Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 19 (8.5.1903)
- Article
- Aus dem Londoner Ghetto
- Date
- 1903-05-08
- Page
- 17 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 19 „Die & Welt- Seite 17 an der Brotrinde zu nagen oder zu verhungern, und er wiilili die Brotrinde, Wer heutzutage das Osteoide von London betritt, tritt gleichsam in ein fremdes Land ein. Die Namen über den Läden sind sämtlich russisch, polniscfi, rumänisch, jüdisch oder deutsch. Viele der Anzeigen in den Schaufenstern sind in hebräischer Schrift. Man sehe weh die mit Plakaten beklebten Wände an: die Hälfte davon ist jüdisch, und nicht nur jüdische Dinge werden so angezeigt, auch englische Theater haben itare jüdischen Theaterzettel. Line Tageszeitung: „Der jüdische Express4, ist mit hebräischen Buchstaben gedruckt. (Line andere heisst: «Das jüdische Telephon41.) Englisch wird kaum gesprochen. Die Ausländer drängen die Engländer hinaus. Tn Häusein, welche von zwei englischen Faimilien bewohnt waren, wohnen jetzt fünf oder sechs ausländische Familien. Der Bewohner eines Hauses won sechs Zimmern vermietet vier Zimmer davon und haust, so gut er kann, in dien anderen beiden. Da er so höhere Miete bezahlen kann als die Engländer, müssen diese das Feld räumen. So sind die Mietpreise in den letzten zehn Jahren um 50 und 100 Prozent gestiegen. In einer Gemeindeschule in Stensney sind 86 englische und 991 ausländische Kinder. Ganze neue Gebäudeblocks, die errichtet sind, um «die Uebervölkerung zu vermindern, haben sich gleich wieder mit Ausländern gefüllt. In den Airbeiterwohnungen, welche der Grafschaftsrat in Boundary Road errichtet hat, sind 27 Prosent der Mieter zugestandenermassen Ausländer; wahrscheinlich sind es mehr, Ich sage zugesiaiidenermassen, denn der Ausländer, welcher findet, dass sein Geschäft wegen seines russischen, deutschen oder jüdischen Namens leidet, trägt gar leein Bedenken, einen englischen Namen anzunehmen. Moses wird Moss, Schlesinger wird Sinclair, Levi wird Lewis, Samuels wird Saunders. Ich verb rächte einen interessanten Vormittag in der jüdischen FreiscliuLe» welche über 3000 Schüler hat, Der Hau ptlehrer sagte mir, volle 90 Prozent der Schüler kämen in die Schule, ohne Englisch zu verstehen. In der obersten Klasse war unter ungefähr 40 Knaben nur einer, welcher sagte, dass seine Eltern ira England geboren seien. Zwei Drittel der Knaben waren im Auslände geboren, riL&ist in Russland. In der schenpause tollten 2000 jüdische Kinder gerade so lärmend umher, wie die üi England geborenen Kinder es tun. Drei der Klassen trugtn Union Jacks; diese englische Fahne ist die "begehrte Auszeichnung dafür, dass in der Woche vorher kein einziger Schüler gefehlt hat. Im Gegensatze zu jedem anderen Ausländer, der sicL in England med*rlässt, wird der russische und polnische Jude kein Englanden Der Deutsche, der nach England kommt, ^eht hier im nationalen Leben auf. Er nimmt englische Gebräuche an, er verheiratet sich hier, er verschwindet im Volke, seine Nachkommen sind Engländer. Die Juden bleiben unter sich* die strengen reliriosen Vorschriften hindern sie daran, dass sie sich dem englischen Volke assimileren. Darin unterscheidet sie sich von allen anderen Ausländer^ welche an Englands Küsten landen. England ist nicht ihre Heimat. Es ist nur eine Haltestelle auf denn Wege nach Zioit. Wie ich schon gesagt habe, sind ganze Strassen und sogar ganze Viertel von Engländern geräumt, die den Ausländern haben Platz machen müssen, welche, in schmutziger Umgebung zusammengeirängt hausend, höhere Miete bezahlen können als englische Arfteiter. Mancher Hausbesitzer will gar nicht an einen Engländer vermieten, w&il dieser 'sich's nicht gefEtilen lassen würde, wenn durch die Wände Feuchtigkeit kommt, oder vielleicht gar bei der Behörde die Anzeige darüber erstaltete. Der Ausländer tut so etwas nicht. Die Veidrängung der englischen Mieter ist noch mehr zutage getreten, seit der Ausländer selber Hausbesitzer geworden ist. Hier schröpft der eine Ausländer den anderen. Icli besuchte ein Hans in Batty's Gardens in der Vorstadt St. George im Osten. Es war niedrig, diäster, feucht. Das zerbrochene/ Fenster war mit einem Zeuglumpen zugestopft und der Kalk bröckelte von den Wänden. Das Innere bestand aus nichtsals einer schmutzigen Küche und zwei kastenartigen Schlaf räumen. Hier wohnte ein Ehepaar mit neun Kindern. Das älteste Mädchen machte Zigaretten und Ickam 2 Mark für das Tausend, gleichzeitig beaufsichtigte es das jüngste Kind von vier Monaten. Die Miete \rar ehemals 6 Mark 50 Pfg. pro Woche gewesen, sie war danm auf 8 Mark 50 Pfg. gesteigert worden und beträgt jetzt IG Mark. Eine aWtossende Gegend ist Gun Street. Hier lebten ausländische Familien von sechs bis acht Personen in einem Zimmer. Die Mieten beliefen sich auf 4 Mark 75 Pfg. bis 5 Flark 50 Pfg. pro Woche. Alle Bewohner waren entsetzlich arm. Die Räume waren elend mölliert und schmierig, die Frauen unsauber uiil alle hatten mehrere kleine Kinder. Viele der Leute spraclien kein Englisch. In der Vorstadt Stepney sind 8000 Engländer aiis- und 20 000 Ausländer eingezogen. Die Erhöhung der Mieten war die Hauptursaehe des Auszuges. Stepney ist voll von russischen und polnischen Juden. 12 500 davon sind Sckneider, 3200 Schuhmacher uni 2500 Tischler. Von 38 000 russischen Juden in London wohnen 95 Prozent in Stepney. I>er Umstand, dass die JudeiL Schlüsselgeld44 bezahlen, am den Schlüssel des Hauses ausgehändigt zu erhalten, trägt mit zur Verdrängung der Engländer bei. In einem Falle bezallte der Mieter einer Werkstatt, die nur 20 Personen fasst, 1200 Mark für den Schlüssel. Gewissenlose Hausagenten machen aus dem Schlüsseigeide ein Geschäft. Sie kaufen den Schlüssel, nehmen neue Mieter auf, die fir den Schlüssel bezahlten und werfen sie dann sofort wieder hinaus. Jüdische Wohltätigkeitsvereine geben sich grosse Mühe, die ausländischen Juden aus diesen übervölkerten Vierteln herauszubringen und sie über gesundere Gegenden tu verteilen. Dadurch aber, dass jede Woche neue Scharen von Ausländern ankommen, Verden diese Bemühungen frucLtlos gemacht. Ein Komitee schickt solche Ausländer, die arbeiten können, in Provinzstäite, z. B. nach Leeds. Es versuclit auch, durch Errichtung von Fabriken ausserhalb Londons die Uebervölkerung zu verminiern. Die Juden scheuen sich aiber, in eine Gegend zu gehen, in der keine Synagoge ist. Ein anderer Grund für das Zusammendrängen ist auch die Schwierigkeit mit der Sprache. Sie ziebion es vor, dort zu bleiben, wo sie alle ihren jüdischen Jargon reden können. Jüdisches aus Marokko. Wir erwähnten letzthin den Namen des französischen Forschers Foucauüd als eines Mannes, der durefe eigene genaue Studien berufen war, von der jüdischen Gesellschaft Marokkos ein Bild zit entwerfen. Den Juden erk ftnnt man, sagt Foucauld, an seinem Kappchen und an seinen schwarzen Pantoffeln, denm andersfarbige zu tragen, ist ihm nicht gestattet. Auf deoi Lande draussen darf er fimf einem Esel oder Maultiere retten trifft er aber einen Geistlichen oder kommt er kq einem Gotteshause, so minss er entweder ats ei^ei ofipr einen Umweg machen. Bei Zollschranken muss er für sich eine Taxe entrichten wie für ein Lasttier. In der Stadt geht der Jude barfuss; das Brireten von Strassen in der Nahe eines moslemitischen Goltpshauses ist ihm vei boten. Er bleibt ohne Beziehungen zu den Muselmanen und steht nur mit seinen Religionsgenossen in Veibindung, die allein einem besonderen Quartiere leben. Im Meliah ist des Juden Heim; beim Betreten desselben zieht er seine Schuhe wieder an und verliert sich in dem Gewirre der düsteren, schmutzigen Gänschen; mitten durch den Schmutz trabt er dahin, stolpert über verfaultes Gemüse, stösst kn einen kranken Esel, der ihm den Weg versperrt; alle Arten sehlechter Gerüche steigen ihm in die Nase, miss tönender Lärm von allen Seiten; irgendwo in den Naehbohäusern keifen Weiber mit schriller Stimme; Kinder psaloiodieren mit näselndem Tone in der Synagoge. Er komm! auf den Markt: Fleisch, Gemüse, viel Branntwein, einige gewöhnliche Lebensmittel, das ist alles, was man dort finÄet. Die besseren Sachen bekommt man nur im arabische» Stadtteile. Auf dem Markte also besorgt der Jude seine Einkäufe und geht dann wieder nach Hause. Ist er arm, so hat er nur ein Kämmerehen zum Unterkriechen, in derai Weiber und Kinder auf demBoden herumkauern; eine Kohl e-npfanne und ein Kessel bilden «las ganze Mobilar. Gemüse während der Woche, schlechtes FJeisch, harte Eier und ein wenig Branntwein am Sabbath, daTon lebt die Familie. Der Jude aber, den wir beim Einkaufe beobachteten, ist reich. In dem Momente, da er das schwarze Thor öffnet, tritt er in einej neue Welt. Da ist Licht, Sauberkeit, Kühle, Heiterkeit. Er beiiitt einen viereckigen Hof, an dessen Seiten zweistockhohe [Galerien hinziehen, in welch« die Türen der Zimmer steh öffnen. Tief dunkelblau wölbt sich dpr Himmel über uns; die letzten Strahlen der Sonne werden wie aus einem Spiegel aus d»m farbigen Slringuto am Giebel d. s Hauses zurück-