Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 19 (8.5.1903)
- Article
- Das Familienleben
- Date
- 1903-05-08
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
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M TFe) Aus unseren Büchern. Das Familienleben. Zehn Jahre lsamg hatte ein Paar in glücklichster Ehe gelebt. Doch fehlte ihm die Krone des Familien glückes-, da der Kindersegen ausgeblieben war. Und so traten denn die betiübten Eheleute wor Eabbi Simon ben Jochai und verlangten die Scheidung der Ehe. Der Rabbi schlug ihnen voi's die Ehescheidung ebenso freudig, bei lustigem Mahle zu begehen, wie sie vor zehn Jahren die* Ehe eingegangen waren. Das Paar ge&orchte der Weisung des Rabbi. Zu Hause angelangt, veranstaltete es eime reichliche Mahlzeit, bei der es gair festlich zuging. Der Gatte, der imehr als gewöhnlich detm Becher zugesprochen hatte, geri&t in gemütliche Stimmiamg und sagte zu seiner Frau: „Sieh', meine Liebste, wir sollen nun für imzmer von einander scheilen. Suche dir das Beste und Teuerste in meinem Hause aus,, bevor du es verlassest, um in d«in Elternhaus zurückzukehren." Nachdem siel der Gatte zur Ruhe begeben hatte und in tiefen Schlaf verfallen war, liess ihn die Frau von ihren Dienern nach ihrem Vaterhause tragen* Um Mitternacht erwachte der Mann. Sein Rausch war vorbei* Er fragte seine Gattin, wo-er sich denn befinde, und als sie ihm s'sgtte, er befinde sich in ihrem Vaterhawse, war er darüber erstaunt und fragte, was er denn hie» zu tun hätte. Die Frau abesr antwortete ihm: „Hast du mir nicht selber am Abend gestattet, (das Beste und Teuerste aus deinem Hause mitzunehmen? U5an denn, ich weiss eben nichts Besseres und Teureres als dich!" Am Morgen begaben sie sich wieder zum Rabbi. Dieser betete für de um Kindersegen, Und Gott erfatörte das Gebet des Rabbi. * Warum schmf Gott zuerst den Mann allein? Er wusste, -dlass die Frau es ihm nie werde recht machen können uqgI er fortwährend über sie klagen Wörde; deshalb liess er ihn so lange ohne Frau dasitzen, bfis er eingesehen, dass es „nicht gut sei für den Mann, allein zu sein", und bis er ei ae Frau verlange» werde. * Gott segnet» das Menschenpaar und gab ihm den Namen: Mensch- Erst beide zusammen machen den Menschen aus, Ist deine Frsiu klein, beug dich zu ihr hinab and raune ihr ins Olli-, wenn es gilt, ihren Rat einzuholen. * Wer seine Frau liebt wie sich selbst, sie aber mehr ehrt als sich selbst — auf den ist der Bibelvers zu beziehen: Und du wirst wissen, dass dein Haus in Frieden bestellt ist. * „Euer Gott Ls.fc ein Dieb", sagte* einst ein heidnis cher Würdenträger zu R. Gamliel, „er stahl dem ersten Menseilen eine Rippe im Schlafe!" R. Gamliels fochter antwortete hierauf dem Heiden: „Möchtest du ans den Dieb suchen helfen, der in der vergangenen Nacht bei uns eingebrochen hat? Er stahl nämlich silberne Geräts und liess solche von Gold zurück," „Ich wollte, »dass bei mir jede Nacht solche Diebe einbrechen", sagte der Heide. „Siehst du, was das für ein angenehmer Diebstahl war", rief die Tockiler des Rabbi aus. „Es wurde dem Adam eine Rippe gestohlen und als er erwachte, fand er ein so kostbares DLmg wie die Frau an seiner Seite." Mann und Weib — sind si& es wert, wohnt Gott bei ihnen; falls aber nierht, dann ist e-s eins Hölle. M. B. Die wundertätige Megilie. Von Samuel Gordon. Autorisierte Uebersetzung von Anna Kellner. (Fortsetzung,) Und in der lYtsann Kolba, über viele Dinge nach, und war so sehr in seinen Betrachtungen vertieft, dass er nicht mehr wusste?, wo man beim Lesen der legillc hielt, die uns die Geschichte von der gros ^artigen Befreiung in den Tagen des Ahasverus erzählt. Seine Thorarolle lag vor ihm, Last wie er sie aufgerollt hatte, und die Stimme des Vorbeters, der die wunderbaren Ereignisse des grossen historischen Dramas in Susa vorlas, verhallte ungehört in seinen Obrem. Kolba sann — er dachte daram,, wie elend er sein Leben, gestaltet hatte und "wie ganz anders es hätte sein können, er fragte sich, was aus all den guten Vorsätzen, den tugendhaften Absichten geworden war, die er in so reichem Masse gehegt, als er heoatete und für immer di Vergangenheit abgetan zu halxem glaubte. Baun erinnerte er sich, dass die guten Vorsätze eigentlich alb noch da waren und nur ihrer Erfüllung hauten. War esihm denn wirklich ganz unmöglich, sich einmal standhaft gegen den hinterlistigen Feind aufzulehnen, der ihn heimlich — nein, nicht länger mehr heimlich — zugrunde riclilete, ihn und sein Heim und alles, was seinem Herzen am -teuersten war? Gott war sein Zeuge, wie sein1 er sich bemüht hatte, und wie er trotzdem immer wieder unterlag, bis es seinem verzagenden Herzen klar war, (Lmss er verloren war und sein Verderben sich selbst zuzuschreiben hatte. Wie kam es, ckss er gerade jetzt an all diese Dinge denken musste? Es war der Anblick der Thorarolle vor ihm. Vor acht Jahren an demselben Tage, am Purim, hatte seine Braut sie ihm gegeben: das einzige Erbstück, das von der einstigen Grösse ihrer Fiunilie Zeugnis ablegte, die ihre Abstammung von Jakob Elchsinan, dem grossen Kabbali sten und Wundermann herleitete. Esther hatte sie ihm gegeben, ohne abzuwarten, dass er als ihr Gatte rechtmässig davon Besitz ergreife, weil sie, wie sie sagte, ihren Namen so oft enthielt, dasssie wie ein Amulett ihn davor bewahren würde, ihn je zu vergessen. Uni er hatte ihr geschworen, dass er ihr ein Leben bereiten würde, um dessen Glückseligkeit alle Königinnen der Welt, le-bende sowohl als tote, sie beneiden sollten. Wie falsch hatte er geschworen, wie sehr hatte er sich und sie betrogen! Und was ihn &m tiefsten demütigte — es war ihm allein überlassen, sieh Vorwürfe zu machen, niemals kam auch nur der Schatten -eines Vorwurfes über ihre Lippen. Jede andere Frau hätte ihm längst die Tür vor der Nase ins Sehloss .geworfen und vorgezogen, Hungers zu