Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Article
- Zu den Kischenewer Krawallen
- Date
- 1903-05-15
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20 ,DSe & w@ir° Seite 5 die Fortsetzung,. Der „Bessarabetz" erdichtete schon die Fabel des Versahwindens eines christlichen Knaben in Kischenew, die „Znamja" druckt unter dem Pseudonym „Veritas" eine Erzählung über einen „K&halmord". Die „Nowoje Wremja11 schliesslich . ... Aber von ihr wollen wir besonders sprechen. Mit einer ganzen Beihe von empörenden Artikeln hat die „Now. Wr«m." die Katastrophe vorbereitet. Ihre Korrespondenten aus Dubossary haben die Mythe von dem Ritualmord aufgefrischt. Jedes Wort wo* voll Hass gegen die Juden, aus jeder Zeile zischte die Verleumdung ... Aber nach dem Krawalle wurde die „Now, Wrfrm." still. Freute sie sich ihres Erfolges oder erschrak sie larüber? Schliesslich wurde sie Haut. In der Nummer vom 19. April/2. Mai erschien eine längere Korrespondenz aus Kischenew. „Täglich findet man, wenn nicht im Zentrum »ier Stadt, so doch an ihren Ecken Leichen getöteter Christen* . . . Der Vorschlag des Bürgermeisters, den Juden auss den Stadtmitteln 100.000 Rubel zu geben, fand keinen Anklang, da doch „dazu ungeheuere Summen vom Kultusgeld yorhanden wären". „Die Zeitungen sind unschuldig, die Schuld tragen die Juden." Die Julien zeigen drei Stadträte als die Aufwiegler an, da sie von ihn.en, als denReichen und Angesehenen, dieEntschädigung verlangen wollen. . . „Es gibt mehr als zwei getötete Christen - ♦ . Die Lage der Familien der Verhafteten ist eine sehr schwere." So spricht die BNow, Wrem." ihr Mitleid den Geplünderten aus! Was kann man noch hinzufügen? Man traut den Augen nicht — man weiss nicht, was es ist — eine Verstandestrübung, ebne freche Herausforderung oder ein zynisches Gelächter? Aber genug. Wir selbst sind daran schuld. Solange wir mit solchen Erscheinungen nicht kämpfen wollen oder nicht können — dürfen wir uns über nichts wundern. Die „Now, Wrem." wird von mehr als hunderttausend Menschen gelesen, diese Zeitung wächst, wird stärker, reicher» Und anstatt dass wir gegen sie uns rüsten, mit sämtlichen Kräften uns bestreben, sie zu stürzen, schauen wir zu, wie sie die Pest verbreitet, die russische Gesellschaft demoralisiert und in ihr das wilde und grausame Tier weckt. An allem sind wir schuld. Auf uns selbst liegt unsere Schmach .... In ähnlichem Sinne spricht auch das zweite liberale Moskauer Blatt „Russkija Wjedomostfi£S. In einem den Kischenewer Ereignissen gewidmeten Leitartikel erklärt die Zeitung, die das Organ der russischen Liberalen ist, dass die Krawalle keine ökonomische Grundlage haben und deswegen unter keinen Umständen auch dialeisesteSpur einer Rechtfertigung verdienen. Die Hauptschuld daran tragen die verpesteten antisemitischen Organe, die Zwist und Feindschaft gegen dieJuden säen. „Gegen diese v^jpestete Literatur, so schliesst der Artikel, muss die bessene Tagespresse aus allen Leibeskräften kämpfen und in die Hezrzen der Menschen die Gefühle der Gerechtigkeit und Menschlichkeit pflanzen.* Diesen und ähnlichen Stimmen gegenüber klingt es traurig, wenn wir die Rede des Gouverneurs von Kischenew lesen, die er au die jüdische Deputation, hielt und in der er nur zu sagen wusste, die Juden mögen tolerant sein, Regen die Christen keinen Hass hegen itiid auch Christen beschäftigen. In vielen russischen Städten bereitet man sich zu Krawallen vor. So zum Beispiel herrscht in Schitomir eine grosse Angst unter den Juden. Vi«le Familien verlassen die Stadt und fahren nach dem nahen ßerdytschew, die meisten fürchten sich an einem Ort aufzuhalten. Diese ewige Angst ist unerträglich. Der offizielle Berich! Petersburg, (Aus dem russischen Regierungsbote n.) Ein Rundschreiben des Ministers des Innern an die Gouverneure, Stadthauptleute und Ober-Postmeister entwirft von der Judenhetze in Kischenew folgendes Bild: Bei den Unruhen, deren Urheber vorzugsweise einfache Leute waren, sind 45 Personen getötet worden oder ihren Wunden erlegen, 74 wurden schwer, gegen 350 leichter verletzt. Ungefähr 700 Juden gehörige Häuser und 600 Geschäftslokale wurden geplündert. Die Untersuchung ergab, dass die Unruhen durch das zugespitzte Verhältnis zwischen den Christen und Juden Bessarabiens hervorgerufen wurden. Irgend ein albernes Gerücht konnte unter solchen Umständen einen Ausbruch der Volksleidenschaften herbeiführen. Dies taJ denn auch die falsche Anschuldigung, die Juden hätten in Dubossary» dem benachbarten Gouvernement Cherson, in Kiew und in Kischenew Ritualmorde verübt. Dadurch ejiIsland Ende März unter den Arbeite rn und dem einfachen Volke in Kischenew das Gerede., es müsse gegen die Juden losgegangen werden. Geschriebene Aufrufe, über die Juden herzufallen, wurden verbreitet. Die Volksstimmung am Ostersonmtag verriet jedoch noch nichts Aussergewöhnliches. Auf dem Platze für Volksbelustigungen war alles ruhig, bis am Nachmittag gegen 4 Uhr ein jüdischer Karousselbesitzer eine christliche Frau de;ait sticss und schlug, dassihr Kind ihren Händen entfiel. Dies war der direkte Anlass zur Judenhetze. Sofort flogen Steine gegen die Fenster benachbarter Judenhäuser, Die Unruhen pflanzten sich in die umliegenden Strassen fort und die Menge durchzog sodann verschiedene Stadtteile, überall die jüdischen Häuser und. Verkaufsläden zerstörend. Hierauf begannen andere Ruhestörer zu plündern. Die Ausschreitungen konnten nicht sofort unterdrückt werden, vral sie sich schnell ausbreiteten. Schon am Abend des Ostersconntags zählte man eine grössere Anzahl toter Juden. Um 10 Uhr hörten die Ausschreitangen auf. Am nächsten Morgen überfiel ein mit Stöcken bewaffneter Häuf« von Juden auf dem neuen Bazar die dort in bedeutend geringerer Anzahl anwesenden Christen. Die Prügelei hörte aber bald auf, während sich im anderen Ende des Bazars ein ähnlicher Ueberfall wiederholte. Aus der Mitte der jüdischen Angreifer fiel ein Schuss, der einen Christen verwundete. Nun erneuerten sich die Umruiien in der Stadt. Die Wohnungen von Ju«den wurden zerstört und diese niedergeschlagen. Die di«e Stadt durchziehenden Militär-Patrouillen erwiesen sich als ungenügend. Es wurden neue Truppenkommandos herbeigerufen und die Erteilung der Anordnungen zur Aufrecllerhaltung dtr Ordnung vom Gouverneur der Militär-Obrigkeit übertragen, Den anfangs herbeigerufenen Truppen gelang die Unterdrückung der Unruhen nicht, ve-il infolge mangelhafter Massnahmen d&r Polizei, der offenbar die nötige Leitung fehlte, die Strassen ausser von den Ruhestörern auch haufenweise von Neugierigen gefüllt waren.. Nachiem die Truppen pianmässig auf die einzelnen Bezirke verteiLt worden waren, hörten dort die Unruhen am Abend des Ostermontages auf, ohne sich zu erneuern, Di« Vorgänge in Kischenew versetzten die jüdische Bevölkerung an vielen Orten des Reiches in Unruhe und riefen uirter den Christen Gerüchte von bevorstehenden Judenhetzen hervor. In einigen Städten begannen die Juden Verehrungen zu ihrer Selbstverteidigung zu bilden. Auf örund der vorn Direktor des Polizei-Departements an Ort und Stelle gepflogenen Erhebungen wies der Kaiser den Minister des Innern an* den Chefs der Gouvernements und der Städte einzuschärfen, dass ihnen unter persönlicher Verantwortung zur Pflicht gemacht wird, Massnahmen zu treffen, um Gewalttätigkeiten vorzubeugen und die Bevölkerung zu beruhigen, damit der Anlast zu Befürchtungen für das Leben und Eigentum irgend eines T&iles der Bevölkerung entfalle. Das Rundsc lireiben richtet die Aufmerksamkeit der Gouverneure usw. darauf, dass di«e Bildung von Vereinen zur Selbstverteidigung durchaus unzulässig, und dass die Zivilbehörde bei Unruhen nicht berechtigt sei, im Falle der Heranziehung von Truppen ihre Obliegenheiten zur Herstellung der Ruhe an die Militärbehörde abzutreten, sondern dass &ie persönlich an Ort und Stelle anwesend zu sein und das gemeinsame Vorgehen der Truppen und der Polizei zur energischen Unterdrückung der Ausschreitungen zu lebten habe. Nach dem Gesetze hätte der Vertreter der Zivilbehörde die persönliche Erteilung der Anordnungen -rst einzustellen, nachdem er die Kommandeure der Truppenteile zum Waffen gebrauch aufgefordert habe, und auch dann nur während des Vorgehens der Truppen. Für die Kischenewer Juden. An die P. T. Verein« und Vertrauensmänner des innerösterreichischen Distrikts! Gesinnungsgenossen! 1. Die Veranstaltungen von Volksversammlungen hal)en aus Gründen § alitisch er Natur zu unterbleiben; dagegen haben die Vertrauensmänner auf die Rabbiner und Kultus vor steher ihrer Orte (Bezirke) einzuwirken, damil in den Gotteshäusern Trauerandachten abgehalten odei* doch im Gebete der Toten von Kischenew gedacht wird. 2. In Wien finiftfc ein solenner Hesped (Trau eran dacht] der zionistischen Partei demnächst statt (Ort und Zeit wird! bekanntgegeben.) Die Wiener Vereine haben d&zu korporativ zu erscheinen. 3. DieParted leitet eine intensiveSammluaig ein. Sie erhalten gleichzeitig eine entsprechende Anzahl von Sammelbogen und Aufrufen. Di& Aufrufe sind an alle Mitglieder (ScHiekelzahler) ihres Vereines (Sprengels) zu verbreiten. Die Sammelbogen sind zuverlässigem Persönlichkeiten unier ihrer Verantwortung auszuhändigen. Ueber Wunsch stehen weitere Aufrufe und Sammelbogen zur Verfügung, (Letztere bei Herrn Äud. Pick, I„ Jasomirgottstra sse 6.J