Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 19 (8.5.1903)
- Article
- Tetuan [Kommentar]
- Date
- 1903-05-08
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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mmy „Die & Welt" Seite 9 Tetuan in Marokko . Wir sind hier in Tetuan immer in den schwersten Sorgen und Befürchtungen, dass die Banden der Kabylen, die in der Umgegend Tetuäns wohne», nicht hur un*^re Habe plündern, sondern auda unser Leben bedrohen. Alle Spanier haben die Stadl verlassen, viele Mine jüdische Familien reisen morgen, ab, um wenigsters das Leben zu retten« Aber die Arm«n! Diese Unglücklichen befinden sich in einer unbeschreiblichen Angst. Sie-wissen nicht was zu tun, fliehen können sie nicht, sie wissen, nicht, wohin sie gehen, was sie anfangen sollen. Der Gouverneur der Stadt hat uns versprochen, noch heute Soldaten zuschicken, um wenigstens das Tor, das «as mit den arabischen Soldaten verbindet, zu bewachen. Auch wir werden mit Hilfe von 20 bewaffneten Männern und dreier treuer Diener, die wir haben, der Gefahr entgegentreten. Wir sind bereit und entschlossen, uns zu verteidigen . . . Die Frmen sind bereit, die Gesichter mit Kohle zu schwärzen, da die Kabylen nach weissen. Frauena verlangen ... Aber die grösste Sorge, die wir haben, ist die um unsere Töchter. D«er Gedanke an sie und ihr Schicksal bedrückt uns, presst unsere Brust zusammen. Wenn wir es nicht verhindern könnten sollten, dass unsere Habe geplünd&rb werde, werden wir alles wagen, dass man nur die Personen nicht anrühre. Wir wissen noch nicht, was die fünf Häuptlinge der Kabyla-a in ihrer Ratsversammlung beschloss en haben, ob sie morgen in die Stadt kommen und plündern. -, Der Korrespondent beschreibt ferner die Wildheit und Roheit dieser Kabyleo, ihre Gewalttätigkeiten, die Schutzlosigkeit der Juden und ihre Hilflosigkeit. W*1t-<§bi'<>Dik- Aus Paläsürtia. Das Odessaer Komitee zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer in Syrien und Palästina bekam günstige Berichte über die Ernte in Palästina. Das gegenwärtige Jahr -war ein sehr regnerisches, der Zustand der Frühsaaten ist ausgezeichnet, ab*er auf dem schweren Boden beginnt der Weizen infolg* des Ueberschusses an Feuchtigkeit g^lb zu werden. Es ist eine sehr reichliche Ernte in Aussicht. An einigen Orten erschien die Feldmaus, die die Saaten schädigt. Die Abnahme des toten Meeres. Aus Jerusalem wird berichtet: Dei letzte Erdstoss in Palästina, der am 30. März stattfand, schnnt im Jordantal wad um das Tote Meer herum am heftigsten gewesen zu sein. Der Spiegel des Toten Meeres ist beträchtlich gefalfien und jetzt ergiesst der Jordan sein Wasser in das Meer von einer Erhebung herab, währen I sein Wasserspiegel früher mit dem des Toten Meeres fast gleich war. Augenscheinlich muss sich der Grund des Toten Meeres während des Erdbebens gesenkt haben, Die ganze Gegend des Jordantales nahe dem Toten Maare ist vulkanisch. Juden in üazareth. Zum erstenntaie seit der Zerstörung des Tempels haben sich Juden in INazareth niedergelassen. (Jewish World.) Aus Marokko. Wie der „Frkfrfc. Ztg." gemeldet wird, sind am 3. Iii 250 Juden aus A^rzila in Tanger angekommen. Sie zahlten an den Führer der Beni Aros, Raisuli, 10,000 Frcs. unter der Bedingung, dass er Arzila nicht angreife- Arzila soll von Munition und Lebensmitteln vollständig eaiblösst sein. Neue Zeillungen. In Marseille hat eine neue jüdischfranzösische Zeitschrift „Le fLambftau dTsrael" („Die Fackel Israels1*) zweimal monatlich zu erscheinen begonnen. Die Zeitschrift -wund speziell die jüdis<slien Interessen in Südfrankreich, Algier und Tunis vertraten. Auch in Rumänien beginnt nach, der Meldung des „Hayeoodi" eine neue hebräische Wochenschrift „Haked emB („Der Osten") vom Mai an zu ersehenen. JüdischeÄlterfcmer in Trier. Bei desn Kanal-Ausschachtungsarbeiten auf dem Viehmarktplatze hart man, wie die Kölnische Zeitung meldet, in einer Tiefe von 2ya bis 3 Meter Bruchstücke von jidischen Grabsteinen blossgelegt, wovon zwei guterhaltene liebräische Inschriften tragen. Das Alter der Steine wird von dem OberrabtLner Dr. Bassfreund auf 532 Jahr&« (1371) geschätzt. Bis. jetzt sind keine menschlichen Knoden gefunden worden, doch ist es nicht unwahrschein lieh, dass man es hier dennoch mit einer alten jüdischen Begf äbnisstätte zu tun hat. Der Platz stösst nämlich mit seiner ganzen Ostseite m die Jüdemer Strasse, verstümmelt ms Judenmauer, die offenbar das Ghetto von Trier war. Da liegt es denn nun nahe, dass die Juden ihre Toten unmittelbar hinter der Mauer zur ewigen Ruhe gebettet haben;, als dann später ait der Nordseite des Vieh- □Marktplatzes ein Kapimnerkloster (das jetzige Theater) erdichtet wurde, hätte man die anstossende jüdische Begräbnisstätte zu dem ehemaligen Kapuzinergarten umgewandelt. Die SteindeEikmäier wurden in das Museum gebracht Wie man das Vclk im österreichischen Parlamente beglückt- Abgeordneter Herzo g brachte einen Antrag, betreffend die staatsrechtliche Stellung der Angehöligen des jüdischen Volksstammes ein. In dem Antrags werden unter anderem folgende Bestimmungen vorgeschlagen: «luden, das heisst alle Personen ohne Unterschied der Konfession, denen, sei es von väterlicher oder mütterlicher Seite, jüdische Abstammung nachgewiesen werien kann, können das österreichische Staatsbürgerrecht unter keinen Umständen erwerben, Jene Juden, welche sich bisher im Besitze des Staatsbürgerreehtes befanden, werden mit dem Tage des Inkraftretens des Gesetzes dieses Staatsbürgerrechtes verlustig. Alte Volksstärame des Staates, mit. Ausnahme des jüdischen "Volksstammes, sind gleichberechtigt. Juden werden zum Waffendienste in der Armee unter keinen Umständen zugelassen. Dafür hat jeder Jude männlichen Geschlechtes desr Staatskasse von seinem zwanzigsten Lebensjahre an bis au seinem Tode jährlich fünf Perzent seines Reineinkommens als Wehrsteuer abzuführen. Juden Ist der ständige VVohßsitz nur in Gameinden von mehr als 10.000 Einwohnern umd nur in eigenen, von der Gemeindevertretung angewiesenen Bezirken (Ghettos) gestattet. Heiraten zwischen «luden und österreichischen Staatsbürgern sind nicht ge-stattet, Den Juden ist der E esitz von mobilem Kapital gestattet, jedoch Erwerbung umd Besitz won Grund und Boden, ausgenommen in den Ghettos, unbedingt verboten. Den Juden ist die Ausübung von Handel und Gewerbe gestatte*, es ist ihnen jedoch nicM erlaubt, österreichische Staatsbürger in ihre Dienste zu nehmen. Die Uebernahme öffentlicher Aemter ist den faden unbedingt versagt. Sie können auch keine wie immer gearteten Stellen im Staatsdienste erlangen. Für die Judengemeinden sind aus den Mitteln derselben eigene Judenschulen zu errichten. Demgemäss ist jedem Juden auch der Besuch der für Staatsbürger zugänglichen Volks-, Bürger-, Mittel- und Hochscmiten versagt. Den Juden ist die Ausübung des Richteraimfces und des ärztlichen Berufes versagt. Kein Jude darf Advokat werden oder Her ausgeber, Schriftleiter oder Mitarbeiter von Druckschriften sein. Die Einwanderung von Angehörigen des jüdischen Volksstammes aus dem Auslände ist bedingungslos verboten. Der Antrag wird genügend unterstützt. Die „Närodni iisty" vom 26. April bringen über die Xischenewer Exzesse einen ebenso unwahren als antisemitischen Bericht. Es gehört viel Mut dazu, t»ei einer solchen Gelegenheit einen derartigen Bericht au publizieren. Mut — gegenüber den jüdischen Abonnenten und Mut auch gegenüber den „Tschechen mosaischer Konfession" überhaupt. Die ganze Verachtung aLles Jüdischen und die ganze Unverschämtheit eines verdummten panslavistischen Korrespondenten spricht aus diesem Berichte. Wie entsetzlich muss es in Kischen^w zugegangen sein, wenn seLbst dieser Korrespondent hie und da ein mitleidiges Wort findet! Die „Närodni listy* aber müssen wohl wissen, -was sie alles tun dürfen, wenn sie ihren mosaischen Slawen einen solchen Artikel rorzulegen wagen. Die Eröffnung des Karlsbader Kaiser Franz Joseph-Regierungsjubüäums-Hospizes für arme Israeliten. Am 29. A_pril wurde das aus Anlass des 50jährigen Regierungsjubiläunis unseres Kaisers errichtete Israelitenhospiz zu Karlsbad in Anwesenheit der staatlichen und städtischen Behörden und einer grossen Anzahl von Festgästen feierlichst eröffnet. Entsprechend den Anforderungen dieses grasten-Weltkurortes dürfte das Karlsbader israelitische Kur kranken haus wohl das grösste unter den dortigen Kuranstalten sein, da es nicht weniger als 120—150 Leute monatlich unterbringen kann, das heisst bei voller Besetzung jährlich 6—700 armen Kranken Erholung und Genesung zu bringen vermag. Der Grö^e; der Anstalt entspricht auch ihre innere Einrichtung wie das Gebäude selbst, das nach den Plänen des Baurates Wilhelm StLassny überaus zweckdienlich erbaut wurde. In schlichtem und doch ausserordentlich wirksamem Renaissancestile gehalten, erhebt sich das Haus a_uf sanfter, sonniger Anhöhe in ier Nähe des aligemeinen Krankenhauses inmitten eines weiten,, sorgfältig gepflegten Gartens* in dessen rückwärtigem Teile Jahrhunderte alte Eichen zu lauschiger Ruhe einladen. Licht und Luft, diese wirksamsten und besonders für Kurorte m ausgehendsten Heiltaittel, zeichnen alle Räume des Hauses in geradezu verschwenderischer Weise aus, so dass behauptet werien kann, dass der Aufenthalt In diesem Hause allein den armen Kranken Labung und Erqukkung gibt.