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Die Welt · 1903-05-29 · 22 (29.5.1903) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
22 (29.5.1903)
Article
Die Verstossene
Date
1903-05-29
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seife 14 £)le # Welt" Nr. 22 Mit weitgeäffneten Augen schaut sie in das Zimmer und erblickt nur mich allein. Voll Schreck, Flehen und Zorn starrtsie mich an. Ich verstehe sie. „Wo sind Sie?" fragte sie/ „Vergebt mir," flüstert sie betend. Und zornig wirft sie uns allen vor, an ihrem Unglück schuld gewesen zu sein. „Was wusste ich yon euren blutigen Kämpfen mit jenen?" „Du hast es gewusst. Im Cheder hast du es gelernt. Mir haben meine Bücher kein Wort davon erzählt." Bei euch hab' ich ein fremdes Leben, ein fremdes, schönes Leben ersehnt, welches noch weit schöner in den Büchern erschien, j' „Ich, ich sollte' etwas verraten, gefälscht haben! Ich vertauschte nur gelbe Safranstritzel mit feinem Butterkuchen. Cene-Eene-Legenden mit bedeutend schöneren, ansprechenderen und lebendigeren Erzählungen. Das enge, gedrückte und traurige Leben — mit einem Leben voll Sonnenschein und voller Blumen, mit einem Leben voll Freude und. Liebe. Ich habe ein wenig Qrün des Fussbodens gegen das freie, frische Grün von Feld und Wald eingetauscht. Tchines — mit Romanen. Ich verriet euch nicht. Ich kannte euch ja nicht einmal. ' Ich wusste nichts von euren Schmerzen, denn ihr habt sie mich ja nie mit einem Worte ahnen lassen. Warum habt ihr mir von „eurer" Liebe, welche sich von eurem Blute nährt, nichts erzählt? Warum spracht ihr zu nur niemals von eurer Schönheit, nie zu mir von eurer ewig- und immerblutenden Schönheit? Das Schöne, das Liebe, das Hohe, das Schaurig-Erhabene habt ihr in euch verschlossen, für euch Männer behalten. Für mich, für uns, die wir uns mit Leib und Seele, mit der ganzen Leidenschaftlichkeit unserer Jugendkraft dem Leben entgegengesehnt, die wir dem Leben entgegengestrebt haben, für uns hattet ihr nichts, von uns verlangtet ihr nur gelbe Safranstritzel und Butterkuchen. Uns habt ihr Verstössen!" So zürnte sie. Ehrentag. Fink, der jubelt im Waide: „Bin aus dem Süden hergeflogen, Bin mit dem Lenz zur Brautfahrt gezogen, Sing' nun auf blumiger Halde. Fink, Fink! Flink, Flink! Auf der Halde. Gaukelt ein Falter im Sonnenlicht: „Blauglöcklein! Hört! Ich ziehe zur Freite. Blauglöcklein, läutet mit Macht in die Weite. Läutet, sonst hört euch die Liebste nicht! Kling, Kling! Flink, Flink! Sonst hört sie euch nicht \" Wankt ein düsterer Zug durch den Hag. »Juden! Aus fernem Lande verjagt. Juden! Verfolgt, gehetzt und geplagt. Blauglöcklein läuten zum Hochzeitstag: „Kling, Kling! Flink, Flink! Heut5 ist Ehrentag!" Emst Erdmann. Die Nachricht. Aus dem Hebräischen von J. Berschadski. Uebersetzt von M. B. (Schiuss.) Er wusste selber nicht, wie lange er sich in dieser Ohnmacht befunden habe* Plötzlich fühlte er sich aufgerüttelt Er erhob bebend sein Haupt und blickte verwirr um sich, ohne zu begreifen, was mit ihm vorgegangen! war. Nach und nach erwachte sein Bewusstsein. Immer wieder fragte er sich zweifelnd, ob es ein blosser Traum sei, aber ein Blick auf den Brief genügte, um jeden Zweifel an der bitteren Wirklichkeit aus seiner wunden Brust zu verscheuchen ... Hastig erhob er sich von seinem Sitze. Ein innerer Sturm, immer stärker und heftiger, Hess ihn nicht ruhen . .. Seine Erregung wuchs von Minute zu Minute, heftiger Zorn brachte sein Blut ins Sieden, seine Zähne schlössen sich zum Knirschen und die Fäuste ballten sich wie von selbst zusammen. „Wie konnten sie es wagen, das zu tun?!" Er wusste wohl, dass seine Söhne nicht strenge die Satzungen der Religion befolgten; auch er selbst setzte sich oft über manches hinweg. In M. ist es ja nicht leicht möglich, so zu leben, wie in irgendeiner „Rayon"-Stadt — aber solch' einen Schmerz!... In wehmutsvoller Klarheit sah er nun den schrecklich tiefen Abgrund, der alles, was ihm so teuer war, all seinen Lebenstrost und die Frucht langjähriger emsiger Arbeit so jählings verschlungen hatte. Was nützte ihm nun alles? . . Für wen hatte er sein Leben lang gearbeitet? . . . Diese verzweiflungsvolle Frage rief in ihm eine zweite noch bitterere und schmerzlichere hervor. Hatte er nicht selbst alles verschuldet, was da geschehen war?... Wie stolz blickte er^einst auf seine eigene Lebensführung und wie mitleidig sah er stets auf die grosse Menge seiner Volksgenossen herab, die nicht, gleich ihm, für die Zukunft ihrer Kinder vorgesorgt hatten — bewiesen nicht am Ende die Tatsachen das Gegenteil?! .. . Verdiente nicht er vielmehr das Kopfschütteln jener Leute, die er einst bemitleidet hatte und die er nunmehr beneidete?!. .. Sein Zorn und seine Selbstvorwürfe hörten allmählich auf, um einem Gefühle von Verzweiflung, gemischt mit völliger Apathie und Energielosigkeit Platz zu machen. Zerknirscht und ohnmächtig, war er unfähig auch nur einen Gedanken zu fassen, sich über seine wahre Lage klar zu werden. * Er ging nicht mehr in seinem Zimmer umher; sein Hirn war fast untätig. Ohnmächtig sass er da, in seinen Stuhl gelehnt, und gar wunderliche Bilder erzeugte seine Phantasie .. . Er sah sich auf dem Krankenlager in seinem Schlafzimmer. Es war bereits spät am Tage, im Zimmer jedoch, dessen Fenster verhängt waren, herrschte Dunkelheit. Leute gingen hin und her, still und sacht, ohne die Ruhe zu stören. Alle gingen sie bedachtsam auf den Zehen und ganz leise sprachen sie zu einander. Doch ihm entging nichts, er hörte und verstand alles. Seine Sinne waren wohl schwach, aber noch immer klar genug, um die Vorgänge zu erfassen: „Er ist in grosser Gefahr* — hörte er ein leises Zischeln — „sein Ende ist nahe.* „Und wo sind seine Söhne? Wissen sie denn gar nichts?' Ein Achselzucken und Verwundern, die deutlich sprechen: „Ihr wisst also noch nichts? .. " „•Sr rührt sich, winkt... Er will gewiss „WiddujÄ (das Sündenbekenntnis) sagen. * „Widduj"... Wahrlich, wie sehr tut ihm „Widduj^'not!a Und aller Augen, die auf ihn gerichtet sind, werfen ihm Bücke voll Bedauerns und Mitleids zu. „Eine Strafe Gottes" — liest er in diesen schrecklichen Blicken nur allzudeutlich — gibt es ein grösseres Unglück?! .. .* „Gibt es einen Unglücklicheren?. ..«

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