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Die Welt · 1903-05-22 · 21 (22.5.1903) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
21 (22.5.1903)
Article
Nach den Schreckenstagen von Kischenew
Date
1903-05-22
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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' . 24 fiDle s^/Welt*6 SfeHe 15 Ein Augeaazeng-er schreibt dem Autoi dieser Zeilen: „Das gegenwärtige Bild von Kischenew dürfte an die Zerstörung vom Jerusalem eriiLiiern: überall raucht noch das unschuldig vergossene jüdische Blut, überall siii<l herzzerreissenide Sparen schrecklicher Verwüstung sichtbar . ..." CR. Für unsere Brillier und Schwestern in Kischenew. An unsere Glaubens- und Stamme&ienossen! In Bessarabden ist über unsere Brüder furchtbares Unglück hereingebrochen. Während 1er schrecklichen Judenexzesse, die drei Tage lang in »der unglücklichen Stadt Kischenew wüteten, wurden viele Hunderte Ton Männern, Frauen mnd Kindern schwer verwundet, eine grosse Anzahl aui die grausamste W^ise getötet, und fast die ganze jüdische Bevölkerung durch die dreitägige Plünderung ihrer Habe beraubt. Diesem furcMbäien Notstände kann nur die gesamte Judenheit abhelfen. Wir erachten es als unsere Pflicht, an alle unsere Glaubens- und Stammesgenossen zu appellieren, dass sie, ihren Vermögensverhältnissen entsprechend, zu den Geldsämmlungen für die Unglücklichen nach Möglichkeit beitragen. Wir selbst tu»i alles, um auch andere grosse jüdische Korporationen für diese Hilfeleistung zu gewinnen. Es zeigt sicL, dass wir in diesem grossen UngLiick fast ganz auf unsere eigenen Kräfte angewiesen sind. Leider sind die Summen, die bisher gesammelt wurden, nicht ausreichend, um auch nur das. allerdrückendste Elend zu lindern. Es ist daher unsere, euere Pflicht, die gemeinsamen Anstrengungen zu Terdoppeln. Liebe Gla ubens- und Stammesgenoss^n! Rosche Hilf-e tut not! Mögen die Sammlungen in weitestem Umfange fortgesetzt werden! Das zionistische Aktionskomitee. Spenden nimmt die Redaktion der „Welt" entgegen und wird sie Woche für Woche ausweisen. Eine Pariser Versammlung wegen »der Kischenevier Juden. Der „Temps'6 vom 17. Mai 1903 berichtet über ein grosses Meeting, das französische Universitätsprofessoren and Studenten veranstaltet haben. Ueber 1O0C Studenten nahmen an der Versammlung teil. Der Versammlung präsidierte M. Anmtole Leroy-Beaulieu, Mitglied des Instituts. Neben ihm nahmen Platz die Herren: M. Frederiic P a s s y , der bekannte Verfechter der Friedensidee, der unlängst den Nobel- Preis erhielt, Prof. V i o l e t, Präsident der „katholischen Liga zur Verteidigung der Menschenrechte" (Lngue catholiQue pour la Defense des Droits de 1'homme), die Professoren Aulard, Seignobos (der bekannte Historiker), Brunot; Gh. Gide (der Oekonom), Lyon-Caen (Prof. an der jurid. Fäkultlt), Bloch (Prof. an der Ecole Normale), Louis Lapicque (Prof. an der naturw. Fakultät), D e - lamarche, Präsident des Verbandes der Studenten P i e i r e 0 n i 11 a r d usw. Nachdem M. Leroy-Beaulieu die zahlreichen Entschuldigungsschreiben verlesen hatte, proiestierte er in e=iner sittlich erhabenen Rede gegen die grausamen Mordtaten, die Be-s-sarabien mit Blut befleckt haben. „V«t einigen Wochen," sagte er, „haben vir gegen die Christenraietzeleien im Orient protestiert, heute erhebt sich unsere Stimme zugunsten der russischen Juden, derjenigen Juden Russlands, die Cit einem Lande, wo es so viele Unterdrückte gibt, die Unterdrücktesten sind." -— Redner verlas alsdann die Auszüge aus dien russischen Zeitungen, die über die furchtbaren Szenen, die sich in Kischenew abgespielt haben, berichten. Aus diesen Auszügen erhellt die La_ge der Juden in Rußland, die einer hkrrschaft der Willkür unterworfen, aller Bürgerrechte entblösst sind; die Beschreibungfei der Metzeleien sind grässlich; Greis«, Frauen und Kinder \r«rden erbarmungslos von einer fanatischen Bevölkerung hingeschlachtet — vor d«en wohlwollend auf die Mörder gerichtetenAugen einer feindlichenArmee. „Ich weiss/4 sagte B e a u 1 i e u , dass es Leute gibt — ich hoffe, dass nicht in Frankreich — die da sagen: „Dieses Blut ist unreiai, es ist bloss JudenMiit" Wohlan! Ihnen antworte ich: „Es ist Menschenblut, und überall, wo man Menschenblut vergiesst, begeht man eine verabscheuungswürdige Tat." M. Bailr ens teilte der Zuhörerschaft einige genauere Nachrichten init, die er über die Vorgänge in Kisclienew erhalten .hatte, «31 d endete mit dem Wunsche, dass „Frankreich seine grosse zivilisatorische Rolle in der Welt wieder aufnehmen und s-eine grosse Stimme Russland vernehmen lasse." Nach ihm sprach M. V i o l e t. Von lebhaftem Apflaus begrüsst, erinnerte er an die humanitären Prinzipien des Katholizismus und pr edigte die Vereinigung aller Religionen gegen die Barbarei. M. Louis Läpicque legte der französiscli-en Diplomatie ans Herz, in Petersburg die Sprache des Verstandes zu sprechen zu wagen; M. Brune suchte die Ursachen der Massacres in ien AusnahmsgesetKii, die auf den Juden Russlands lasten. Noch andere Reden, alle mit grossem Beifall aufgenommen, wurden gehalten und die Versammlung ging auseinander, nadidem sie folgende Resolution gefasst halte: „Die Professoren und die Studenten der Unwersite de Paris, die sich am 15. Mai 1903 im Hotel des Soci&tes Lavantes, unter dem Vorsitze von M. Anatole Leroy- B e au 1 i em , versammelt haben, sprechen, nachdem sie von den Grausamkeiten und den sclrecklichen Verbrechen, die in Kischenew verübt wurden, g&liört haben, den 0 i>fern ihre schmerzlich« Sympathie aus, geissein alle Auf hetz er, alle Mitschuldigen dieser barbarischeil Taten, und protestieren mit Entrüstung gegen die Massacres, die, wenn sie sicln wiederholen solltem9 Russland vor den Augen der ganzen zivilisierten Welt entehren würden." Es wurde: auch eine Geldsam tnlung für die Kischenewer Opfer veranstaltet. Für Kischenew. In fast allen Städten Russlands, wo Juden wohnen, werden Tnmergottesdienste reranstaltet; die- Aufregung der Gemüter ist unbeschreiblich. Das nationale Unglück hat aulle Herzen in einem Weh, alle Tränen zu einem Strom vereinigt. Am imposantesten fielen die Trau ergottesdienste in Warschau und in Odessa aus. In Warsehiau versammelte steh nämlich in der aristokratischen Synagoge der aufgeklärten Polen m. K, die ganze polnisch-jüdische Intelligenz irM der Rabb. Dr. P o s n a n s k i sollte die Trauerrede h üten. Er begann üfcer die Opfer, die heiligen Märtyrer, die für ihr Judentum gefallen sind, zu sprechen, aber bei den ersten Worten stockte seine Stimme, seine Kehle schnürte sich zusammen und seiner Brust entrang sich ein erschütterndes Schluchzen. Und die Warschauer Synagoge erl&bte das seltene, vielleicht noch nie gesehene Schauspiel: adle Aristokraten, «diese steifen, stolzen und manierlichen Polen m. K vergassen an ihr Polentum und weinten alle jüdische, heisse Trinen um ihr jüdisches Volk, um ihr jüdisches Unglück . . . Solche Tränen verkeil winden nicht spurlos- -. . Auch in Odessa spielte sich eine ahnliche Szene ab. Es \amrde dort ein Fasttag angesagt. Die Synagogen

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