Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-05-22 · 21 (22.5.1903) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
21 (22.5.1903)
Article
Der sechste Kongress
Date
1903-05-22
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316042-3332701--40301-3332758
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 „Die # Welt^ ■Nr, 2 t eine handelt, oder durch Zusammenlegung solcher Schektlzahler-Gruppen, deren Zahl 100 nicht erreicht. §14. Die Wahl der Delegierten für den Zionisten-Kongress ist eine directe und geheime. Die sonstigen Wahlmodalitäten bleiben den Landes-Organisationen überlassen. D'ese haben jedoch mindestens drei Monate vor dem Kongresse die Bestätigung des Wahlmodus vom engeren A.-C. einzuholen. Die Verständigung über die vorgenommenen Wahlen kann nur durch die Landes-Organisation erfolgen. Die Landes-Organisation ist verpflichtet, den Gewählten eine Legitimation über die erfolgte Wahr auszustellen. . § 15. Jeder Delegierte verfügt im Kongresse nur über eine Stimme. § 16. Die Delegierten-Mandate sind nicht übertragbar. § 17. Jedes Landes-Comite führt eine eigene Liste seiner Schekelzahler, die es, ebenso wie den Namen der gewählten Delegierten, dem A.-C. wenigstens vier Wochen vor jedem Kongresse mitzuteilen hat. * Demnach müssen die Delegierten wählen am 23. Juli bereits abgeschlossen sein. An diesem Tage muss auch das Sekretariat des Kongressbureaus im Besitze aller Wahlergebnisse sein. Das Aktionscomite hat die Landsmann - sehaften im Zirkularwege aufgefordert, für die Ausschreibung der Delegiertenwahlen im Sinne obiger Bestimmungen Sorge zu tragen. Ein Londoner Zionistenmeeting. Wir hatten ein glänzendes Meeting in Shoreditch Town Hall. Sir Francis Monte -fiore hatte den Vorsitz und Mr. Greenberg stellte den folgenden Resolutionsantrag, der von Zangwill in einer einund einhalbstündiger Rede begründet wurde: Dass diese Versammlung die einzig praktische Lösung der Judenfrage in der Erwerbung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erblickt und gelobt, die äussersten Anstrengungen zu machen, um Dr. H e r z 1, den Führer der zionistischen Bewegung, zu unterstützen. Diese Resolution wurde mit ungeheuerem Enthusiasmus aufgenommen.;• Die Rede Zangwills. Seit ich das letztenmal vor mehr als einem Jahre die Ehre hatte, das Wort an Sie zu richten, haben sich viele Dinge ereignet, innerhalb und ausserhalb unserer Bewegung, aber alle haben uns direkt oder indirekt unserem unvermeidlichen Ziele „Zion* näher gebracht. Seit Monaten hat eine Parlamentskommission getagt und die Frage der Fremden einwanderung studiert; jetzt brütet sie über ihren Resultaten und ein sehr altes Huhn wird zum Vorschein kommen. Die „Jewish Colonisation Association, „Ica" genannt, hat gleicherweise ihre Angelegenheiten vor das Parlament gebracht, um für die armen Millionäre um Mitleid zu petitionieren. In Südafrika hat Lord Mi In er die zionistische Federation autorisiert, Erlaubnisscheine für die zurückkehrenden Juden auszugeben und auf diese Weise dem Zionismus einen Vorgeschmack von politischer Macht gegeben. In Amerika hat Präsident Roosevelt eine edle Ermahnung an Rumänien gerichtet, und bei dieser Gelegenheit der Christenheit ein Beispiel und den Juden eine Lektion gegeben — die Lektion, dass niemand uns helfen kann ausser wir selbst Wenn alle unsere Magnaten in der ganzen Welt ebenso mutig handeln würden, wie der Lord-Mayor, der dem rumänischen Gesandten eine Einladung zu seinem Bankett verweigerte, würden die Dinge wahrscheinlich anders stehen. Auch in Amerika hat unser lieber Freund de Raas dem Zionismus, der jetzt dort staatlich anerkannt ist, nicht blos einen neuen Ansporn gegeben, sondern er hat ein zionistisches Projekt neu abgedruckt, das erst vor kaum zehn Jahren durch Sir Samuel Montagu aufgestellt worden war, der mich kürzlich beschuldigt »bat, ein Idealist zu sein. Da Mr. Luden $V o 1 f mir zur selben Zeit vorgeworfen hat, gar zu gemein und schlau zu sein^ indem ich die Millionen des Baron Hir sch für den Zionismus zu erlangen wünschte, wurde ich konfus und wusste nicht, ob ich auf meinem Kopfe oder vielleicht auf irgend jemandes Zehen stand. Inmitten all dieser Verwirrung, des Schwätzens und Zankens über die jüdische Frage fiel gleich einer Bombe die schreckliche Nachricht von dein Gemetzel in Kischenew herein, um uns zu zeigen, dass die jüdische Frage genau dort steht, wo sie im Mittelalter war. Die'Zeitungen — selbstdie unter russischerZensur erscheinenden—berichten von der Hinmordung von Männern, der Verstümmelung von Frauen und dem Hinabschleudern von Kindern aus den Fenstern der Stockwerke; sie leugnen nicht, dass dem Kaufmanne Galanter, der seine Kinder mit dem Revolver verteidigte, Augen und Zunge herausgerissen wurden. Aber selbst die nichtrussischen Zeitungen haben nicht alle die namenlosen Greuel wiedergegeben, die ich an Ort und Stelle erfahren habe, so beispielsweise, dass man Leinwandfetzen in jüdisches Blut getaucht hat, um rote Fahnen daraus zu machen, Menschen die Eingeweide herausgerissen, Menschen den Magen mit Federn gefüllt hat, nach Art der indianischen Apachen. Was die Scheusslichkeiten nach Art J ack des Aufschlitzers betrifft, die an Jüdinnen begangen wurden, so wage ich sie nicht zu besprechen. Nein, so lange die Mehrzahl aller Juden der Welt in Russland lebt, leben sie tatsächlich im Mittelalter, sogar wörtlich: Russland hat die Zeitberechnung nach dem alten Kalender und dieser blutige Ostersonntäg fällt auf denselben Tag und findet dieselben Geister, wie in dem finstern Zeitalter. Und weil das übrige Europa ebenfalls in das finstere Zeitalter zurückzugleiten droht, verfolgen wir glücklicheren englischen Juden mit solcher Aengstlichkeit die Expertise der Fremden-Einwanderungs-Kommission. Die Alien-Enquiry-Commission. Es ist gewiss, dass die Kommission irgendweiche Ausschliessungsmassnahmen empfehlen wird, wenn auch nur von nicht wünschenswerten Einwanderern. Dies klingt nicht unvernünftig. Unglücklicherweise ist die Ausschliessung von nicht Wünschenswerten absolut nutzlos als Mittel gegen die Ueberfüllung und Konkurrenz, über die man sjch beklagt. Kranke, Schwache und Arme können keine Miete bezahlen und den armen Chiisten die Arbeit nicht wegnehmen. Das ist wünschenswert, was wirklich nicht wünschenswert ist* Die Kommission will vermutlich Stepney*) als überfüllt erklären, wohin niemandem mehr Zutritt gewährt werden soll. Aber die Schwierigkeit der Beaufsichtigung ist zu gross. England, das sich damit langsam von seinen edelsten Prinzipien trennen würde, mag noch so sehr versuchen, auf halbem Wege stehen zu bleiben -— ebenso wie skrupulös das Wort „Ausländer" und nicht „Jude" gebraucht wird — aber wenn einmal die Nutzlosigkeit der Ausschliessung der Nicht wünschenswerten oder der Beaufsichtigung der Wünschenswerten erkannt sein wird, wer kann dafür bürgen, dass in der Ausschliessung der Einwandernden überhaupt nicht noch weiter gegangen wird? Selbst die Ausschliessung der Nicht wünschenswerten ist eine ziemlich weite Bestimmung. „Nichtwünschenswert" ist ein schönes, unbestimmtes Wort, das leicht gedehnt werden *) Ein hauptsächlich von den eingewanderten russischen Juden bewohnter Vorort Londons.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.