Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Article
- Für die Kischenewer Juden
- Date
- 1903-05-15
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 «Dfe 3^ Wellte Nr. 20 4. Sie haben in ihrem Wirkungskreise ein Komitee zu Creldsammlungen von Haus zu Haus (auch bei unbekannten, ausserhalb der Partei stehenden Personen) nach Möglichkeit zu organisieren. Habt Erbarmen! Von S. Frug.*) I. Ströme Bluts und Tränenbäche. Fliessen siedend tief und breit .. . Unser altes, grosses Unglück Hat sich wiederum erneut. Hört ihr dort der Mütter Klagen, Jammerschrei aus Kindermund? Tote liegen in den Gassen Und von Blut dampft rings der Grund. Brüder, Schwestern, habt Erbarmen! Gross und schrecklich ist die Not — Gebt den Toten Leichenkleider Und den Lebenden gebt Brot! . . . IL Schwer ist in der Ferne fühlen: Ferne Thränen — fremde Pein; Fernes Weinen — fremdes Elend; Fremdes Blut. . . nein, Brüder, nein! Tausend Herzen — eins das Weh; Tausend Häuser — eine Thür: Alle, alle, ein verwaister Prügelknabe bleiben wir! . . . Brüder^ Schwestern! Habt Erbarmen! Gross und schrecklich ist die Not — Gebt den Toten Leiehenkieider Und den Lebonden gebt Brot! .. . III. Ströme Blut und Thränenbäche Sieden, fliessen endlos schier... Todesangst guckt in die Fenster, Hunger pocht an jeder Tür . . ♦ Schlaff ist unsre Hand im Streite, Gross und mächtig unser Schmerz ,. . Komm denn du mit Trost und Liebe Gutes, heisses Judenherz! Brüder, Schwestern! Habt Erbarmen! Gross und schrecklich ist die Not — Gebt den Toten Leichenkleider Und den Lebenden gebt Brot! 4 .. Etwas Uber die Assimilation und den Zionismus in Polen. Während die Tätigkeit der Zionisten in Russland hauptsächlich rein konstruktiver Natur und darauf gerichtet ist, die latenten nationalen Kräfte der russischen Juden aus der Passivität, aus dem Zustande des träumerischen, instinktiven Wünschens zur regen Lebendigkeit, zur bewussten, einheitlichen Tat- und Willenskraft emporzuheben, fällt den polnischen Zionisten, die erst auf den Trümmern der Assimilation den Volksgedanken aufbauen können, eine doppelte und schwierigere Aufgabe zu: der Kampf, die Zerstörung, die Aufhebung alter und Schaffung neuer Werte. Der heftige und andauernde Streit, *) Aus dem jüdischen Tagblatt „Der Fraind" Nr. 82, übersetzt von M, Bendow, der unlängst in der polnischen Presse über die Stellungnahme zum Zionismus tobte, hat zur Evidenz bewiesen, dass die Zeit der ironisierenden Zweifelsucht und der Verkleinerung der Bedeutung der zionistischen Idee um ist. Und wahrlich, der Zionismus schlägt immer tiefere Wurzeln im polnischen Judentum: sogar die radikalen Assimilanten, die sich anfänglich verzweiflungsvoll. und krampfhaft gegen den Zionismus mit Händen und Füssen wehrten, müssen jetzt eine durch die Berührung mit dem Zionismus verursachte Abnahme der Intensität der Assimilation, deren bedeutende Einbusse an innerer Kraft und Progressivität, ja einen Zerfall im Lager der Genossen und deren Neigung zu Zugeständnissen schmerzlich konstatieren. Und gerade diese wahrnehmbare Abnahme der Assimilation veranlasst mich zu einem Versuche, an deren letzten Mohikanern das Wesen der Assimilation aufzuzeigen. Ich möchte hierbei auf die Genese der polnischen Assimilation zurückgreifen. Man hält uns stets vor, dass die Lage der Juden in Polen eine besonders günstige war; ja, wir hören oft Mahnungen an die noch nicht abgetragene Schuld der Dankbarkeit für die den Juden in Polen erwiesene Gastfreundschaft zur Zeit der allgemeinen Verfolgungen in West-Europa. Dabei wird aber die Kehrseite des Bildes ausseracht gelassen; man vergisst, dass die Juden in Polen für diese fragliche Gastfreundschaft leider einen zu teuren Tribut an Menschenwürde entrichteten. Für das ärmliche tägliche Brot hat man ihre Seelen gepachtet, ihren Geist gelähmt, sie sittlich und moralisch gedemütigt, ihr ganzes Kapital an Stolz, Ehre und Selbstachtung geraubt. Der Jude ist zum Bestandteile des Inventars der S c h 1 a c h t a, zum Spielballe ihrer Launen, zur Zielscheibe ewiger Neckereien, Spötteleien und Witzeleien gesunken. Man betrachtete ihn als ein niedriges, verabscheuungswürdiges Wesen, das wohl ein Recht zur elenden Existenz hat, aber keinen Anspruch auf höhere Menschenrechte erheben kann. In W'est-Europa hasst man die Juden, in Polen verachtet man sie. Diese angeerbte, in Fleisch und Blut übergegangene Verachtung der Juden bildet auch die lokale Färbung, das charakteristische, scharf hervortretende Merkmal des jetzigen polnischen Antisemitismus. Nun trat bei denjenigen Juden, die in ihre Umgebung aufgehen wollten, die Erscheinung einer sozialen Mimicry zutage; in dem unausgesetzten Streben, den Autochthonen in allem nachzuahmen, hatten sie zugleich mit deren Charakter, Lebensweise und Anschauungen auch die Verachtung der Juden, also die Selbstverachtung angenommen. Es begann bei den polnischen Juden das fürchterliche Zerstörungswerk der Assimilation, die entsetzliche Selbstbekämpfung, die an Entartung grenzende Verstümmelung und Verunstaltung des eigenen Geistes, des eigenen Naturells, des seelischen Ich. Die Erziehung fast dreier Generationen hat planmässig und zielhewusst darauf hingearbeitet, das individuell Jüdische, den Geist, das Wesen des Judentums mit Stumpf und Stiel auszurotten, es zu einem Rituale, zu einem Sammelsurium seelenloser Gebräuche und Zeremonien, zu einem trockenen, weder das Herz, noch den Verstand ansprechenden Formalismus herabzuwürdigen. Jüdische Eigenart galt als etwas Lächerliches, Verabscheuungswertes; man verkannte die Geschichte des jüdischen Volkes; über die hebräische Sprache und hebräische Literatur, über die Genies der hebräischen Poesie wurde der Schleier der Vergessenheit geworfen. Allen diesen Aeusserungen der geistigen Selbstamputierung lag das Leitmotiv dec Selbstverachtung zugrunde, der sich ein schamloser Servilismus; eine kriecherische, unterwürfige Demut, eine widerliche Anbiederung den stärkeren Autochthonen gegenüber zugeseilte. Diese Atrophie, ja das volle Schwinden der Selbstachtung bewirkte, dass alles Jüdische von Juden selbst schonungs- und rücksichtslos verhöhnt und verlacht, als etwas Minderwertiges verabscheut wurde. Als das eleganteste Kompliment assimilatorischer Observanz gilt einer jüdischen Dame gegenüber die bekannte Redensart: „Sie sehen gar nicht wie eine Jüdin aus," die dem Ritter eine unsagbare Dankbarkeit, ein seliges Lächeln der sich höchst geschmeichelt fühlenden „Polin" einzutragen pflegt. Ueberhaupt stellt sich bei Assimilationsjuden das Schimpfwort „zydowsky" (jüdische) zur Bezeichnung eines hohen Grades des Verwerflichen, des Anstössigeir und Negativen immer ein. Die Assimilation hat also nicht nur eine Metamorphose der äusseren Merkmale des Judentums herbeigeführt, sondern auf dessen Inhalt und Kern, auf die jüdische Psyche zersetzend eingewirkt. An Stelle des mittelalterlichen physischen Märtyrertums griff jetzt ein geistiges Auto-Märtyrertum Platz, das schauerliche Verheerungen ethischer Natur anrichtete. Das „jüdische Herz", dieses Synonym der inbrünstigen Liebe und des tiefen Empfindens jüdischer Leiden, erstarrte unter der