Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Article
- Die Schreckenstage von Kischenew
- Date
- 1903-05-15
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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t 1 tbapper ijlot:^rbäti%ji Wär, üm liier von dem grausamsten -Tode ereilt #a: werden. ♦ . . - Aber in Kischenew' selbst feierte die menschliche Bestiätität eine erschreckende Orgie. Die national-russischen a Petersbürgski ja Wjedomosti" bezeichnen selbst die Vorgänge von Kischenew als etwas, „was die Welt bis jetzt noch nicht gesehen hatte". Und tatsächlich berichten die Blätter Einzelheiten, welche in ihrer schier unmöglichen Grausamkeit das Blut erstarren macht. Denn die Mörder hatten ihren Opfern, wie das Blatt des Fürsten U c h t o m s-kij ausdrücklich hervorhebt, noch erschreckende Qualen zugefügt. Einem jüdischen Tischler wurde die rechte Hand mit seiner eigenen Säge abgesägt; einem Juden wurde der Bauch aufgeschlitzt, die Eingeweide herausgenommen und der Bauch mit Flaumen aus einem Polster gefüllt; einer Jüdin wurden lange Nägel in den Kopf geschlagen. Der Chef der Kischenewer Landespolizei, Dr. Goros chewskij, ein rechtgläubiger Christ, berichtet den „Nowosti* folgende Tatsachen : Der Jüdin Sura Fonorgi wurden Nägel in die Nase getrieben, welche ihren Tod nach grausamen Qualen herbeiführten; dem Juden Lyss renkten die Mörder alle Gelenke aus; dem Juden Chariton schnitt man die Lippen ab, um nachher die Zunge mit einer Zange herauszuziehen; dem Juden Selser schnitt man die Ohren ab3 vor Schreck verlor er den Verstand; Ecke der Swetschnajastrasse setzten die Mörder eine schwangere Jüdin auf einen Sessel und schlugen mit Stöcken solange auf den Bauch'los, bis die Unglückliche verschied. Man fand auch ein kleines Mädchen entzweigerissen. An der Wand eines Hauses sah man einen Knaben an genagelt... Als die Tramway vorüberfuhr und die Mörder unter den Insassen Juden erblickten, riefen sie den christlichen Fahrgästen zu: „Schleudert uns die Juden herunter!u Und die sich Christen nennenden Fahrgäste warfen die Juden herab und lieferten sie so dem Tode aus.. . Das Unbegreifliche dabei ist, dass alle diese Morde und erschreckenden Grausamkeiten in Gegenwart der Polizei und der patrouillierenden Soldaten verübt werden konnten. Als die Juden, so lesen wir in den national-russischen 7„Petersburgskija Wjedomosti", die Massacres in den Strassen und das Stillschweigen der Polizei sahen, stürzten sie von panischem Schrecken ergriffen, auf die Telegraphenämter, um nach Petersburjg zu telegraphieren und um Rettung zu bitten, aber überail wurde die Annahme von Depeschen verweigert. Erst dem Dr. M u t schnik gelang es, Kischenew mit der Eisenbahn zu verlassen, die Station Mireny zu erreichen und von dort nach Petersburg von dem Judengemetzel zu berichten. Alle diese Tatsachen hat der Bürgermeister von Kischenew, K; S c h m i d t, in einer Denkschrift angeführt und sie dem. Minister des Innern übersendet. Nur der einzige Polizeikommissär Lutschinskij hat energische Massnahmen zum Schutze der in seinem Rayon lebenden Juden ergriffen, aber die Plünderer richteten auch dort ein Blutbad an . ... Viele Juden wurden im Schlachthause aufgehenkt, um dem blutdürstigen Pöbel das Schauspiel einer öffentlichen Hinrichtung zu bieten ... Die in Kischenew eingetroffenen Untersuchungsrichter P o 11 an und Ds chib e 1 Ii haben vord erh an d folgende Tatsachen konstatiert: Es wurden 800 Geschäfte und 1000 Häuser von Juden völlig demoliert und ausgeplündert. Die Zahl der brot- und obdachlosen Juden beträgt 6000. jener der zu Armen und Bettlern gemachten Juden über 4000. Die Zahl der ngnoscierten getödteten Juden beträgt 46, jene der Schwerverwundeten, von denen viele hoffnungslos darniederliegen, 84, jene der im Spital aufgenommenen minder schwer verwundeten 354. Viele Leichen von Juden wurden in die Aborte geschleudert , . . Die Zahl der verhafteten Plünderer -und Mörder: betrug 1000,. von denen jedoch viele auf freien Fuss gesetzt wurden. t ' Weit" rtr. 20 Das Empörendste dabei aber ist, dass das Antisemitenblatt „Bessarabetz", welches die Schreckenstage von Kischenew sozusagen vorbereitete, nunmehr nicht aufhört, von rneuerlichen Ritualmordgeschichten der Juden" zu erzählen, die Massacres zu rechtfertigen und die Geister gegen die Juden aufzuhetzen ♦ . Die Zensur liest diese Hetzereien, ohne gegen den Urheber derselben einschreiten zu wollen. Aber noch mehr! Der Gouverneur v, Raaben und andere hervorragende Christen, welche sich der Juden angenommen haben, erhalten, wie eine Kundmachung besagt, täglich anonyme Drohbriefe, in denen die Beschützung der Juden als den Absichten der Regierung zuwiderlaufend bezeichnet und die Ausrottung der Juden in Aussicht gestellt wird. Das Haupt der Handwerkerzünfte in Kischenew, Step an ow, hat übrigens in einer öffentlichen Versammlung sieh darüber beklagt, dass man sich für die Juden interessiert, für die verhafteten Plünderer aber gar keine Sympathien bekunde . . . Bei dieser den Juden feindseligen Stimmung ist die Panik begreiflich, welche sich der Judc?n in den anderen Städten Südrusslands, bemächtigt hat. Ueberall ergreifen die Juden die Flucht, überall sieht man, wie russische Blätter melden, erschreckte und bleiche Gesichter von Juden. Jüdinnen und Judenkindern, welche mit den wenigen Habseligkeiten beladen, den Wanderstab ergreifen, um zu flüchten . . . Wohin? Wer kann diese Frage beantworten? In einem Privatbriefe aus Kischenew heisst es am Schlüsse: „Wann, wann werden wir Juden aus dem „Golus" erlöst werden?" Gt. Zu den Kischenewer Krawallen. Die liberale russische Presse spricht offen und frei ihre Empörung und Entrüstung wegen der Ereignisse in Kischenew und der Haltung eines gewissen und sehr einflussreichen Teiles der russischen Presse aus. So schreibt die Moskauer Zeitung „Der Kurjer" vom 5. 1. M. folgendes: .... „Fort mit allen Tagesfragen, den kleinlichen und nichtsnutzigen; heute ist es eine Schande, sich mit ihnen zu beschäftigen! Ja, es ist eine Schande, denn fünf Millionen Menschen, deren Glaubensgenossen als Opfer der unerhörten Mordtaten von Kischenew gefallen sind, blicken auf uns mit einem stummen Vorwurfe. Es ist eine Schande, denn die ganze zivilisierte Welt blickt auf uns mit Schrecken und Staunen . .. . Was ist das? Mittelalter —- mitten im XX. Jahrhundert? Troglodyten dicht in der Nähe der Universität? Was ist das? Das zweite Josua-Wunder — der Ruf: „Halt ein", der an die Sonne des Fortschrittes gerichtet ist? . . . Man blickt auf uns und erwartet Aufklärungen. Können wir von Kunst und Schönheit reden, können wir scherzen, geistreichein, uns amüsieren? Unter dem erschütternden Eindrucke der Ereignisse stehend, kann man nicht ruhig nach deren Ursachen forschen. Es werden diese allgemeinen Ursachen, die in der unwissenden Masse denHass gegen die jüdische Bevölkerung schüren, aufgedeckt werden, es wird die ökonomische Lage der Judenschaft, von welcher 75 Prozent ein unheilbares Proletariat bilden, beleuchtet werden. Es werden Wege zur Heilung dieser unserer öffentlichen Geschwüre gezeigt werden, und das Gericht wird sein Urteil fällen über die Urheber der Kischenewer Mordtaten. Aber dieses alles — es ist Sache der Zukunft. Wollen wir hoffen, dass sie nahe sei- Aber was können wir Christen jetzt zu unserer Verteidigung sagen? Nichts, denn unsere Schuld ist zu augenscheinlich. Wir haben schon zu lange gewähren lassen. Und inzwischen sind Verbrechen an den Tag gekommen, vor denen die Hände in Unschuld zu waschen, schon ein Verbrechen ist. Die Suworin, Piatkowski, Welitschko, Kruschewan, Scharapow, Komarow. *. Wie viele Jahre treiben sie vor unseren Augen ihre Aufwieglerärbeit! Wie viele Hunderttausende Menschen haben sie demoralisiert, sie mit Menschenhass verpestend! Mit jedem Worte, das sie den Juden g ewidmet haben, haben sie die rohesten, bestialischen Instinkte wachgerufen . . Und schliesslich* als Resultat ■— Ereignisse, die alle Schrecknisse d'es Mittelalters auferstehen lassen. Wir Wussten es und waren passiv, wir sehen jetzt und tun nichts dagegen. Aber wir müssen uns schliesslich doch schämen: weiter kann man schon nicht gehen! Die Aufwiegler aber wollten