Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Article
- Ad vocem Kischenew
- Date
- 1903-05-22
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316042-3332705--40321-3332770- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
s^ite U <DieVä^Ä;Widt»t nach dein. Westen, wo sie das TJebel vergrößern und dem Nationalismus neue Nahrung zuführen ... . A. Nun, das ist doch die grösste Gemeinheit . . . Damit euch die Einwanderer aus dem Osten nicht genieren, wollt Ihr sie nach Palästina verfrachten? Das heisst doch wirklich, alle Ideen preisgeben, damit man eine Unbequemlichkeit loswird ... B. Ist es eine geringere Gemeinheit, Millionen ihrem Schicksal zu überlassen, nur damit man nicht einzugestehen braucht, dass gewisse Ideen, von denen man sich Nutzen verspricht, Bankerott gemacht haben? A. Der Nutzen, den ich von diesen Ideen gehabt habe! B. Also nicht einmal Sie! Nicht einmal Ihr Talent, nicht einmal Ihre Erfolge haben verhindern können, dass Sie in Ihrer Karriere behindert worden sind durch Ihr. Judentum ... Was soll erst der kleine Binkeljude sagen? A. Das ist eine Entwiekelungskrise, die vorübergeht . . Das muss überstanden werden ... . B. Und wir sollen uns dazu hergeben, die Gliederpuppen zu liefern, an denen die übrigen Völker bis dahin ihre Bluthunde auf den Mann dressieren? Es ist nicht genug, dass ein französischer Generalstabskapitän auf die Teufelsinsel muss, nur weil er ein Jude ist, und dass in Kischenew Hunderte erschlagen werden, nur weil sie Juden sind; die Lehren aus dem Orient Und Okzident genügen Ihnen nicht, zu zeigen, dass es für den Juden nur eine Sicherheit gibt, die im eigenen Lande, auf eigenem Grund und Boden? A. Ceterum censeo: wir sind die Esel und Ihr seid die Gescheiten ... B. Ist das auch ein Argument? Weil Ihr unrecht hättet, wenn wir recht haben, darum dürfen die Juden erschlagen und verfolgt werden und Sie schützen Ihr weiches Gemüt höchstens damit, dass Sie die Berichte nicht lesen? A. Ich sage doch, es ist Walser auf Ihre Mühle, das ganze Kischenew . < . . B. Herr Hof rat . . . wir verzichten auf solche blutige Unterstützung, es bleibt noch jeden Tag genug Judemiot für unsere Propaganda, die nur ein Hindernis noch hat . . . A. Und das ist? B. Juden, wie Sie, Herr Hof rat . . . Und damit Gott befohlen .... Qtiidam. Nach den Schreckenstagen von Kischenew. Die Plünderer und die Mörder von Kischenew sind vor wenigen Tagen vor dem Bezirksgerichte zu Kischenew erschienen, um ihre Schandtaten zu verantworten. Der Richter Kiriakow waltete seines Amtes mit grosser Milde und Menschenfreundlichkeit . . . Viele wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen, einige zu leichten Arreststrafen, einige zu Kerkerstrafen in der Dauer von drei bis vier Monaten verurteilt ... Bemerkenswert sind die Aeusserungen der Angeklagten, mit denen sie ihre Schandtaten zu rechtfertigen suchten. Sie alle erklärten kategorisch, dass sie „dieJuden nur deshalb gemordet hätten, weil es allgemein hiess, die Regierung gestatte die Ausrottung der Juden, ja sie fördere sie sogar im Stillen". Nicht umsonst schreibt der berühmte russische Kriminalist Xabokow in der angesehenen russischen Juristenzeitung „P r a w o" wörtlich: „Nur das Regime der Bedrückung und der Vergewaltigung der Juden ist schuld an den wilden Orgien der in Kischenew verübten Bestialitäten. Trotzdem die Juden ergebene Bürger des Vaterlandes sind, werden sie immer als Parasiten hingestellt, die man nur verfolgen muss. Das Ergebnis dieser Politik ist, dass die Mörder von Kischenew vielleicht aufrichtig waren, wTenn sie die Erklärung abgaben, dass die Juden den Schutz der G e s e t z e n i c h t geniesse n". Die Zeitschrift „Sudebnöje Obosrenje"\ (Gerichtliche Rundschau) will sogar die Behörden von Kischenew zur Verantwortung gezogen sehen, weil sie nach Ansicht des russischen Jüstizblattes die Grausamkeiten von Kischenew veschuldet hätten, . . Auch Purst Meschtscherskijunterzieht in seinem „Gra&chdänin" die Haltung der Kischenewer Behörden einer scharfen Kritik und erklärt kategorisch, der Gouverneur von Bessarabien, welcher nach den Massacres mit einer glänzenden Suite am Portale seines Palais erschienen sei, um von Disziplin zu sprechen, rufe überall mindestens Befremden und Empörung hervor ... Der in Russland populäre und am Hofe des Zars sehr beliebte Erzpriester Johann von Kronstadt hat ebenfalls seine Stimme gegen die Massacres von Kischenew erhoben. Er publizierte in den Petersburger „Nowosti" einen Artikel, in welchem es unter anderem wörtlich heisst: ' „Das Herz des Zars, welches für das allgemeine Wohl des'Volkes besorgt ist, ist durch das erschreckend blutige Ereignis von Kischenew in grossen Kummer versetzt worden. Russisches Volk, meine Brüder! Was tut ihr? Warum habt ihr euch in Barbaren und in Mörder von Menschen verwandelt, welche in einem und demselben Vaterlande leben? Wjarum habt ihr eine so blutige Abschlachtung von euch ähnlichen Menschen verübt? Ihr habt eure Zugehörigkeit zum Christentum und die Lehre Christi vergessen. Der Geist der Kischenewer Mörder und Plünderer ist >der Geist des Teufels, welcher die erhabenen Lehren Christi von Liebe, Barmherzigkeit und Güte verhöhnt und verschmäht. Und nun, ihr russischen Brüder, wisst ihr, welcher böse Geist euch beherrscht. Das ist mein, kurzes evangelisches Wort über das blutige Gemetzel der völlig unschuldigen Juden und ihrer Kinder." Auch die hervorragenden russischen Provinzblätter national-russischer Richtung fällen ein äusserst scharfes Urteil über das Blutbad von Kischenew. Die Journale ^Nowoje Obosrenje", „Nischegorod skijListok", „Bakinskija Iswestija", „Baku" und andere, publizieren einen Protest, in welchem sie jedwede Gemeinschaft mit den antisemitischen Pressorganen zurückweisen und den einstimmigen Beschluss verkünden, den Bezug von oder den Austausch mit antisemitischen Blättern sofort einzustellen, „weil es jeden Wohldenkenden mit Abscheu erfüllen müsste, eine Zeitung in die Hand zu nehmen, welche Menschenhass predigt und einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen aufhetzt". Die „Moskowskija. Wjedomosti", welche von einem Augenzeugen „Schreckliches über die Vorgänge in Kischenew erfahren haben, das man nicht einmal ohne Scheu wiedergeben kann", beschuldigen die Obrigkeit, das Massaere geduldet zu haben. Aber alle die Stimmen haben weder die vom panischen Schrecken befallenen Juden beruhigt, noch die hetzerischen Judenfeinde eingeschüchtert. In Dünaburg wurden Proklamationen verbreitet, in denen die Volksmenge zur Vernichtung der Juden aufgefordert wird. Wohl hat der Gouverneur umfassende Vorkehrungen getroffen, um ein Unglück zu verhüten, aber die aufgeregten Juden setzen kein Vertrauen mehr in die Massnahmen der Behörden. Auch in Jelisabethgrad herrscht, wie die „Russkoje Slowou meldet, unter den dortigen Juden grosse Unruhe, welche durch die bevorstehende Jahrmarktsmesse noch erhöht wird. Die Juden wagen nicht, ihre Häuser zu verlassen, die Geschäfte stocken, die Armut unter ihnen nimmt erschreckend zu . . . Was die Lage der Juden' in Kischenew selbst betrifft, so verlautet, dass sie eine erschreckend verzweifelte ist. Hunderte von jüdischen Familien lagern unter freiem Himmel und sind ohne Nahrung, die eingelaufenen Spenden reichen nicht einmal aus, um den Hunger der Kleinen und der Greise zu stillen.