Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Article
- Maxim Gorki und Tolstoi über Kischenew
- Date
- 1903-05-29
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Ute & Wert? Nr. 22 Das ist alles, was ich anlässlich des Kischenewer Massacres sagen könnte, aber all dies habe ich schon längst gesagt! Ihr Leo Tolstoi. Jassnaja P o 1 j a n a, 27. April 1903. Aus dem Kischenewer Spital. .... Da liegt eine junge, kaum achtzehnjährige Frau, der die Unmenschen die rechte Brust abgeschnitten haben; ihr kleines einjähriges Kind ruht in ihren Armen; man hat es, wie sie selbst erzählt hat, vor ihren Augen mit glühendem Eisen geblendet. Sie habe sich auf die Unmenschen gestürzt, doch sofort sei sie von der entmenschten Rotte niedergeworfen und geschändet worden. Als ihr Mann, der gerade dazu kam, von seinem Revolver Gebrauch machen wollte, habe man ihn gebunden und gezwungen, mit anzusehen, wie,seiner Frau die Brust abgeschnitten wurde. Neben dieser Unglücklichen, aus deren tränenlosen Augen der entsetzliche Seelen&hmerz dringt, sitzt aufrecht in ihrem Bette eine alte, gramgebeugte Frau. Sie trägt eine Binde um den Kopf, der von einem Säbelhieb gespalten ist. Auf die Frage, warum sie nicht liege, antwortet sie, sie könne nicht liegen, der Rücken sei ihr mit Ruten zerfleischt worden. Warum? Sie hatte, als die wilde Rotte eindrang, ihre Enkelkinder im Keller versteckt; die Kinder wurden, als man sie fand, vor ihren Augen abgeschlachtet, sie selbst ausgezogen und mit Geissein gezüchtigt. Nebenan jammert ein sechsjähriges Mädchen, es windet sich in furchtbaren Zuckungen, will den Verband, den man ihm um den Kopf gelegt hat, abreisssen, die Wärterinnen halten es an den Händen fest; da plötzlich streckt die Kleine sich lang hin, sie gibt keinen Laut mehr von sich — sie hat ausgelitten. Noch schrecklichere Szenen spielen sich in dem Männersaale ab. Da befindet sich ein Greis, der sich, schrecklich verstümmelt, den Tod herbeiwünscht, denn er hat sein Weih seine Söhne und Töchter an dem Schreckenstage umkommen sehen und hofft nun, bald mit ihnen vereinigt zu sein. Da sieht man einen Mann, dem man die Füsse abgesägt, einen Jüngling, dem man die Brust gespalten, ein Kind, dem man sämtliche Zähne ausgerissen hat, kurz, es ist ein unbeschreibliches Elend! (Berl. Tagebl.) * Rumänien und Kischenew. Es ist nicht ohne Interesse, aus dem „Roumanian Bulletin" zu ersehen, dass der Kischenewer Judenhetze eine antisemitische Pres$hetze in Rumänien vorausging. Anfangs März veröffentlichte die rumänische Zeitung „Vocea Tutovei" eine Serie von Artikeln, die sich mit dem Ritualmord beschäftigte und ihn als eine alte Einrichtung des Judaismus bezeichneten. In dem Schlussartikel befand sich nachstehende Bemerkung: „Die von den Juden neuerdings in Oesterreich, Böhmen, Ungarn, Deutschland und Russland begangenen Ritualmorde sind noch frisch in jedermanns Gedächtnis. Wieviele Kinder sind aber in unserem eigenen Lande verschwunden? Wieviele verstümmelte Körper wurden gefunden, während die Verbrecher unentdeckt geblieben? Wer sind diese Verbrecher, diese blutdürstigen Mörder unserer lallenden Kleinen? Die 600 000 fanatischen Juden sind es, die unser Land verpesten. Diese Bestien sind die Schlächter unserer christlichen Kinder. Die Juden sind die Verbrecher, sie, die unser Land wie Heuschrecken überfielen . . . Die Zeit ist vorbei, wo man mit friedlichen gesetzlichen Einschränkungen wirken konnte. Alle guten Rumänen sollten ihre schweren Stöcke schwingen und diese Parasiten ihres Landes vertilgen.*' Die Greuel in Bessarabien sind denn auch von der „Vocea Tutovei" mit Freuden begrüsst worden, und das Blatt hält die Zeit für bevorstehend, in der selbst die Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika sich erheben werde, um auch die amerikanischen Juden zu zerschmettern. Das Blatt nennt die Vorgänge in Kischenew „ein vorzügliches Vorbild". Von Seiten der rumänischen Regierung ist nichts dagegen geschehen, dass die „Vocea Tutovei4' die Artikel auch in Broschürenform veröffentlichte, obgleich diese Artikel die deutliche Aufforderung zum Landfriedensbruch, urn einen milden Ausdruck zu ge brauchen, enthalten. # („Berl. Tagebl.*') Oesterreichische Parteigenossen! An das L.-K. sind mehrfach Anregungen ergangen, die zwei Monate von Schewuoth bis Tischah-beab als Trauerzeit für die Märtyrer von Kischenew zu bestimmen, während welcher die Teilnahme an öffentlichen Lustbarkeiten verpönt sein solle* Wir machen Euch einen zweckdienlichen^ besseren Vorsehlag: Die Namen von 41 Todesopfern des Judenhasses sind uns bisher bekannt. Diese teueren Namen jsollen durch die Opferfreudigkeit der Zionisten den Nachkommen bewahrt bleiben! Jeder österreichische Zionist möge zwischen Schewuoth und Tischah-beab a 11 w o c hentlich nur 50 h „zur Eintragung der Blutzeugen ins goldene Buch des Nationalfonds" an „Die Welt" abführen und wir werden die zur 41fachen Eintragung nötigen 9840 K aufbringen. Diese werktätige Pietät wird beitragen, künftige Kischenews zu verhindern. Das ö&terr. Landes-Komitee. * Die bisher agnoszierten Toten von Kischenew. Mordchaj Abindig, Jechiel Selzer, Benjamin Baranowiez, Izrael Selischtschajan, Abraham Kohon, Jakob Tunik, Israel Ulmer, Kopel Kojnarski, Mojsche Machlin, Jehoscheja Berladski, Sussmann Panorschi, Benzion Galanter, Ghaim Leib Goldes, David Ghaskielewicz, Simcho Wulf, Hirsch Liss, Idl Krupnik, Izchok Meier Krupnik, Drachmann, Morchai Grünspan, Izchok David Bielizki, Jozef Kantor, Hirsch Bolgar, Chaim Nissensohn, Schmul Boruch Urmann, Abraham Weinstein, Mojsche Hirsch Rinel, Ahron Brochmann, Izchok Rosenfeld, Jozef Hirsch Grünberg, David Okaridon, Kaiman Malawicz, Schimon Lea Kigelmann, Chaja Fischmann (10 Jahre), Michal Loschak (2 Jahre), Chaja Sara Panaschi, Reize Kazap, Kejla Mosa, Etel Berger, Fajna Spiwak, Feiga Wuler. * Die Opfer von Kischenew. Wir werden siegen! Ja, wir müssen siegen, denn sonst wird mit uns alles zertreten: die Menschlichkeit, die Kultur, unser Glauben und Hoffen, unsere Zukunft. Es ist etwas Unglaubliches geschehen. Drei Tage hat eine Rotte vertierter Menschen unser gespottet und wir konnten ihr keinen Widerstand entgegensetzen, niemand hatte die Kraft gehabt, sich zum Kampfe zu stellen. Drei schreckliche Tage, und nachher? Nachher werden wir „Spenden* einsammeln, vielleicht den Waisen Brot geben können, die elenden Häuschen wieder herstellen, die Ruinen unseres Besitzes wieder aufrichten. Aber wer wird den Waisen die Mutter zurückgeben, der Mutter den Sohn, den Brüdern die Schwester? Wer wird die zerbrochenen Herzen wieder aufrichten, den verlorenen Glauben wieder erwecken? Drei Tage hat eine Rotte unser gespottet, geleitet von Feiglingen, die sich hinter ihrer öffentlichen Stellung bequem verbergen, hat uns Brot, Asyl, Familie geraubt. Aber nicht nur darnach haben unsere Feinde gestrebt Sie wollen uns mehr als Brot, als Freunde und Familie rauben. Sie wollen in uns den lebendigen Glauben an uns, an den Fortschritt, an unseren eigenen Mut töten. Nicht unser Blut, sondern die Ehre unserer Seele wollen unsere Feinde beschmutzen. Nicht unser Leben, sondern die Q u e 11 e unseres Lebens, den Glauben an unsere Kräfte, an unsere Befreiung wollen sie vergiften. Aber wir müssen siegen 1 Hier im Anblicke des Todes unserer Brüder müssen wir schwören, alles, den Atem unseres Lebens der Befreiung unseres Volkes zu opfern! So soll jedes Opfer, welches unter den Händen der Mörder gefallen ist, tausend neue Kämpfer für unsere Befreiung erwecken! Denn, wenn wir jetzt nicht kämpfen, dann werden wir uns selbst einen schrecklichen Selbstmord bereiten. Auf den blutigen Gräbern unserer ermordeten Brüder werden