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Die Welt · 1903-05-29 · 22 (29.5.1903) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
22 (29.5.1903)
Article
Zwei Bilder
Date
1903-05-29
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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tö;22* Seite 13:; und Frauen Jerusalems gehen ihnen entgegen und schliessen aich ihnen an. In der Stadt angelangt, singen sie den Psalm: I D^rcrp T"W3 ir^n m wrow „So treten wir denn in dein« Tore, Jerusalem!41 Die Trompeten erschallen, die Flöten erklingen und freudetrunken geht der Zug durch die festlich geschmückten Strassen Jerusalems; das Volk fcildet Spalier undbegrüsst den Zug: J ahw2 Dnaa wbsi taipb •wk irna „Unsere Brüder, Bürger ron ., seid willkommen!u Am Tempeiberg angelangt, nimmt jedermann, und sei es auch der König selbst, seinem Korb mit den geweihten Erstlingen auf die Schulter und im Chora erklingt der Psalm :! ♦ ♦ ♦ ittHpa Abn ,rv"bbn „Hallelii|ah! Preiset den Herrn! Preiset (Sott in seinem Heiligtum!____Hallelujah!« Der Zag wird in der Teimpelhalle sichtbar und der lieviten-Chor stimmt den Psalm an:! h ■o-ik nraw «bi vrrbi n y*an* „Ich preise Dich, Herr, Jass du mich errettest und nicht meine Feinde über mich jubeln lassest!1 Jetzt treten die Landwirte einzeln vor, jeder übergibt seinen Korb lern Hohenpriester und spricht: ♦ ♦ ♦ nönatb w •a* in« „Mein ^ITorahn, Jakob, war ein verlassener Aramäer, «r kam dann nach Aegypten, wo er zu einem zahlreichen, grossen Volke wurde. Die Aegypter aber bedrückten uns und zwangen uns zu hartem Frahndienst. Wir aber beteten zum Ewigen, dem Gotte unserer Väter, und der Ewige führte uns aus dem Lande der Knechtschaft mit mächtiger Hand und ausgestrecktem Arm lind brachte uns in dieses Land, wo Milch und Honig flies st. Und nun Iringe ich die Erstlinge der Bodenfrüchte, mit denen Du mich gesegnest, vor Dich, Ewiger, mein Gott!" IL Aus«l<er Haftorah des zweiten Tages Scheluoth: „Ich liöre es, und es «rzittert mein Inneres, es erschallet die Stimme, und meine Lippen, die dröhnen und beben, der Wurm des Grames dringt in meine Knochen, alles bebet unter mir — dass icli ruhe am Tage der Angst und der Not, da heranstürmen wilde Horden und bedrängen mein Volk!" — Kischenew! Dem jüdischen Volke -aur Auswahl! N. Die Verstossene. Freie Uebersetzung aus dem Jüdisch-Deutschen. Von Paula Battner. IsTaehP^rez. Den ganzen Mai über hatten wir unter denn strömenden Regen und flurch die Kälte zu Leiden gehabt. Es hatU den Anschein, als wenn kein Sommer mehr werden wollie, und dass es ewig so frieren und nass »ein würde. Am Erev Schwuos brach sLcli doch die Sonne plötzlich durch die Wölken siegreich Bäkn. „Thora ist Licht," rief de* Vater voll stolzer Genugtuung, und begann den Tickon-Schwuos f ür Jen Abend hervorzusuchen. „Lekored Jontew," rief aneh die Mutter und wandte sich mit erneuter Kraft dem Bereiten der Butterkuchen zu. „Goldig-gelbe Stritzel weiäe ich hacken,," rief sie uns verheissungsiroll zu. Nach kurzer Zeit erfüllte der miteinander vermengte Dufit von frisehem Teig, Safran, Zimmt, Kreidenelken, von süss-sauerliehen} Glumbskäse und zu Sahne gerührter Butter das Zimmer. Meine jüngere Schwester Hanna kümmerte sich wenig um die Vorgänge um sie her. Sie sass über ihren „Roman'* gebeugt an einem Fenster. Jedoch las sie fax nicht einmal darin, sondern blickte immieTwährend unruhig auf die Strasse. Mehrmals rief die Mutter sie zu Hilfe, ohne jedoch von ihr eine Antwort erhalten zu können. Auf ihrem blassen Antlitz spielte ein feines Läclioln und ihre schmalen Lippen schienen sich zur Antwort öffnen zu wollen. Sie schwieg aber und starrte wieder in das Buch, j „Faules Ding," brummte die Mutifer, „immer Bücher, undimmer Bücher! Was versteht sie von einem Jontew?* Der Vater, welcher sich sonst wenig unn häusliche Angelegenheiten zu bekümmern pflegte, hatte währenddessen den Tickon-Schwuos gefunden und abgestäubt. Dann hatte er rieh niedergelegt, denn er voll teein wenig nach dem Ba.cle ruhen, um die Nacht durchwachen zu können. Um des Alten Schlaf nicht zu stören, hatte selbst die Mutter zu brummen aufgehört. Sie winkte mich leise herbei, reichte mir einige G-roschen und befahl mir, Laub zum Streuen des Fussbodens unl buntes Papier zu holen. Sie wollte nämlich daraus Blümchen für die Fensterköpfe schneiden, Gott weiss,, wie schwer es mir fiel, das Zimmer zu verlassen, in welchem eine Schale mit dickem Rahm stand, und eine andere, in welcher sich mit Zucker verrührte Glumse befand, und in welcher ausserdem hin und her verstreut« Diitchen mit Rosinen zu erblicken waren. Darnach trat für uns ein schreckliches Schwuosfest ein. Meine Schwester Hanna hatte uns verlassen---- Wir waren in die Synagoge gegangen, und die Mutter war vor dem Lichtbensehen eingenickt . . . Damals hatte sie ein Zeichen erhalten (die Mutter vernahm im Schlaf einen schrecklichen Pfiff) und sie ging zu ihnen, zu unseren Feinden über. Und gerade Schwuos hatte sie dazu auserselien, die Zeit der Mattan-Tliora---Damals, ach^ damals verlioss sie uns. Alles entschwindet, alles;. Vorüber Glück und Unglück, das Gute und das Schlechte. Wir nähern uns immer mehr und mehr jener Stätte, an welcher alles der Vergessenheit anheimfällt, und an welcher wir nochmals an unser ganzes Leben gemahat wenden. Alles, alles, was wir durchlebt haben, bleibt auf unserem Lebenspfade liegen., wie Steine anf einem verlassenen Wege, wie Grabsteine, unter denen in einem Gange unsere guten und schlechten Freunde schlummern. Und Hanna vermag ich nicht zu vergessen . . . Das Leben, zu welchem sie sich geflüchtet, hat sie wiederum hinausgestossen. Das von ihr erhoffte Glück verblühte und welkte schnell dahin. Aus den erträumten Blüten sind für sie nur stechende Dornen entstanden. Die Rückkehr war ihr rersagt. Es trat ihr das Gesetz, sowie zwei Gräber entgegen — das Grab des Vaters und der Mutter. Wo mag sie jetzt nur sein?-- Jeden Schwuos-Abend zeigt sie sicli mir. Sie zeigt sich auf der Strasse und stellt sich ans Fenster, als fürchtete sie o<L«er hielte sieh für unwürlig, ein jüdisches Heim zu töteten.

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