Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Article
- Werner Sombarts Stellung zur Judenfrage
- Date
- 1903-05-15
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 jbi* Weit* Nr. 20 geworden sei", aber immerhin ist für ihn die Emanzipation der Judengleichbedeutend mit einer Anerkennung des Kapitalismus. Soweit Sombarts „historische Auffassung der Judenfrage". Seine Anschauungen decken sich ungefähr mit denen desjenigen Nationalökonomen, der zum erstenmal klipp und klar den ökonomischen Inhalt der Judenfrage erkannte, ohne ihn allerdings erschöpfend dargestellt zu haben. Ich meine den schon genannten Wilhelm Koscher. Wie dieser versagt auch S o m b a r t an der entscheidenden Stelle, von wo es nur ein Schritt zur vollen Erkenntnis des Problems ist. Woher dieses ,Versagen kommt, soll uns folgende Erörterung zeigen. Roscher schreibt : „Wenn wir die rastlose Tätigkeit der Juden in Bezug auf den damaligen Handel und noch den Umstand im Auge behalten, dass in das 13. und 14. Jahrhundert die Entwicklung des selbständigen Bürgertums in Europa fällt, so werden wir verstehen, warum die "Verfolgungen der Juden des späteren Mittelalters als Produkt der Handelskonkurrenz, als Kreditkrisen barbarischster Art aufzufassen sind, als eine mittelalterliche Form dessen, was heutzntge soziale Revolution genannt wird." Demgemäss folgert Roscher, dass „die Verfolgungen der Juden im Mittelalter dann begonnen haben, als das heranwachsende Bürgertum reif wurde, die volkswirtschaftlichen Handelsdienste der Juden auf sich zu nehmen und ihnen daher zu missgönnen". Eine solch klare Darstellung wird eben nur aus tief historischer Betrachtung entspringen können. Es ist kein Zufall, dass gerade der grösste Nationalökononi der alten historischen Schule auch den ökonomischen Inhalt der Judenfrage am klarsten erkennt. Denn dieses Problem ist eben nur als historisches und in historiischem Sinne zu lösen. Trotz des hohen Grades von Erkenntnis, die man bei Rosche r antrifft, hat er die Frage doch nicht von Grund aus erfassen können, da er die Frage des W o h e r in Bezug auf die „rastlose Tätigkeit", die identisch ist mit der „Inkarnation kapitalistisch-kaufmännischen Geistes" Sombarts, nicht zu lösen weiss, ja nicht einmal anschneidet. Sombarts Stellung hierzu wird auch Roschers Auffassung erklären. Sombart schneidet die Frage des Woher wohl an und in seinem jüngst erschienenen Werk „D i e deutsche Volkswirtschaft im XIX. J ahrhund e r t" belehrt er uns, dass es der in der jüdischen Rasse lebende „durch nichts von seinem Ziele abzubringende W i i le" ist, der die Juden in so hohem Masse für das kapitalistische Wirtschaftssystem geeignet macht. Sombart ist hier durchaus konsequent im Sinne seiner Theorie, die als „letzte Ursachen, auf die wir soziales Geschehen zurückführen wolle n", nur „d i e Motivation lebendiger Menschen" gelten lässt. In dem Augenblick, wo man sich damit begnügt — und auch Roscher wird dieser durchaus spiritualistischen Ansicht, die ja an sich keine neue Theorie ist, gehuldigt haben, kann man freilich den zähen Willen der Juden für alle Missgeschicke unseres Volkes verantwortlich machen. Hält man jedoch diesen Willen für bedingt und begrenzt durch die ökonomischen Voraussetzungen, steht man also auf dem Boden einer materialistischen Geschichtsauffassung, so sucht man nach den materiellen Momenten, die diesen Willen hervorgebracht haben. So kommt Sombart durch sein Abweichen von der marxistischen Geschichtsauf fasung zu keiner vollen Erkenntnis der Judenfrage, denn gerade im entscheidenden Momente, wo es gilt, die Frage „Woher" zu tun, setzt er die „Motivation lebendiger Menschen", den zähen Willen ein, statt der geschichtlichen Tatsache der Herübernahme des Kapitalismus des Altertums durch die J uden, durch den erst sekundär der kaufmännische Geist, Handelsgeist, oder wie man es sonst nennen will, herangezüchtet worden ist. In einer kürzlich erschienenen Schrift habe ich versucht, Sombarts Werk an der entscheidenden Stelle im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung fortzuführen.*) Zum Schluss ist noch zu erwähnen, dass auch Sombart der Vorwurf nicht erspart geblieben ist, er sei Antisemit. Vichts ist törichter als das. Sombart ist rein objektiver Forscher und begnügt sich, festzustellen, was ist. Wie er selbst über diesen Vorwurf denkt, hat er mir unlängst in einem Briefe mitgeteilt. „Es gibt," so sehreibt er, „eben immer noch Leute, die jeden für einen Antisemiten halten, der das Vorhandensein eines jüdischen Volkes mit besonderen Rassenmerkmalen konstatiert." lieber die Zukunft der Juden hat sich Sombart noch nicht geäussert. Für die Gegenwart meint er, dass, wenn man sieh „auf den Standpunkt der neuzeitlichen Entwicklung des Wirtschaftslebens stellt" — und er steht auf diesem Standpunkte — man die Existenz jüdischer Wirtschaftssubjekte als einen der grössten Vorzüge anerkennen muss. Der zionistischen Bewegung steht Sombart anscheinend noch beobachtend gegenüber. Doch hält er den Gedanken, sie in der Hauptsache wirtschaftlich zu begründen, für einen äusserst glücklichen. Anregung für den Nationalfonds. SehrgeehrterHer. r Redakteu r! Ich verfolge das Wachsen des Nationalfonds mit dem grössten Interesse. Der wöchentliche Ausweis wird von mir jedesmal mit Ungeduld erwartet. Da fällt mir denn schon seit langer Zeit auf, wie wenige Zionisten und zionistische Familien sich zu einer wöchentlichen Spende verpflichtet haben. Ich finde es einfach unbegreiflich, dass die in der Organisation stehenden Zionisten es nicht als ihre Pflicht betrachten, allwöchentlich eine bestimmte Spende, und betrüge sie auch nur ein paar Heller, an den Nationalfonds abzuführen. Ich richte den Appell an alle meine Gesinnungsgenossen, sich an den Wochenspenden für den Nationalfonds zu beteiligen und alle Bekannten, Freunde und Verwandten ebenfalls dazu zu veranlassen. Beim Nationalfonds wird sich vor allem zeigen, wie weit die wirkliche Begeisterung und Opferwilligkeit der Zionisten reichen. Da mögen sie beweisen, dass sie es mit der Sorge um die Zukunft unseres Volkes ernst meinen. Hochachtungsvoll Ihr ergebener Jochanan Meyer. * Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie, bitte, einer wichtigen Anregung Raum in Ihrem werten Blatte. Es ist eine schon oft besprochene, erfreuliche Tatsache, dass der siegreich anwachsende Erfolg des Zionismus zum grossen Teile der begeisterten Mitarbeit unserer Jugend zuzuschreiben ist. Allein abgesehen davon, dass ja leider nur ein Teil derselben von Liebe und Enthusiasmus für den Zionismus beseelt ist, so ist diese Jugend] derzeit schon zu sehr im Alter vorgeschritten, um des hohe Ziel erstreiten zu können, Frau Hermine Hartman weist nun in ihrem am 10. April d. J. in Ihrem geschätzten Blatte erschienen, vortrefflichen Aufsatze auf die Bahn hin, die wir energisch betreten sollten; sie sagt: „Wollet Ihr die zionistischen Ideen für die Zukunft sichern, so erziehet die Kinder zum Zionismus". Wie kann dies nun erfolgreich geschehen? Wir Eltern *) Die moderne Judenfrage. Von den Grundlagen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und des Zionismus. Wilhelm K o e b n e r, Breslau 1903.