Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Article
- Pressstimmen über die Kischenewer Judenexzesse [Kommentar]
- Date
- 1903-05-29
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Hi. M ' ''■) "! „Die s£ Wpltä Seite j» er natürflich für diejenigen, die Oekonomie verstehen, bloss lächerlicBr; seine absurden Behauptungen, dass es kein jüdisches Proletariat gäbe, dass die jüdischen Handwerker Ausbeuter seien, rief eil bloss ein Achselzucken und ein ironisc3ies Lächeln hervor. Aber der „Etessarabez" gab sich mit Theorie allein nicht zufrieden; er war auch bemüht, die Theorie in Praxis umzuwandeln. Er begann eine Sprache zu führen, welche der ungebildeten Masse "verständlich war, eine Sprache des Hasses, der Unduldsamkeit, und fachte im Volke die Fackel <Les Rassen- und Glaubenshasses zu hellem Brande an. Wir werden einen neuen Kreuzzug gegen die Juden begannen, schrieb er. Der rohe, blutdürstige und schamlose Aufruf zur Rache und Gewaltausübung gegenüber denJiiden, ihrer Person und ihremGut, strömte wie Gift in die Seelen und Herzen der rohen Hör er, der Besucher der Schankwiitschaften und Restaurants. Im kranken Gehirn dies Redakteurs erschienen blutige Visionen und er erkrankte &(i Verfolgungswahn. Er glaubte an Verschwörungen der Juden gegen sein Leben: „Wenn ein Haar wn meinem Haupte gekrümmt wir«L, so wird mein Name mit blutigen Lettern in die Geschichte eingetragen werden." Er übte, zu deren Schande,. Einfluss auf die dortige Intelligenz aus, d«eren Judenhass gesteigert wurde. Selbst in die Schulen dra_ng das Gift des Antisemitismus. Alljährlich vor Ostern erschienen Mitteilungen, vom geheimnisvollen Verschwinden von Christenkindern und das Ritualrncrdmärchen war fertig. Vor zwei Jahren machte eine betrunkene Menge anri Osterfeierta^e die erste Probe und zerbrach die Scheiben der jüdischen Häiaser; jedoch verhinderte damals das energische Einschreiten der Polizei grössere Ausschreitungen. Das laufende Jahr wai besonders günstig für die verbrecherische Propaganda. Der Boden war vorbereitet. Die rechtlose Lage der Juden bestätigte die Ueberzeugung der ungebildeten Masse, dass die Juden ausserhalb des Gesetzes ständen . . Werna brachten die Krawalle Nitzen? Wer ha He das Blut unschuldiger Menschen nötig? Löst man etwa auf diese Weise ökonomissche Fragen? Der Mittelpunkt Bessarabiens, die reichste meiner Städte ist zerstört und wird sich nicht sobald erholen, die ganze Gegend ist in gedrückter Stimmung; ihre Tätigkeit: ist gehemmt, was sich auch in der Zukunft zeigen wird. Aifceitslosigkeit, Hunger und Krankheiten — das werden die nächsten Folgen der Krawalle für die Bevölkerung sein." Aucä die „Russlrija Wjedomosti" beschuldigen Kruschewan, den Mob aufgehetzt zu haben, und nehmen die von Ktuschewan angegriffenem Juden in Schutz, indem sie beweisen, dass gerade das Gegenteil von dem, was er über die Juden geschrieben hat, wahr sei. Maxim Gorki und Tolstoi Uber Kischenew. * Schmach volle Ereignisse kommen in unserem Vaterlande in den letzten Jahren immer häufiger vor. Aber da_s Schmachvollste unter allen, ein Ereignis, das Abscheu, Schrecken und Empörung erregt, das sind die jüngsten Judennuetzeieien in Kischenw. Menschen, die steh Christen nennen, die an den Gott der Liebe und des Mitleids glauben, widmen den Feiertag der Auferstehung ihres Gottes von den Toten der Ermordung von Kindern and Greisen* der Vergewaltigung von Frauen, der Folterung und Beraubung der Angehörigen jenes SUmmes, aus dem Chriistus hervorgegangen ist. Weir trägt die Schuld an diesem furchtbaren Yerbrechen, welches auf uns allen wie ein blutiger Fleck ruht, ein Fleck, den Jahrhunierte nicht wegwischen werden von den Blättern der traurigen Geschichte unseres finsteren Landes? Es "wäre freilich sehr einfach, aber auch sehr ungerecht, die Schill auf die „Menge" zu wälzen, die über die Juden hergefallen vst Die Menge ist nur ein Werkzeug! Der Schuldige ist das korrupte Gewissen, welches die Menge zum Morde und zum Raul>e angetrieben haben. Es ist bekannt, dass in Kischinew die Menge von Leuten kommandiert und angefeuert wurde, die den gebildeten Kreisen angehören- Aber wer ist denn eigentlich die gebildete russische Gesellschaft? —Diese ist ebenfalls eine Menge, aber noch schlimmer als die „Volksmenge", ienn das Volk ist gereizt durch die Last seines Lebens, es ist blind und gefesselt durch die Mach t der Finsternis, die künstlich erhalten wird. Dag egen ist die gebildete Menge ein Haufe feiger Sklaven, ohne Gefilil, ohne Menschenwürde und ohne Bewusstsein ihrer Pflichten, stets bereit, vor der Macht in den Stauf) zu fallen, sowie einer jeden Lüge Glauben entgegenzubringen, wenn sie nur geeignet ist, ihre Ruhe zu scliützen, eine kraftlose und rechtlose dunkle Masse mit geringem Selbstbewußtsein und ohne Schamgefühl — ungeachtet ihres wohlanständigen AeusseriL Und für das schmachvolle und furchtbare Weik, welches in Kischanew verübt worden, fällt auf unsere gebildete Gesellschaft eine ebenso grosse Schuld, wie auf die wirklichen Mörder und Vorgewaltiger. Ihre Schuld besteht nicht nur darin, dass sie <lie Ueberfallenen nicht verteidigt, ja sich sogar noch an dem Anblick der Gewalttaten ergötzt hat — ihre Hauptschuld besteht darin, dass sie sich viele Jahre hindurch hat entehren lassen durch die Predigten _des Menschenhasses von Seiten der berüchtigten, schamlosen Lügner und Apologeten der Lüge, wie Alkesy Snwarin, W. Burenius, W. Welitschko, S, SdLfcparow, M. Komarow, Kruschevan, Piatkowski und aller anderen, die mit ihnen gehen. JQiese sini die wirklichen Urheber der schmachvollen and fürchterlichen Greueltaten, deren Schauplatz JCischenew gewesen ist. Zu all den abscheulichen Prädikaten, die abscheulichen Menschen seit langem anhaften, gesellt sich auch nocti der Ruf von Anstiftern zum Kaub und zun-* Mord. Diese Menschen, die unaufhörlich der/ Namen Qottes im Munde führen mild dabei nicht müde werdeib die russische Gesellschaft zu korrumpieren, indem sie rias.4 gegen Juden, Armenier, Finnläiider predigen — — nun überschütten sie die Leichen derer, die auf ihre Anstiftung hin gemordet worden sind, mit feigen und niederträchtigen Verleumdungen und setzen ohne Scham ihr trauriges Werfe fort, das Gefühi und Gedanlcen der willenlosen russischen Gesellschaft schändet! Schmach über diese bösen Häupter! JWLöge das Feuer des Gewissens ihre faulen Herzen verbrennen, die voll sind von Lakaien-Ehrgeiz und sklavischer Unterwürfigkeit vor der brutalen Macht. Die russische Gesellschaft, die bisher in beschämender Weise sich der Suggestion dieser gemeinenSklaveri unterworfen hat, sie hat min die Pflicht, zu beweisen, dass sie noch nicht ganz sittlich veidorben ist durch die Schänder des Gedankens, dass sie sich nicht einig fühlt mit den Anstiftern zum Raub und zum Mord, dass.sie sich noch einen Rest von wahrhaft menschlichem Gefühl bewahrt hat. Um ihr Gewissen von der Schmach und der Schande des Kischenewer Werltes wenigstens teilweise zu entlasten, hat die russische Gesellschaft die Pflicht, den ruinierten und verwaisten Juden zu Hilfe zu kommen, den Söhnen des Volkes, das der Welt so viele wahrhaft grosse Männer gegeben hat und trotz seiner schrecklichen unterdrückten Lage auch jetzt noch so viele Lehrer der Wahrheit und Schönheit hervorbringt. Jeder also, der sich nicht zu den Lakaien zählt, jeder, der noch ein Gciühi für menschliche Würde sich bewahrt hat, leomme den Juden zu Hilfe. Für einen jeden, der sich als Mensch — Mensch im wahren Sinne des Wortes — fühlt, darf es weder Christen noch Juden geben — sondern nur M enschen. Maxim Gorki. In einem Privatbriefe schreibt Leo Tolstoi unter anderem folgendes über die Kischenewer Exzesse: „Lieber N. N,! .... Was mein Verhältnis zu den Juden und zu den schrecklichen Vorfällen in Kischenew betrifft,,so müsste es, glaube ich, für alle klar sein, die sich für meine Weltanschauung interessiert haben. Mein Verhältnis zu den Juden kenn kein anderes als zu Brüdern sein, die ich liebe, und zwar nicht deshalb, weil sie Juden sind, sondern weil wir und sie, wie alle Meeschen* Söhne eines Vaters und Gottes sind* und d;ese Liebe fordert keine Anstrengungen rn-einerseits, weil icli vorzügliche.» Jndenmenschen begfegnet bin und sie kenne. Mein Verhältnis zu den Kischenewer Verbrechen wird auch durch meine religiöse Weltanschauung von selbst bestimmt. Noch i>e:vor ich alle Einzelheiten, die nachher publiziert wurden, kannte, bald nach dem ersten Zeitungsbericht, begriff ich all das Entsetzen des Geschehenen und empfand ein schweres und gemisebtes Gefühl des Mitleides gegenüber den schuldlosen Opfern i&r Bestialität <Ler Masse, der Verwunderung über die Vertieitheit dieser Leute, dieser Scheu:-Christen, ein Gefühi des Abscheues und des tiefsten Ekels vor denjenigen, den sogenannten „gebildeten" Leuten, die die Masse aufhetzten und sie in ihren Gewalttaten unterstützten, und hauptsächlich ein Entsetzen vor dem eigentlichen Anstifter des Blutbades, vor unserer Regierung mit ihrer die Leute 'j&türenden und fanatisierenden Geistlichkeit mid ihrer raubsiiditigen Bande der Tschinowniks. Die Kischenewer Gewalttat nt eine direkte Folge der Lügs und Vergewaltigung, die mit solcher Spannkraft und Beharrlichkeit von der russischen Regierung geilbt wird. Das Verhältnis der Regiemng zu diesem Ereignis ist nur ein neuer Beweis ihres groben Egoismus, der vor keiner Grausamkeit zurückschreckt, wenn es sich um die Unterdrückung einer ihr gefährlich scheinenden Bewegung handelt, und ihrer vtillig£n Gleichmütigkeit gegenüber den schrecklichsten Greueltaten, falls diese: ihr Interesse nicht berühren,