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Die Welt · 1903-05-08 · 19 (8.5.1903) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
19 (8.5.1903)
Article
Die wundertätige Megille
Date
1903-05-08
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seile 16 Die # Welt" Nr. 19 sterben; sie aber, das wusste er, würde stumm leiden, bis der Tod sie erlöste. Aufmerksam betrachtete er die Thorarolle; es war länge her, seit er ihr einen Blick, einen Gedanken geschenkt hatte. Sie verkörperte so vielerlei: ein neues Leben, das die gütige Vorsehung ihm dargeboten, ein Glück, das zu scliön gewesen wäre, tausendfache Eeue, eine ganze Welt voll ohnmächtiger Verzweiflung •— all das lag in ihr begraben. Sie war es also wert, dass er sie näher betrachtete, so nahe, dass er bemerkte, wie verblichen die blaue Seide zu werden begann, mit der sie gefüttert war — es war dieselbe Seide, mit welcher Esther seinen Talles besetzt hatte und aus der auch ihr Brautkleid gemacht worden war. Dieses existierte freilich nicht mehr, aber er erinnerte sich dessen so genau, wie er sich vieler anderer Dinge erinnerte: seines kleinen David zum Beispiel mit den blassen Wangen und den grossen Kinderaugen, mit dem beharrlichen Blick, vor dem der Vater manchmal erzitterte, wenn er fragend auf ihm ruhte. Wie er so an seinen kleinen Sohn dachte, fiel ihm ein, dass der wohl die stumme Frage eines Tages aussprechen würde, und dass er sie dann zu beantworten hätte. Und es war wohl an der Zeit, dachte Kolba, Vorsorge zu treffen für diesen Tag, damit er imstande sei, sich zu verantworten. Jawohl, er musste gleich beginnen, Anstalten für diesen Tag zu treffen. Er biss die Zähne zusammen, denn er wusste sehr gut, was dieses Vorhaben bedeutete: er wusste, dass er gar oft noch in die Lage kommen würde, die Zähne zusammenzubeissen, bevor es vollbracht war. Ja, er wollte mit dem bösen Dämon in seinem Innern kämpfen, ihn bannen, sich von seiner Tyrannei befreien und wenn auch dadurch sein Leben um die Hälfte verkürzt werden sollte, diesesmal rrrusste es ihm mit Hilfe Gottes, der fragenden Blicke seines kleinen Sohnes und seiner Frau, dieser Märtyrerin, wie auch mit Hilfe der Thorarolle gelingen. Kolba blickte auf; der Vorbeter war in der Megille zu der Stelle gekommen, da die zehn Söhne Hamans aufgezählt werden — das musste in einem Atem geschehen— und er keuchte und rang nach Atem, wahrscheinlich, um den Zustand der Söhne Hamans sinnbildlich darzustellen, in dem sie sich befanden, nachdem Mordechai und. die Kinder Israels ihnen den Best gegeben hatten. In dem Augenblicke erhob sich auch schon die Gemeinde und begann aus der Synagoge zu strömen. „Darf ich die Megille tragen?" fragte der kleine David schüchtern. Kolba nickte zustimmend und David ergriff fröhlich die Megille, rollte sie fest zusammen und steckte sie in seine Jacke: es war ein so hübsches Spielzeug, und es war ihm nur einmal im Jahre gestattet, es zu tragen. Kolba entfernte sich mit gesenktem, Kopfe und in gedankenvollem Schweigen: er hatte sich eine Aufgabe gestellt, in der er kein Meister war, die sorgfältiger Vorbereitung bedurfte. Esther war gerade mit dem Decken des Tisches fertig geworden, als ihr Mann allein ins Zimmer trat, demi David war ein wenig zurückgeblieben, um die schöne Megille jedem zu zeigen, den er dazu verleiten konnte, einen Blick darauf zu werfen. Kolba hatte noch keinen entschiedenen Plan gefasst, wie er die Sache anfassen solle, und um sieh, den Kopf nicht weiter zerbrechen zu müssen, ging er auf seine Frau zu und küsste sie zweimal auf den Mund. „Heute ist unser Hochzeitstag," erklärte er verlegen auf ihren fragenden Blick. „llichtig — das hatte ich ganz vergessen," antwortete sie ruhig. „Ich glaube, ich hätte dir Ursache genug gegeben, immer daran zu denken," sagte er mit heiserer Stimme. Esther sah ihn unsicher an. Hatte er einen Vorwurf oder ein Bedauern ausgesprochen? Seine folgenden Worte Hessen sie nicht lange darüber im Unklaren. „Esther," sagte er, seine Augen niederschlagend, „ich habe Asche auf dein junges Leben gestreut, und ich wundere mich nicht, dass du nicht an den verfluchten Tag denken magst, der mir die Macht dazu gegeben hat." „Ich hab den Tag niemals verflucht," erwiderte Esther und suchte in seinen Augen zu lesen, welche die ihren vermieden, „es war ein Tag, der, wie jeder andere, den Gott gibt, Gutes und Böses in seinem Schosse trägt." „Dann musst du m, ich verfluchen, denn ich bin das Böse, das er dir gebracht hat," sagte Kolba. Esther blickte ihn erstaunt an, nie zuvor oder wenigstens seit sehr langer Zeit nicht hatte eine solche Zerknirschung aus seinen Woren geklungen — was hatte das zu bedeuten? „Kolba," sagte sie, „ich habe nie Böses über dich gesprochen, weder zu dir, noch zu anderen, ich habe Geduld mit dir gehabt und werde sie weiter haben, so lange ich die Kraft haben werde, es ist nicht mein Elend, das mich so betrübt, es ist das deine." „Du meinst, dass das meine dir Grund genug zur Sorge gibt? Esther, du sollst nicht länger so leiden." Eine plötzliche Angst ergriff Esther. „Willst du dich von mir scheiden lassen?" fragte sie. Kolba lachte — es war ein fröhliches Lachen. „Wae kommst du auf den Gedanken?" fragte er; dann fuhr er mit einem Tone, der heftige Furcht verriet, fort: „Oder solltest du es wünschen?" Sie schüttelte den Kopf. „Hab ich dir nicht gesagt, dass ich Geduld init dir haben will?" sagte sie. „Ich werde es dir leicht machen," begann Kolba, der seine ganze Seele in die Worte legte. „Heute ist mir ein Entschluss gekommen, und ich glaube, der Himmel hat ihn mir eingegeben, denn ch fühle, dass ich die Ausdauer haben werde, ihn auszuführen. Du. weisst, was ich meine, Esther: dein Leiden hat ein Ende." Esther liess den Kopf sinken. Wkr das alles? Ein neues Versprechen, dass er sich ändern, dass er die Versuchung meiden würde, ach, sie kannte seine Versprechungen! Was für Sinn hätte es, sich an eitlen Hoffnungen aufzurichten, denen bald wieder die Enttäuschung auf dem Fusse folgen würde? Kolba las die Zweifel in ihrem Herzen. (Fortsetzung folgt.) Aus dem Londoner Ghetto/) Die ausländischen Juden kommen nach London entweder mit der Adresse einer Werkstatt oder mit der Adresse eines Freundes. Typisch ist der folgende Vorgang: Ein.Schuhmacher aus Polen kam im Londoner Ostende an. Er hatte eine Karte mit einer Adresse, aber der Freund war nach Amerika verzogen. Nun stand der Ankömmling allein da und seine ganze Baarschatt bestand aus 80 Pfennigen. Man brachte ihn in das Asyl für jüdische Obdachlose in Leman Street. Dort blieb er einige Wochen und er ging jeden Tag Arbeit suchen. Er fand Arbeit. Nachdem er fünf Tage lang elf Stunden täglich gearbeitet hatte, gab man ihm 2 Mark. Als er mehr verlangte, sagte man ihm, er sei ein „Grüner" und sei nicht mehr wert. Er wohnte in einem aus zwei Zimmern bestehenden Hause, und zwar teilte er das obere Zimmer mit noch einem Mieter und dem Wirte. Im untersten Zimmer schlief die Wirtinmit sechs Kindern. In der zweiten Woche verrichtete er Akkord- Arbeit und verdiente 5 Mark. Als er dann aufgehört hatte, ein „Grüner4' zu sein, verdiente er durch Arbeiten von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts 24 Mark die Woche. Dann bezahlte er einem, der ihn in einem anderen Handwerke unterwies, 10 Mark. Die Arbeitsbedingungen sind so unbarmherzig hart, die Arbeitszeit so lang, die Bezahlung so gering, dass der englische Arbeiter wenig in Mitbewerb treten kann. Ausserdem ist der Engländer geneigt, sich aufzulehnen und einen gerechten Tagelohn zu verlangen. Der Ausländer ist zaghaft. Er hat entweder *) Einer Artikelserie der „Birmingham Post" über die Einwanderung von Ausländern in England sind diese einzelnen Abschnitte entnommen. (Aus der „Frankft. Ztg.")

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