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Die Welt · 1903-05-29 · 22 (29.5.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
22 (29.5.1903)
Article
Was sollen nun die Juden tun?
Date
1903-05-29
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 *DIe aC* Welt** Seite 3 schikow, wo die £aihl der Juden eins kleine Minorität bildet, werden die Juden ebenfalls Verfolgungen unterworfen. Uni nachdem er die trostlose Lage der Juden in der ganzen Welt geschildert, wirft der russische Publizist die Frage auf: „Was sollen nun die Judni. tun?4* Seine Antwort auf diese Frage lairtet wörtlich: „Ich musis zuerst bemerken, £a.ss ich die Juden liebe. Ich betrachte sie oftmals mit entzückten Augen. Vielleicht kommt es daher, weil das erste Buch, das man mir in mein&r Kindheit zu lesen gab, di& Bibel war. Ah Kind phantasierte ich von den Feldzügem. Moses' und Joschua-S Ben Nuns. Als icli später die armen Judem mit den langen Peies und in den schmutzigen Mützen erblickte, sah ich in ihnen lebendige Reste des majestätischen, geheimnisTollen Volkes, das zu uns von den Pyramiden zu Aegypten umd aus den Palästex von Babel herüberkam. Ein so hohes Alter ilösst jedem Schauer ein. Wohl haben die Juden ihre frühere Schönheit eingebüßt, sie sind oftmals sogar hässlich, aber irter der Jugend besonders, unter dei weiblichen Jugend des Volkes begegnet man gottesähnlicheit Gesichtern von jenem feinen und antiken Schnitt, welchen die Natur selbst nunmehi verloren zu haben scheint. Die Jud&n sind die Aristokratem der menschlichen dattung. Ferner gefällt mir an den Juden ihre Religiosität, ihne verblüffende Treue an den viertausend Jalire alten Kultus, ihre Nüchternheit und ihre seltenen Farnilientugenden. Mir gefallen endlich ihre Energie, ihre sc 1lwärmerischen Ablagen, ihre Universalität. Dass sie ein geniales Volk wären, ist meiner Ansicht nach eine Uebertreibung. Sie verlugen über mittelmüssige Fähigkeiten, aber ihre Spannkraft ist bewunderungswürdig. Im allgemeinen sind dta Juden ein gutes und sympathisches Volk. Warum also soll man sie in die Familie der christlichen Völker nicht einführen? Aber das erscheint unmöglich: kein Volk wird ernstlich darauf eingehen wollen. Warum? Weil die Juden ein ausschliessliches Volk sind, das ist ein Volk ohne Boden, etwas tieif Tragisches und eiiiiach Schreckliches, Betrachten sie den Manschen, der sieht dem Boden entfremdet hat: sein Typus gleicht nicht dem «eines Ackerbauers. Der Ackerbauer exploitiert die Natur, der Mensch ohne Boden exploitiert den Menschen. Hier ist der Anfang zweier, sich grell von einander unterscheidender Zivilisationen, der landwirtschaftlichen und der industriellen. Wenn der Mensch die Natur bearbeitet, ist er mächtig:, patriarchalisch, einfach; aber vom Boden losgelöst verwandelt sich der Mensch in ein Rauligewächs, das den Hals seines Mitmenschen umschlingt. Gefährlicher als einzelne Personen dieses Tyftis ist ein vom Boden losgelöster ganzer Stand, aber noch schrecklicher ist ein ganzes Volk, das dem Boden entfremdet worden ist. Und laum bemerkt die Bevölkerung eines beliebigen Landes, dass eine ihr fremde Rasse zu blühen beginnt, macht sie den Versuch, diese Blüte zu vernichten. Das ist meiner Ansicht nacra die Hauptursache der traurigen Grausamkeiten von Kischenew-, Sie zu verhüten gibt es nur ein einziges JVLittel: die Trennung der Rassen. Aber nicht für die Austreibung der Juden bin ich, nein, nein, sondern für die freiwillige Aussiedlung der Juden. Ich spreche so aus Mitleid zu den Juden, aus der tiefen Uefrerzeugung, dass dieses; für sie der beste Ausweg ist. Und besser, die Aussiedlung freiwillig, langsam vorzubereiten, als sie unter scharfem Druck: zu vollziehen. Und Secht haben die Zionisten, welche von der QriLndung eines Staates in Palästina träumen . . . Bei Gott, in eim&r guten Stunde sollen die Zionistem ihr Werk begonnen halen. Das Herz tlntet, wenn man die Geschichte der Juden liest, diese unmenschlichen Verfolgungen der Juden überall. Vau einer Weltversdiwörung oder von einem Strike gegen die Juden kann doch nitht ernstlich gesprochen werden. Offenbar bildet die jüdische Bodenlosigkeit die Gefahr, denn diese BokI enlosigkeit würgit die Judenschaft selbst. Die Rettung der jüdischen Rasse selbsit liegt in der Rückkehr zum Boden. Und hie r liegt ihr Kanaan, das müssen sie suchen. Und warum soll Palästina wirklich vom Sultan nicht abgekauft werden? Die Ide=fc ist gar nicht schlecht. Und wer weiss? Vielleicht erscheint ein neuer Moses im zwanzigsten Jahrhundert, um die Juden zu erlösen . . . Die Ausfiilirungen des Russen Menschikow wiederspiegeln die Ansichten d»e=r meisten gebildeten und menschenfreundlichen Teile der russischen Gesellschaft, welche sich aufrichtig sehnt, die Lage unserer unglücklichen Volksgenossen in Russland gebessertau sehen. Diese Tatsache erhöht den Wert der von Menschikow unverblümt herausgesagten Wahrheit, wenn man auch gegeai manche seiner Behauptungen Einwendungen erheben könnte, gt. Nach dei Schreckenstagen-von kischenew, 2faehträgl ith. werden Einzelheiten iibe^' die Schreckenstage von Kischenew bekannt, welche es begreiflich machen, warum der Pö bei in der Vorübung dei Grausamkeiten von den in den Strassen patrouillierenden Truppen und Polizisten nicht ins geringsten behindert wrLide. Schon in den ersten Stundem. der Ausschreitungen «ilte der allgemein geachtete Bürgermeister von Kasehenew, Alexander Schmidt, zu dem Gouverneur v. Raatea und zu dem Vize- Gouverneur Udrugow und verlangte von ihnen die sofortige Unterdrückung der Unruhen durch militärische Gewalt. Beide Herren versprachen zwar, der Forderung des Bürgermeisters sofort Folge zu geben, liesseai jedoch durch den diensthabenden Beamten den PolizoiLeitern einschärfen, von der Waffe unter keinen Umständen Gebrauch zu machen. Als der Hauptmann Michailovr, welcher mit seinen Truppen aus B-endery nach Kischenew eilte, vor einein Hause, aus weichem herzzerreissende Hilferufe drangen, Halt machen und einige Soldaten in die Wolmung treten Hess, wo sie bereits die Leichen zweier jüdischer Frauen vorfanden, da erhielt er später eine Rüge ron dem Ober-Kommanclo, angeblich wegen Verletzung der Disziplin . . .Erst vorgestern eitrielt Hauptmann Midiailow für seine Menschenliebe suis Petersburg eine Auszeichnung, aber dies geschah nur iidolge Intervention des Oi>er-Komniandiereuden des Odessjie-r Militärbezirkes, Grafen Mussin-Puschkin, welcher anfangs voriger Woche nach Kischenew geeilt war, um die Ursaclum der Untätigkeit der Truppen angesichts des schrecklichen Massacres festzustellen. Graf Mussiii-Puschkin, ein fein gebildeter und humumcr General, erfuln in Kischenew Einzelheiten der verübten Grausamkeiten, "welche er als „die Taten von Wilden in den fernen Teilen Afrikas" bezeichnete, und die er auch dem Kaiser, bei dem. er eine persona grata ist, mitteilte.. Nur den Mitteilungen dieses Generals, welcher im jüdischeiiSpitale zu Kischenew zwei Stunden verweilte, die verwundeten Juden selbst befragte und Spitalsleiter Dr. Slutzkij aufforderte, ihm die ganze Wahrheit ungeschminkt zu sagen, ist es zu verdanken, dass der Gouverneur v. Kraben seines Amtes enthoben wurde. Denn dem Minister y. Plehwe, dessen Juden feindliche Gesinnungen wohlbekannt sind, war es nicht bequem, einen hohen. Verwaltmigsbeamteii der Unfähigkeit und cU?r Willkür öffentlich zu., zeihen und somit der allgemeinen Unzufriedenheit mit «der Beamtenschaft neue '.Nahrung zu geben. Auch der vom Petersburger Genera]stab nae-h Kischenew entsendete Gneneralstabs-Oberst Rostowskij konstatierte Tatsachen flagranter Pflichtverletzung von Saiten der Kischenewer Polizei mid der Garnison. Auch der Kischenewer Polizeimeister Chanschenkow zeigte beispiellose Unmenschlichkeit und Feigheit, indem er sogar jene Leiter der Polizeibezirke zui Buhe verwies, die aus Mitleid mit den verzweifelten Juden die Feuerwehr anfahren Hessen, iL&mit diese mit ihren Spritzen den Pöbel vertreibe .. . . lUis Unbegreiflichste bei den Vorgängen war, dass man unter *len Plünderern und Mördern Zöglinge der Kischenewer Mittelschulen in ihren Uniformen sah, welche

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