Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1903-05-15
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die # Welt" Nr. 20 Korrespondenzen und Telegramme. Wien. („Chewra-Kadischa«.) Sonntag, den 17. Mai 1903, um 10 Uhr vormittags, findet im grossen Saale des Hotel „Kontinental", II., Praterstrasse 7 (Eingang Täborstrasse) eine ausserordentliche Generalversammlung der „Chewra-Kadischa" statt. Die Tagesordnung derselben ist: 1. Mitteilung der geänderten Statuten. 2. Wahl von 3 Vorstandsmitgliedern mit der Mandatsdauer bis zur der statutengemäss im Jahre 1904 einzuberufenden Generalversammlung. Eperjes, 8. Mai 1903. Mehrere Monate sind verstrichen, seitdem der ungarische Finanzminister L u k ä c s die bekannte drakonische Verordnung erlassen hat, wonach die ungarischen Trafikanten in der freien Ausübung des Sabbats behindert, wenn'nicht gänzlich gestört sind. Seit dieser Zeit wurden unzählige, verschiedenartige aussichtsvolle und aussichtslose, geschickte und ungeschickte Versuche unternommen, um den Minister zur Zurückziehung dieser Verordnung zu bewegen» Mehrere Deputationen, von Abgeordneten angeführt, schriftliche Petitionen der Orthodoxen im Wege der Landeskanzlei an den Minister geleitet, versuchten ihr Glück. Imposante Rabbinerkonferenzen und Komiteeberatungen tagten und sannen und sinnen immer noch, um die richtigen Mittel und Wege zu finden. Jetzt hat sich, wie mir vor einigen Tagen ein Rabbiner sagte, die Sache verschlimmert und sind nach ihm die Meldungen einiger Blätter, wonach die Angelegenheit eine Wendung zum Besseren genommen hätte, unrichtig und irrig. Es wird also leider eine grosse Anzahl von Juden wieder um ihr Brot kommen. A. A* Berlin. Die „Welt am Montag" bringt am 27. April d. J. einen Artikel über den Berliner Korso, worin sich der Verfasser, Herr Otto Tugendhat, darüber beklagt, dass das ästhetische Bild des Korsos durch die Berliner Droschken mit ihren abgearbeiteten Gäulen wesentlich gestört werde. Der Schreiber des genannten Artikels fährt dann fort: „Was aber der friedliche Droschkengaul in dieser Versammlung edelblütiger Genossen zu suchen hat, ist schier unerfindlich und nur aus der lächerlich-einfältigen Assimilationssucht der Berliner Bürgerprotzen ist es zu erklären, dass sie es nicht empfinden, wie wenig sie hierher gehören und wie taktlos dieses Zerstören eines harmlos-schönen Vergnügens sich ausnimmt. Und es ist charakteristisch und trägt wahrlich wenig dazu bei, konfessionelle Gegensätze zu verwischen, dass auch hier wieder jene Leute mit wolligschwarzem Haarwuchs auffallen, die man sonst in grösseren Mengen nur bei Trauungen und ähnlichen Familienfesten in der Kaiser "Wilhelm - Gedächtniskirche beisammen sieht." Es sind jetzt einige Wochen her, dass die „W. a. M." in einem Artikel über den „Jüdischen Almanach" dem charaktervollen Juderitume seine Anerkennung aussprach, das seine nationalen und religiösen Ideale nie verleugnet. Es ist eigentlich ganz konsequent, dass sich in demselben Blatte die obige Notiz findet, die vielleicht von jenen Kreisen, die davon betroffen werden, als eine Emanation antisemitischer Gesinnung hingestellt wird. Sind sie es doch gerade, die stets über Antisemitismus schreien, wenn man sie an ihre Zugehörigkeit zum Judentum erinnert. Jene Leute, die so gern alles das von sich abstreifen, was an ihre Zugehörigkeit zum Judentum erinnert, und durch ostentative Vernachlässigung und Geringschätzung alles Jüdischen ihren „liberalen" Geist zu dokumentieren suchen, haben die Eigentümlichkeit, wenn sie endlich soweit sich überwunden haben, um zum Taufbecken zu schreiten, sich plötzlich aus den „freireligiösen" oder „atheistischen" Juden in streng gläubige Christen zu verwandeln, die man an jedem Sonntage mit einem grossen Gesangbuche bewaffnet in die Kirche kann gehen sehen. Es gibt Beispiele von Schuldirektoren, Professoren, höheren Beamten, Kommerzienräten etc., bei denen man die Tatsache dieser plötzlichen Metamorphose belegen kann. Und wenn von der „lächerlich einfältigen Assimilationssucht der Berliner Bürgerprotzen" gesprochen wird, so ist es klar, dass die unter den „Berliner Bürgerprotzen" befindlichen Juden natürlich noch mehr Assimilationssucht entwickeln müssen als die übrigen, wenn anders sie — wenigstens ihrer Ansicht nach — sich nicht der Gefahr aussetzen, für nicht ganz „voll" angesehen zu werden. — Würden sich zur Teilnahme am Korso auch Juden einstellen, deren Equipagen und soziale Stellung sie zu einer solchen Teilnahme berechtigten, so hätte niemand ein Recht, dieserhalb eine Bemerkung zu machen; sobald sich aber unsere soi-disant „Glaubens"- und Stammesgenossen in besonderer Weise und ohne innere Berechtigung bei solchen Gelegenheiten hervordrängen, so haben wir Juden selbst die heilige Pflicht, darauf hinzuweisen, wie jene Leute durch dieses Benehmen die jüdische Religion, die selbstbewusste Bescheidenheit einem jeden Juden zur Pflicht macht, sowie auch das nationalgesinnte Judentum in seiner Gesamtheit prostituieren. Wir werden daher niemals über solche Bemerkungen, wie wir sie oben anführten, jammern, sondern lieber Selbstzucht in unserer Mitte üben, vor allen Dingen aber aufhören, jene Kreise wegen ihrer besseren sozialen Stellung für uns einen Gegenstand der Bewunderung sein zu lassen, so lange ihr Charakter sonst keine Eigenschaften aufweist, die Bewunderung verdienen. Das Judentum hat in Zeiten wie den jetzigen wirklich höhere Aufgaben zu erfüllen, als an Korsos teilzunehmen. Jedenfalls aber lehnt das Judentum es ab, identifiziert zu werden mit jenen Leuten ohne Charakter und Rückgrat, die gerne an ähnlichen Veranstaltungen teilnehmen und die man, wie der Verfasser schreibt, „bei Trauungen und ähnlichen Familienfesten in grösseren Mengen in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche beisammen sieht". Diese, so schliesst der Rezensent des „Jüdischen Almanach" in der Nummer vom 9. März d. J. der „W. a. M.", diese „prahlerischen Vertreter aus der jüdischen Rasse nötigen uns keine Hochachtung. ab: sie sind in Wahrheit bedauernswert. Denn sie sitzen zwischen zwei Stühlen: der Renaissance des eigenen Volkstums stehen sie gleichgiltig gegenüber, fremdes Volkstum aber bleibt ihnen dank ihrer unüberwindlichen Rassenunterschieden verschlossen." L. B. Breslau. An der feierlichen Einweihung des hiesigen neuen israelitischen Krankenhauses an der Hohenzollernstrasse nahmen ausser dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen und dem Oberpräsidenten Fürsten v. Hatzfeldt auch dessen Gemahlin, der Regierungspräsident, Oberbürgermeister Dr. Bender teil. Ferner waren die beiden Körperschaften der jüdischen Gemeinde zu Breslau, Vertreter des jüdischen Krankenhauses zu Berlin und viele um den Krankenhausbau besonders verdiente Persönlichkeiten erschienen. Die Feier fand in dem ßetsaal des neuerbauten Hospitales statt. Der Vorsitzende des Krankenhausvorstandes, Sachs, begrüsste daselbst die Gäste und schloss seine Ansprache mit einem Hoch auf den Kaiser. Weihevoller Chorgesang leitete die Feier ein und beendete dieselbe. Daran schloss sich die Besichtigung des Krankenhauses unter Führung der Primarärzte des Hospitals, Privatdozenten Dr. Georg Reinbach und Sanitätsrat Dr. Sandberg. Die aus sechs Gebäuden bestehende, für etwa 135 Betten bestimmte Anlage wurde mit einem Kostenaufwand von 1,8 Millionen Mark errichtet. Das Krankenhaus enthält zirka je 50 Betten für chirurgisch und innerlich Kranke, je 9 Betten für Frauenleiden und Hautkrankheiten. Die Infektionsbaracke enthält in drei Abteilungen (Masern und Scharlach-Diphtherie, chirurgisch-septische Abteilung) 18 Betten. Wittenberg. (Seit nahezu 500 Jahren keine israelitische Trauung.) Auf dem hiesigen Standesamt wurde im April eine israelitische Ehe zwischen Fräulein Margarethe Backhaus von hier und dem Kaufmann Max Michaelis aus Göthen geschlossen und darauf in Muths Hotel „Zur Reichspost" durch den Rabbiner Dr. Fessler aus Halle eingesegnet. Diese israelitische Trauung hat insofern kulturelle Bedeutung, als es seit mindestens 463 Jahren, vielleicht auch seit der Gründung Wittenbergs, die erste ist, die hier geschlossen worden ist. — Ob vor 1440 hier israelitische Religionsübungen stattgefunden haben, darüber haben wir keine Nachricht. Fest aber steht, dass seit diesem Jahre keine stattgefunden haben, da von 1440 bis 1867 kein Israelit hier gewohnt hat. — Im Anfang des 14. Jahrhunderts waren die Juden in Wittenberg sehr zahlreich. Im Jahre 1304 wurden sie durch Herzog Rudolf I. ausgewiesen; sie kehrten aber bald wieder zurück und als sie im Jahre 1440 auf Veranlassung der Kurfürstin Margaretha von deren Gemahl Friedrich dem Sanftmütigen zum zweitenmale vertrieben wurden, da geschah dies mit dem Zusatz „auf ewige Zeiten". Diese ewigen Zeiten haben vorgehalten, bis sie am 1. November 1867 durch das Freizügigkeitsgesetz beendet wurden. Nun siedelte sich ein Israelit nach dem anderen hier an, bis ihre Zahl jetzt auf etwa 40 Seelen in 12 Haushaltungen gestiegen ist. Die hier ansässigen Juden sind der Synag;ogengemeinde Halle zugeteilt, wohin sie auch ihre Kultusabgaben entrichten. Da die Zahl der erwachsenen Juden für die Bildung einer Religionsgemeinde noch zu klein, aber stark genug zu gemeinschaftlichen Religionsübungen ist, halten sie solche jetzt ab und machten damit am 26. September 1897, dem israelitischen Neujahrstag, den Anfang. Paris. Die Generalversammlung der „Alliance Israelite universelle" fand im Saale der Zivilingenieure statt. Ausser den nicht allzuzahlreich anwesenden französischen Mitgliedern . waren Delegierte der deutschen, belgischen, holländischen und dänischen Komitees anwesend. Der Präsident Mr. Narcisse Leven sprach über die Lage der Juden seit der Gründung der „AllianceB und führte aus, wie sich die „Allianee" stets der verfolgten Juden angenommen und namentlich dem Schulwerk grosse Aufmerk-