Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Article
- Eine Warnung vor überstürzter Emigration
- Date
- 1903-06-05
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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aJNr^23 „Öle 3> Welt- Seite 3 bolung derselben traurigen Erfahrungen,. *die wir im den Achtziger-1 und Bfeinizigerjahren Qes verflossenen Jahrhunderts vgemachithaben, f führen, u nd könnte nur dile Erreichung unseres so sehnlichst erwünschten Zieles,, der 'Kolonisierung Palästinas, beeinträchtigen und hemmen. Da aber jedes Eieigiijs im Leben des jüdischen Volkes auch in dem heiligen Lande sein Echo finden und seine Spuren zurücklassen muss, so müsse aueh das Kischenewer Unglück eine soforti ge Wirkung umL Aktion in Palästina hervorrufen. Das einzige, was ernstweulen möglich und dringend ist, ist in dem Torschlag ü s s i s c h k i n s, bezüglich der Waisen der Ermordeten in Kisclienew, deren es über 200 |ribt, enthalten. Gesinnungsgen os se U s s i s c h k in wird während seiner Anwesenheit in Palästina, wohin er Bich in «inigen Tagen begibt, eine spezielle Kommission ini Jaffa d iesbezüglich einsetzen, um die Mittel genau zu studieren, mit denen der Vorschlag ins Werkzmjsetzen sei.MaterielLeMittel ^werden hoffentlich nicht fehlen. Die Juden mögen sich aber beruhigen und wieder Mut fassen — das Schreckensdrama nürde erst recht unseren Glauben an die Grösse, die Notwendigkeit und »die Zukunft unserer Sache stärken. Das gesammelte Geld möge an di^ Adresse von Doktor U E. K oh an, Kischenew, Bajukanskaja uh, geschickt werden. Trauerkundgelungen für die Kischenewer Opfer. Die Lemberger Traiierfeier. Das war ein Tag, wie er ums lange im Gedächtnisse bleiben wird! Tieferschütternd war sein Anlass; der grauenwolle Mord, die Metzeleien unserer Brüder in Russland; aber wehmütig erschütternd und fcegeisternd war sein Verlauf. Es bedurfte keiner grösseren Agitation. Ei» Plakat sämtlicher zionistischer Organisationen mit dem Lemberger Distriktskomite* an der Spitze, zähJte die Namen der Märtyrer von Kischenew auf und lud die hiesige Judenheit zu einer Seelenandacht für die Gemordeten ein. Ein zweites Plakat des Vereines »Schomer Israel* förderte die jüdischen Kaufleute auf, ihre Läden wäJirend des Gottesdienstes zum Zeichen der Trauer zu sperre. Das genügte, um buchstäblich fast sämtliche Juden unserer Stadt auf die Beine zu bringen. Der Erfolg war eine Manifestation,'wie wir sie in ihrer Grösse and Einstimmigkeit noch nie gesehen haben. Jedes jüdische Herz schlug 'la-iiter. Für einige stunden schienen alle prinzipiellen und persönlichen Unterschiede und Parteikämpfe vergessen. Alles, was n och einen Funken von Judentum im sich bewahrt hatte, vereinigte sich im Gefühle tiefsten Mitleides für die unßchuldigen Opfer, hellster Empörung über die Mörder und Räuber, aber auch dn dem brennenden Verlangen nach Hüfte-, nach einer energischen jüdischen Organisation zur Selbsthilfe. Die Trauerfeier im Tempel war auf den 21. v. M., Uhr abendsr angesagt, und «ehon um 5 Uhr war der geräumige Plate vor demselben* mit einer vieltausendköpfigen Menge gefüllt, lieber Aufforderung der Polizei inussten deshalb schon um die-se frühe Stunde die Tore geöffnet werden und im Nu war der innere Raum samt -den drei grosse» Gallerien überfw 13t.. Aber noch drängten neue Massen herbei. Kurz vor Beginn der Feier kameit die im Vereine „AcHiwah11 organisierte-n zionistischen 'Arbeiter und Handelsangestellten in geschlossenem Zuge. Zu gleicher Zeit zogen vom Lokale des akademischen Vereines •»Ogniskö* etwa 300 jüdische Sindenten in einem grossen Zuge durch dte belebtesten Strassen Lembergs nasch dem Tempel. Der Zug erregte auf dem ganzen Wege ungeheueres Aufsehen. Mittlerweile war die Menge im Tempel zu einer geradezu beängstigenden Zahl angewachsen. Es mochten im Innern etwa 5000 Menschen, Kopf an Kopf gedrängt Platz gefunden haben, während mindestens ebensoviele <kaussen> vergebens Einlass begehrten. Zur angesagten Stunde begann die Feier. Oberkantor Halpern sangmit* hinreissend er Stimme einige Psalmen, worauf er das „ El mole rachmiia* für die Gefallenen sprach. Tiefe Bewegung ging durch das ganze Haus, als er die -»harugim alpi aman." erwähnte, Sodann setzte er sich zusammen mit itabin er ,Dr. C a r q auf den Erdboden . und letzterer sprach einen ,tachnoiÄ. Dr. Caro besüeg sodann die Kandel und besprach im einer in Inhalt und Form vollendeten Rede die ^Ereignisse von Kischenew. Während er die schrecklichen Mordtaten der Kazapen schilderte, musste^ er einige Zeit innehalten, um die Tränen zu bemelstern und das gaiLse Publikum schluchzte und weinte in einer Art, wie man es nicht einmal am J"6m Kipur in den Syaagogen zu hören gewohnt ist. Nach dieser erschüttern.- dea Szene betonte "Dr. C a r o, die Mordgesellen von Kischenew hätten keinen Unterschied der Partei und de*r Anschauungen gema&kt. Es sei also die heiligste Pflicat all&r Juden, die notwendigen Kon Sequenzen aus diesen Vorfällen zu ziehen. J>r. C a r o schloss mit einem warmem Appell an die Jugend, mit allem Nachdrucke für ihre körperliche Hebung und Stählung Sorge zu tragen, um nötigenfalls bereit zu sein. Nach Absingung eines Psalmes und eines zionistischem Liedes war die Feier zu Ende. JDf aussen bot sicheln eigenartiges Bild dar, Studenten und Studentinnen gingen im Vereine mit Arbeitern von Mann zu^Cann und sammelten Gafcen für die Waisen und Witwen der Gefallenen ein. Die Sammlung betrug 5(5® Kronen. Inzwischen hatten sich die jüd ischen Studenten wieder zu einem Zuge geordnet unJ kernten in ihr Vereinslokal zurück. Wie gewöhnlich hatte auch hier die Polizei unnötigerweise grosse Vorsichtsmaßregeln getroffen, da sie Demonstrationen vor denn russischen Konsulate befürchtete. Die Strasse, wo der russische Konsul w-o»hnt, war auch durch einen starken Polizeikordon zu Fusb und zu Pferde abgeschlossen. Alle die Massregeln erwiesen sich als überflüssig, da es niemandem einfiel zu demonstrieren. Zu gleicher Zeit fand auch für di* orthodoxen Juden in <Ler grossen vorsfcidtischen Synagoge ein Gottesdienst statt, Auch hier fanden sich viele Tausemde von Menschan ein und Rabbiner Sehmelkes hielt mit einer von Tränen erslickten Stimme eine Predigt, die tiefen Eindruck auf die Zuhörer machte. Alle diese Vorgänge hatten in der ganzen Stadt eine ungewöhnliche Aufregung hervorgerufen, Man sprach von nichts anderem als rom Kischenew und seinen Opfern. S© endigte die großartige Manifestation der Lemberg«x Judenheit. Die Zionisten können mit ihrem Verlaufe zufrieden sein. An diese Hauptfeier schloss sicli noch eine ganze Roitievon Zionisten veranlasster Veranstaltungen. So wurde Samstag, am 23. v. M. in sämtlichen Synagogen ein voma Ranbiner Schmelices verfasstes Gehet gesprochen. JWn demselben Tage fatiä nachmittags im Tempel ein Gottesdienst für die Gymaasialjugend statt. Professor Doktor Hausner besprach dabei in erschüttern der Weise die Vortalle in Kischenew- Schliesslich veranstaltete die ständige Repräsentanz der jüdisch-akademischfen Jugend Monta.g, am 25. v. M. eine grosse Versammlung, über die wir noch Näheres berichten werden. Dinrid Schreiber, Leipzig. Auf Veranlassung der zionistischen Ortsgruppe veranstaltete am 25 v.M. die hiesige orthodoxe Vereiaigung „Adass Jeschurun" für die Ermordeten in Kischenew in ihrem Bethause einen feierlichen Trauergotfcesdienst. Wie am Jörn Kipur \arar die Synagoge druckend voll besetz! Andachtsvoll lauschten die in Traue rkleliung erschien eu en Anwesenden dem tiefergreifen den Vortrage des „Hazur tomim pauolo* und des „Ow horachmiTn" des Kantors Herrn A. Idelschn. Hieraufhielt He*rr Rabbiner Dr. E"o b el eine von Herzen kommende) und zu Herzen gehende Rede und gedachte in rührenden Worten unserer zu Kischenew so grausam hingeschlachteten Brüder und Schwestern, die gleich unseren schon seit 2000 Jahren zu Tode gepeinigten, edlen Märtyrern ihren Gesist unter schmerlvollen Qualen fir ihre Zugebörigeit zum Judentume aushauchten. Er wandte sich an die Kinder mit den Worten, dass sie nie vergessen möchten, dass in Kischenew teueres jüdisches Blut geflossen ist. Sodann forderte er auf, au«cli der kleinen unschuldigen Opfer au gedenken, die so jäh durch elende Menschenhand um ihren Vater, Mutter oder gar um beide berauht wurden und nun allein und verlassen in der Welt dastehen. Mit dem Ausrufe „boruch dajin emes* schloss erseine Rede. Schiwesitzen und' die klagende Weise der rezitierten „Kinotin* wie auch Schofarfclasen beschlossen diese tieftraurige Feder. Eine Kollekte für den Waisen der Ermordeten ergab 300 Mark. Wir haben nie 'eine solche ergreifend« Wirkung, gesehen, uie diese Feier auf die Anwesenden hervorbrachte.