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Die Welt · 1903-05-29 · 22 (29.5.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
22 (29.5.1903)
Article
Nach den Schreckenstagen von Kischenew
Date
1903-05-29
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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ieite 4 0k % mit« Nr. die wilde Meute anspornten, zu rauben und zu plündern. Aufsehen erregt jetzt der Brief, welchen der bekannte Adjutant des Grossfürsten Konstantin Konstantinowitscli, der hervorragende General A. Kirejew, über die Massacres von Kischenew publizierte. In diesem Briefe dankt General Kirejew demPriester Johann vonKronstadt für sein mutiges Urteil über die Schandtaten von Kischenew und erklärt, dass alle Bussen, welche ihr christliches Bewusstsein nicht verloren haben, die Ungeheuerlichkeiten von Kischenew brandmarken müssen. Auch Erzbischof Antonius erklärte in seiner Bede in der Kathedrale von Schitomir, dass „das Blut der unglücklichen Opfer von Kischenew das christliche Bussland mit Sx-hande'und Scham befleckt hat". Aber alle dlose Stimmen haben unter die jüdische Bevölkerung die gewünschte Beruhigung nicht gebracht. Fast in allen Städten kursieren Gerüchte von bevorstehenden Unruhen gegen die Juden. Diese Gerüchte finden Nahrung in den Vorgängen, deren Schauplatz jüngst die Städte Jekaterinoslaw, Cherson, Nikolajew und Yalta waren, in diesen Städten wurden viele jüdische Kinder in den Strassen und auf den öffentlichen Plätzen von unbekannten Personen mit Zuckerwaren beschenkt, nach deren Genuss sie an Vergiftung starben. Wohl beeilten sich die südrussischen Blätter „Pridujeprowskij Kraj", „Wfjestnik Juga" und sogar die „Nowoje Wremja", die beunruhigende Nachricht zu dementieren, aber das sich hartnäckig erhaltende Gerücht hat unter der jüdischen Bevölkerung Südrusslands panischen Schrecken hervorgerufen. Nach Poltawa zum Beispiel wurde das 12. Kosaken-Regiment beordert, um eventuelle Unruhen zu unterdrücken. Unterdessen hat sich in Kischenew ein Ereignis zugetragen, das im Interesse des Friedens unter der Bevölkerung Bessarabiens schon früher hätte stattfinden sollen: das Landesgericht hat den Redakteur des antisemitischen Blattes „Bessarabetz", Kruschewan, welcher durch seine Hetzartikel gegen die Juden den Boden für Maasacres vorbereitet hat, von der Redaktion entfernt und ihn zu einer Geldstrafe von 800 Rubeln verurteilt. Das merkwürdigste dabei aber ist, dass in vielen Städten Russlands Proklamationen verbreitet werden, in denen die Ausrottung der Juden in naher Zukunft in Aussicht gestellt wird. In Odessa hat die Panik unter den Juden eine derartige Höhe erreicht, dass der stellvertretende Stadthauptmann von Odessa, Geheimrat S t a r k o w, alle Rabbiner und alle Tempelvorstände von Odessa zu sich kommen liess, um sie zu bittten, der jüdischen Bevölkerung mitzuteilen, dass die strengsten Massnahmen zum Schutze der Juden und ihres Eigentums ergriffen wurden ... In Rostow am Don wagen die Juden nicht, wie die „Petersburgskija Wjedomosti" melden, ihre Wohnungen zu verlassen. Der Hetman. der Kosaken liess zwar den Juden sagen, dass für ihre Sicherheit genügend Vorsorge getroffen wurde, aber die erschreckten Juden verlassen bei Nacht die Stadt, um das Leben zu retten. Das russische Blatt sagt, „man müsse Tränen vergiessen, wenn man die erschreckten Gesichter der Kinder, Greise und Männer sieht, welche -bei Nacht auf Schleichwegen davonlaufen, wie von Gespenstern und Furien gejagt . . . Und deshalb erfüllt es jeden) mit Befremden, wenn man in der „Nowoje Wrenrja" liest, dass der Gouverneur von Taurien, General Trapow, in Theodossia der jüdischen Deputation, welche Seine hohe Exzellenz flehentlich um Schutz für die aufgeregte jüdische Bevölkerung bat, nichts anderes zu sagen wusste, als dass er sie aufforderte, für das gute Verhalten der Juden und für ihr Benehmen den Christen gegenüber Sorge zu tragen . . . Manches wird verständlich, wenn man derartige Rieden hoher Funktionäre vernimmt, welche wie eine Art von Aufmunterung der niedrigen Leidenschaften gegen die zu Tode gehetzten Juden klingen . . * Pressstimmen über die Kischenewer Judenexzesse. Herr Nabokow schreibt im „Prawo": „Es war kaum anzunehmen, dass die himmelschreienden Tatsachen der Kischenewer Krawalle der antisemitischen Presse Veranlassung zu neuen Ausfällen geben würden. Und doch ist es geschehen! Einige Pressorgane erklärten sich solidarisch mit dem zügellosen Mob, welcher am 6. und 7. April ungehindert in K i s c h e - n e w sein Zerstörungswerk vollbrachte. Fand sich doch eine ruchlose Feder, die sich nicht entblödete, betreffs der Artikel in den „Nowosti" folgende wahrhaft schändliche Worte zu schreiben: „Die Juden sind immer so: zuerst vollbringen sie alle möglichen Schandtaten, und nachher erheben sie selbst ein Geschrei und appellieren noch an das gesellschaftliche Mitgefühl/4 In einer anderen Nummer derselben Zeitung, wo diese Worte abgedruckt waren, lesen wir: „Wie dem auch sei, es war eine schreckliche Tragödie. Es bleibt nur noch zu wünschen übrig, dass dieselbe den Juden künftig als Sühnelektion dienen möge und hauptsächlich, dass ihretwegen nicht unglückliche Christen leiden (!!), welche nicht durch ihr Verschulden gezwungen sind, mit den Juden zusammenzuleben, gezwungen sind, neben der Pulverkammer zu wohnen und jeden Augenblick riskieren, das Opfer ihrer verhängnisvollen Nachbarschaft (!!!) zu werden/' In einer ferneren Nummer derselben Zeitung wird ein Mittel empfohlen, um Judenexzesse zu vermeiden: Die Juden sollen freundlichere Beziehungen mit dem Volke, in dessen Mitte sie leben, anknüpfen, sich demselben nicht entfremden, ihm beweisen, dass sie keine Parasiten, sondern dem Vaterlande ebenso ergeben sind wie dessen Kinder, dass sie die Gesetze achten und auch bereit sind, „ihr Leben bis zum letzten Blutstropfen" für ihr Vaterland hinzugeben/4 Wir hätten diesen Auseinandersetzungen keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt, setzt Herr Nabokow fort, wenn die Möglichkeit der Verbreitung derselben in der Presse nicht solche Erscheinungen wie die Kischinewer Krawalle gewissermassen erklärten. Ist doch sogar die Ansicht denkbar, dass das Recht auf Unantastbarkeit des Lebens und der Gesundheit erst von den Juden e r d i e n t werden müsse — ihnen aber an und für sich nicht angehöre. Wenn der Jude erschlagen oder verwundet ist, so gehört das erste Mitleidsgefühl dem „unglücklichen Christen", der nur dadurch leidet, dass ihm ein Jude in die Hände fiel. Die Schreie und das Stöhnen der Verwundeten werden verachtungsvoll „Judengeschrei" genannt. Der Mutter, welche ihre drei ermordeten Söhne beweint, wird gesagt, dass sie diesen Mord als Sühnelektion für die Sünden des jüdischen Stammes hinnehmen müsse. Es fehlt nicht mehr viel, und der Kischenewer Pöbel wird als Verteidiger der Grundsätze der russischen Gesellschaft hingestellt, der den Leugnern dieser Grundsätze eine gute Lektion erteilt. Die richtige Erklärung besteht natürlich nicht darin. In den Bevölkerungsschichten, denen die wahre Kultur fremd ist, hält sich die historisch festgesetzte Ansicht über den „Schid", dessen Schuld schon darin besteht, dass er als „Schid" geboren ist. Das Resultat dieser Ansicht ist die treuherzige Ueberzeugung des Bauernburschen, der den Juden totschlägt, dass es „dafür keine Strafe gäbe". Man kann davon überzeugt sein, dass die erdrückende Mehrheit der Teilnehmer an den Kischenewer Krawallen keine gefährlichen Folgen für sich voraussah. Darin steckt zweifellos das Allertragischeste des Geschehenen. Es ist wirklich eine Sühnelektion, aber nicht für die Juden!" Ueber den Urheber der Exzesse, Kruschewan, schreibt die „Petersburgskija Wjedomosti": Ungefähr vor fünf Jahren setzte sich in Kischenew die Zeitung „Bessarabez" fest. Zu Beginn ein prinzipienloses, mageres Blättchen ohne jeglichen Einfluss und Bedeutung, nur durch Abschreiben aus den Odessaer Zeitungen, welche das Leben Bessarabiens besser kannten, sich erhaltend, fand sie schliesslich nach langem Suchen doch ihre Schutzpatrone in Person einiger dortiger Gutsbesitzer. Kruschewan hatte die Schuldigen alles Unglückes Bessarabiens gefunden: es waren die Juden. Die faulen, bewegungsträgen Gutsbesitzer, welche es nicht verstanden, den Einfluss der Missernten durch Vervollständigung der primitiven Acker- und Weinbaukultur wettzumachen, sahen mit Erstaunen und Neid, wie die Stadt anwuchs, wie Handel und Gewerbe sich hoben und mit Vergnügen Hessen sie sich überzeugen, dass „der Schid daran schuld sei". Zu jener Zeit begann die bekannte antisemitische Politik und Judenhetze der rumänischen Regierung. Die Edelleute, welche dieselbe Sprache wie die Rumänen fuhren, fühlten ihre Verwandtschaft mit dem Volke jenseits des Prut. Der „Bessarabez" fühlte Boden unter den Füssen. Seine zügellose Phantasie bekam Spielraum. In einer langen Reihe von Artikeln überzeugte er die Leser, dass Kischenew und ganz Bessarabien von den Juden okkupiert seien und endlich in den Artikeln: „Die Einnahme Russlands durch die Juden" behauptete er, dass sich ganz Russland unter jüdischer Herrschaft befinde. Aber so lange er auf ökonomischem Boden stand, war

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