentlichen Meinung gegen eine gewaltige und lebensstrotzende Bewegung, die Rücksichtslosigkeit des Kampfes mit den Waffen der Lüg« oder das Niedrige und Kleinliche, das diesem Kampfe zu Grunde liegt Wie der Jzraelita" jüdisch ist und jüdisch fühlt, wie er die Leiden, den Schmerz, den Grimm des jetzt blutenden jüdischen Gemüts wiedergibt, zeigen auch die Heiterkeit und Zufriedenheit, die nach den Kischenewer Mordtaten im ,Izräeli,taB hausen, während aus der ganzen wahrhaft jüdischen Presse,, trotz, der Zügel der obligatorischen Zurückhaltung, eine unendliche Klage aufsteigt ... M. Jahrblum. .Oer ^fZi|6hi)sMas r#.in B|jlgarle|% Die zionistische' Bewegung hat in letzter Zeit in Bulgarren bemerkenswerte: Fortsehritte gemacht. Diese Fortschritte äussern sich in dem ungeahnten Wachstum des nationalen Bewusstsejns der bulgarischen Judenschaft, unter dessen Zeichen nicht nur die jüdische Intelligenz, son dern sogar die jüdische Orthodoxie in Bulgarien steht. Die ganze jüdische akademische Jugend Bulgariens ist der Idee von der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes mit Leib und Seele, ergeben. Diese Tatsache bietet umsomehr Interesse, al« die bulgarische Regierung den bulgarischen Juden den Zutritt zu den Mittel- und Hochschulen durch keine Hindernisse beschränkt hat. Und die jüdische akademische Jugend Bulgariens ist unentwegt bestrebt, ihre Begeisterung für die Idee der Wiedergeburt des jüdischen Volkes in allen möglichen Formen zu betätigen. In den bulgarischen Mittelschulen wird zum Beispiel kein jüdischer Religionsunterricht erteilt. Die jüdischen Mittelschüler haben aber eigene Vereine zum Studium der hebräischen Sprache gebildet und eigene jüdische Bibliotheken gegründet. Andererseits aber hat auch die nichtakademische jüdische Jugend Bulgariens das zionistische Programm vollinhaltlich akzeptiert und alle Mittel angewendet, um den Zionismus unter den Arbeitern mächtig zu verbreiten. Unter anderem hat die nichtakademische jüdische Jugend Bulgariens fast alle Städte des, Fürstentums mit einem Netz von jüdischen Turnvereinen, musikalischen Gesellschaften und Gesangvereinen bedeckt, in denen der Zionismus zwischen Lied und Spiel propagiert wird. Derartige Vereine bestehen in Sofia, Philippopel, Rustschuk, Somokb w, Varhai * Küsten dil etc. Der zionistische Turnverein in Philippopei („Zionisteko junaschko druschestwo*) hat seinerzeit im dortigen Theater ein Chanüka-Fest veranstalte^ das einen glänzenden Verlauf nahm. Dem Feste wohnten auch viele Bulgaren bei. Und es rief unter den jüdischen Zuschauern grosse Begeisterung hervor, als jüdische Mittelschüler nationaljüdische Lieder in schöner hebräischer Sprache vortrugen und zionistische Melodien sangen. Das Lied BHamoschiachtf von Frischmann, das von einem Gymnasiasten vorgetragen wurde, weckte den stürmischen Beifall des dichtgefüllten Hauses. Aber ebensolche Festlichkeiten veranstaltete die nichtakademische jüdische Jugend Bulgariens in allen Städten des Fürstentums. In Sofia, Karnobat, Chaskowo und in vielen anderen Städten wurden diese Festlichkeiten in den Zirkusgebäuden abgehalten und verwandelten sich zu imposanten Kundgebungen zugunsten des Zionismus und seiner Führer. Ja, noch mehr, sogar in den bulgarischen Orten mit einer verschwindenden jüdischen Bevölkerungszahl wurden zionistische Feste veranstaltet, welche sich als ununterbrochene Siege der zionistischen Idee manifestierten. Diese nationale Bewegung der bulgarischen Juden hat, wie christliche bulgarische Autoritäten jetzt bekunden, aus den früher gedrückten und furchtsamen «Juden mutige Männer gemacht, welche überall Achtung einflössen und erzwingen. So hatte der Chef der Assentierungs-Kommission zu Plovdiv unlängst erklärt, dass die jüdische Jugend von heute unter dem Einflüsse der begeisternden Idee vojt der Wiedergeburt* des jüdischen Volkes physisch und moralisch ganz anders aussieht' als die Jugend von früher, welche durch ihren Anblick höchstens niir Mitleid erwecken konnte /.. T Von Interesse, ist die Tatsache, dass die jüdische rOrthodoxie in Bulgarien sich der zionistischen Bewegung der Jugend rückhaltslos angeschlossen hat. Diese Orthb- . doxie drückt ihre.Sympathien für .den Zionismus bei jedem Anlasse aus und unterstützt die Bestrebungen der-zionistischen Jugend tatkräftigst. Nur die jüdische PIutokratie •Bulgariens macht noch verzweifelte Versuche; dem Siegeszuge des Zionismus Hindernisse in den Weg zu-legen. Aber diese Versuche zerrinnen, gleich Seifenblasen;'bei der leisesten Berührung mit dem Volkswillen, der sich überall für den Zionismus erklärt. Sogar die Versuche der Plutokratie, den jüdischen Gemeindeschulen, welche Zionismen als Lehrer anstellen, die gewöhnliche Subvention zu entstehen, endigten mit einer völligen Niederlage dieser „Aristojcratie*, wie sich die Vertreter der jü(JisjDhen Plutokratie in Bulgarien nennen. Denn diese ,AristokrafenÄ sehen zu ihrem nicht geringen Schrecken, wie ihre elgen^i Kinder dem Zionismus sich anschliessen, wie der ZjonÄmüs im Ghetto Haus, Familie, Synagoge und Klub vbjr ständig beherrscht. Und sie treten den Rückzug an.