Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Article
- Etwas über die Assimilation und den Zionismus in Polen
- Date
- 1903-05-15
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20 „Die # Welt" Seite 7 Kälte der alltägl ichen Heuchelei. Die innigste Teilnahme bei den kleinsten Umgemächlichkeiten itirer stärkeren Umgebung bezeigend, legten die polnischen Assiinilationsjuden den rohesten Indäfferentismus, die empörendste Gefühllosigkeit und Gleichmütigkeit für die brennendsten Fragen ihrer Stammesgenossen an den Tag. Das fürchterliche Zeter- und Jammergeschrei, di«e grausenerre^ enden Wehklagen aus der Qehenna «des jüdischen Elends drangen nicht an die Otiren dieser Abgefallenen: fremd war ihnen das innere jüdische Wesen, die Welt der Schmerzen und Enttäuschungen, die Hoffnungen und Träume der jüdischen Seele; das Ringen der im Judentum aufgetauchten Iieen und Strekmgen, die intimen Seelenvorgänge und Gährniigen in der jüdischen Masse blieben ihnen undurchdringliche Mysterien, Statt in das Trefe und Tragische des jüdischen Lebens und Treibens hineinzuschauen, lugten die Assiinilationsjuden, die durch ihr Geld und ihren Einfluss sich den Vorstand und die Leitung der Gemeinden erzwangen, nur nach -dem aus, „was m a n sagen wird". Auch den edelsten Regungen, die sich zuweilen in diese n Leuten durch einen atavistischen Rückschlag zum Judentum legten, wurde im Namen der „bürgerlichen Pflichten" gewaltsam Stillschweigen auferlegt. So hat die Assimilation den Verrat am Judentum, die feige Fahnenflucht gepredigt und betätigt und eine Atmosphäre der Negationen und Karrikaturen, der Verkehrtheit und Lüge geschaffen. Aber trotz der ungeheuerlichen Anstrengungen und Opfer, die die Assimilationsjuden brachten, uin sich als ebenbürtige Söhrne des polnischen Volkes zu erweteeu, haben die allein massgebenden Kreise diese willkürlich erdichtete Adoption schroff und unumwunden zurückgewiesen. Doch der -verhängnisvolle Einfluss der Assimilation lebte noch in den Kindern, der nen-en Generation fort, obgleich in deren Herzen der Zweifei an der Möglichkeit und dem Heile der Assimilation eingezogen ist und die Ueberzeugung von deren Bankerotte sich immer mehr BaKin bricht. Diese Enttäuschungen hatten aber in einem Teile «1er jüngsten Generation das Entstehen eines Chaos von psyechisehen Widersprüchen und Halbheiten zur Folge. In diesen Epigonen hat die Assimilation zwar a.it innerer Stärke eingebiisst; die seit Generationen angerichteten moralischen Schäden waren aber zu tief einschneidend, als dass der Abfall dieser Acste vom Baume des Judentums sich Mtte verleiten lassen. Ein klassischer Typus einer solchen psychischen Halbheit ist der sich hinter dem Pseudonym frelaryusz verbergende Autor der jüngst erschienenen polnischen Broschüre: „Unsere Rechnungen und der Zionismus". In der ersten Hälfte seiner Broschüre geisselt Herr B. den Servilismus der Assimilation, stellt deren Ext ravaganzen und Verirrungen an den Pranger einer abfälligen Kritik und. konstatiert zwar unter Ach und Weh, dass das polnische Volk alle ernsten Bemülniugen der jüdischen Assimilanten mit Hass und Verachtung erwiderte. Man sollte nun glauben, dass der Autor aus diesen'Prämissen den Schluss zielen werde, dass deir Zionismus die einzige Ixisung der jüdischen Frage, die Konklusion der Gerechtigkeit und der Logik ist; statt dessen hinkt Herr B. kraft der Inertie des geistigen Beharrungsvermögens den TruggeWlden der Assimilation weiter nach; er denkt an die Schaffung einer neuen Art der Assimilation, deren Grundzüge jenseits der britischen Beurteilung liegen. Psychologisch ist es auch erklärlich, dass der Autor der genannten Broschüre, offenbar ein Zögling der Ass-iniilationsschule, dem mm den Glauben und die Liebe zum Judentum nahm, den man die Zukunft des jüdischen Volkes in dessen Ruin und Unter Crange erblicken Hess, das zionistische Ideal, den Gedanken der Wiedergeburt der von seiner Schule tot sreheissenen jüdischen Nation nicht aufnehmen konnte. Nur liöhere Individualitäten können kraft ihrer eigenen Seelenhtuition und Selbständigkeit des Denkens sich üb-er alle in ihrer Umgebung sanktionierten Gemeinolätze und Anschauungen hinwegsetzen, eine Umwälzung des eigenen Geistes erleben und neue Werte kreieren. Nun ist sclhon aus den vorstellenden Betrachtungen ersichtlich, dass der Zionismus in Polen, der die totale Umänderung der Psychologie des Milieus, die Wiederbelebung des iiidisehen Geisters, die Reinigung des Augiasstalls d<e$ moralischen Unrats herbeiführen will, notgedrungen die Form eines unaufhörlichen Krampfes mit der Assimilation annehmen muss, der auf jedem G ebiete des sozialen Wirkens unabwendbar zum Ausbruche komrmt. Der Ausgang des Kampfes ist allzusicher. Die Reihen der Zionisten nehme« immer zu; es entstehen neue, mächtige Vorkämpfer unseres Ideals in der Jugemd, die in der dumpfen und beklemmenden Atmosphäre der Negationen und der Lüge, der Falschheit und Heuchelei nicht mehr aufatmen kann, die, nach voller und uneingeschränkter Entwicklung lechzend, die pathologische Nachäfferei der Assimilation mit allen Fibern der Seele hasst. Dieser Jugend, die sieht gegen das von der Assimilation ausposaunte Fdeal des Unterganges und des Verfalles mit aller Kraft ihres Stolzes, mit aller Wucltt ihrer moralischen Frische, ihres Wahrheits- und Freiheitsdranges mutig bäumt, gibt «1er Zionismus ein wahres und grosses I«deai: Die Rückkehr zum Judentum und dae gemeinsame Arbeit an dem Ausbau seimr Zukunft. M. J a h r b 1 u m. "Werner Sombarts Stellung zur Judenfrage. Von Lazai Felix P i n k n s, Bern. Das letz terschi Miene Werk Werner Sombarts trägt als Motto das l>ekanntc Wort Fonto.es: „Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts." Damit ist auch Sombarts Persönlichkeit höchst glücklich charakterisiert. Man kann wohl olmeweiters sagen, dass seit M'aix kein Forscher* mit kühnerem Mut und vollerem Bewusstsein seine Theorien freier in die Wagschale der ökonomischen Wissenschaft geworfen hat. Für uns ist Sonibart eine umso interessantere Persönlichkeit, als er wolil von allen lebenden JTationalökonomeii derjenige ist, der am tiefsten in das Wesen der Jude.nfra.ge eingedrungen ist. Mit vollster Objektivität, ohne dk geringste Voreingenommenheit, die seinem Wesen auch so fern als möglich liegt, hat er sicli an das Problem ckr Judenfrage gewagt und hat Resultate zutage gefördert, wie seit Wilhelm Roscher kein Volkswirt. Der Kernpunkt von Sombarts Ansichten über dfe Jadenfrage ist in keinem grossen zweibändigen Werke „Dei? moderne Kapitalismus" enthalten, Und hier bildet ein Satz den Mittelpunkt^ gewi ssermaswm die Basis, auf der alle seine Betrachtungen über die Judenfrage aufgebaut sind. „Die jüdische Rasse ist/* so schreibt er, „ — ob von Natur, ob durch den Gang der geschichtlichen Entwicklung", bleibt sich gle-ich — nach einer Seite ihrer Veranlaginig gleichsam die Inkarnation kapitalistisch-kaufmännischen Geistes. Deshalb verachtet, so lange dieser nichts galt, geduldet und gesehätzt, seit und wo er in Kurs gekonnmm ist." Einem Forscher wie Somhart ist es natürlich dure-haus nicht gl eich giltig, woher dieser kapitalistisclikauFiiiännische Geist stammt. Wir werden nachher sehen, wie er aus den Grundprinzipien seiner Sozialtheorie abgeleitet wird und werden dabei gleichzeitig untersuchen, warum Sombart so wenig wie Roscher ihre Gedanken zu Ende denken konnten und weshalb die Auffassung beider an einem, gewissen Punkk versagen musste. Vorerst wollen wir jedoch durch einige charakteristische Stellen Sombaits weitere Anschauungen in Bezug auf clie Judenfrage kennen lernen. So führt er die Kapitalbildung im Mittelalter, welche die Voraussetzung der kapitalistischen Unternchmungsweise bildete, u. a. auf die TJebertragung des Termögens reiche! Juden an andere zurück. Eine ganze Reihe von Belegen hierfür lassen ihn zu dem Schluss kommen, dass es wahrscheinlich ist, „dass von den wohlhabenden Juden, denen wir überall im späteren Römerreich begegnen, ein beträchtlicher Teil den Besitz an Gold, Schmucksachen und kostbarem Geräten aus der versinkenden, allen Welt herüberrettete in das Mittelalter." Indem Sombart nun folgerichtig die von den übrigen Völkern verschiedene Wirtschaftsweise der Juden im Mittelalter erkennt, sieht o aucli die notwendige Folge ein und schreibt: „An der Zersetzung der alten, feudalen Gesellschaft haben sie doch ihren grossen Anteil.'"' Der oben erwähnte Gedanke, dass die Juden überaLl dort geschätzt werden, wo der kapitalisti sch-kaufmännisclic Geist in Geltung käme, wird von ihm weiter konsequent durehgefülrrt. Er steht hier zwar niclit vollständig auf dem Standpunkte wii Karl Marx, dass „der praktische Juckngeist zum praktischen Geist der christlichen Völker