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Die Welt · 1903-05-08 · 19 (8.5.1903) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
19 (8.5.1903)
Article
Wien / M. T.
Date
1903-05-08
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seit* S W«H?\ „man möge von der Verlesung. des Rechenschaftsberichtes absehen, dem Vorstand für seine opfervolle Mühewaltung und bewährte Umsicht den innigsten Dank votieren und die ausscheidenden Vorstandsmitglieder per Acclarnation wiederwählen.4- ' Da kam die erste Störung: ein unverbesserlicher Idealist, Herr Dr. Schreiber, fand es für angezeigt, über die Lage der rumänischen Juden zu sprechen. Und das — in der Generalversammlung der Allianz! Miss vergnügt und ungeduldig hörte man ihn an. Und kaum hatte er geschlossen, so erhob sich flugs der wohlbekannte „Mann aus dem Volke", um namens der Mitglieder das gewohnte Sprüchlein: „Dank, Wahl per Acclarnation1' etc. mit bewegter Stimme abzuleiern. Allgemeine Zustimmung, Bravo- Rufe, Uhrenziehen, Stühlerücken. — Der Generalversammlung der österr.-israel. Allianz, dieser wichtigsten jüdischen Korporation Oesterreichs, in deren Hand das Schicksal der rumänischen Emigranten liegt, schien nach "Astündiger Dauer, sage einviertelstündiger Dauer, beendet. Da meldete sich zur allgemeinen Ueberraschung und Entrüstung wieder jemand zu Wort: Gesinnungsgenosse Dr. Bernhardt, der erklärte, gegen den Vorschlag, die Wahl des neuen Vorstandes per Acclarnation vorzunehmen, .entschieden Stellung nehmen zu müssen. Ein bedeutsames Ereignis sei in allerjüngster Zeit erfolgt und er sei daher begierig zu wissen, wie sich die Herren Kandidaten dazu stellten. Und nun verlas der Redner ein Telegramm der „Zeit" über die Kischenewer Vorgänge, demonstrierte daran die Unzulänglichkeit und Verkehrtheit der von der Allianz betriebenen Politik, verwies auf die durch das schauerliche Kischenewer Blutbad mit dringender Logik dargetane Notwendigkeit der baldigen Realisierung des Zionismus und appellierte an die Kandidaten, angesichts dieses nationalen Unglückes ihre feindselige Haltung gegenüber der zionistischen Idee aufzugeben; nur unter dieser Bedingung seien er und seine Freunde in der Lajre, für die Kandidaten zu stimmen. Man würde es nicht glauben, dass nun, trotz des erschütternden Eindruckes, den die bisnun in Wien unbekannten Einzelheiten der Kischenewer Vorfälle selbst auf die Besucher der Allianz-Versammlung machten, doch nun ein Mann die Kühnheit hatte, mit einer provozierenden Erklärung dem versöhnenden Appell Dr. Bernhardts entgegenzutreten. Herr Rudolf Auspitz, liberaler Reichsratsabgeordneter ausser Dienst, wagte es, im Brusttone der Ueberzeugung ungefähr folgendes zu erklären: Der vom Vorredner gestellten Bedingung vermag ich nicht zu entsprechen; ich bin zwar Israelit, aber ein Deutscher, und werde immer ein solcher bleiben und kann mich daher mit dem Zionismus nie und nimmer befreunden. — Und als sohin dem Auspitz, eben dem nämlichen, den jüngst deutsche Abgeordnete wegen seines Judentums für nicht würdig genug erklärten, dem Zuckerausschuss anzugehören — welch ein Schlag für den israelitischen Germanen! — und dadurch zur Niederlegung des Mandates nötigten, als diesem Herrn einige Versammlungsbesucher ein schüchternes „Bravo!4' zuriefen — wo in aller Welt ist es erhört, dass man sich des Abfalls vom eigenen Volke rühmt und dafür noch Beifall erntet? — erklärte der Gemeinderat der Stadt Wien, Donat Zifferer, voll Mut, sich den Ausführungen des Auspitz „vollinhaltlich und unentwegt" anzuschliessen. Herr Auspitz und Herr Zifferer, die es für notwendig befunden haben, als das Todesröcheln der Dreihundert von Kischenew an ihr Ohr drang, ihr Deutschtum so schroff zu betonen, sind gar seitsame Herren, aber gewiss nicht unehrlich. Kennen die Herren den § 2, Punkt I, der Statuten der Allianz: „Der Verein bezweckt, die Volkserziehung bei den Israeliten zu fördern4'? — Die „Volkserziehung" — das ist doch die Erziehung des jüdischen Volkes? Oder etwa nicht? Haben die Herren kein Empfinden dafür, dass sie sich durch ihre Gesinnung mit den Statuten des Vereines und den Intentionen seiner Gründer in Widerspruch setzen? Die Allianz ist und muss nach ihren Statuten ein nationaljüdisches Bollwerk sein. Assimilierte haben dort nichts zu suchen. Werden aber die „Deutschen" Auspitz, Zifferer, Dr. Stern e tutti quanti ihre Mandate niederlegen? M. T. Wien. Wegen Neuinstallation der elektrischen Beleuchtung bleibt der Leopoldstädter Tempel, IL, Tempelgasse, vom 1. bis Ende Mai d. J. geschlossen. Während dieser Zeit findet der Gottesdienst im kleinen Betsaale, IL, Tempelgasse 3, statt. Wien. Die Wahlen des israelitischen Unterstützungsvereines „Maskil el Dal* in Sechshaus ergab folgendes Resultat: Präses Herr Samuel Mohr, Präses-Stellvertreter Herr Hermann Weinberger, Kassier Herr Jakob Duschinsky, I. Schriftführer Herr Karl Land eis, IL Schriftführer Heinrich Herzog, Kontrollore die Herren Max Haas und Moriz Stärk, Ausschüsse die Herren Dr. MaxDeutsch, Heinrieh Gr ü n w a 1 d5 Jakob Marchfei d und kaiserJ. Rat Friedrich Seligmann. Banjaluka. Bei d«n hier stattgehabten .Neuwahlen d Vorstandes unserer hiesigen österreichisch-ün garischen israelitischen kultusgemeinde wurden nachstehende Herren G.-G. gewählt: Dr. Max Frank, Advokat, Präses, Robert Brammer, Apotheker, Vize-Präses, in den Ausschuss : Gemeinderat Bernard Bruckner, Isidor Herzler, Schriftführer, Moritz Herzog, Kassier, Bernhard Neubach. Es sind nach diesem Ergebnisse unsere G.-G. in der Majorität Russland. Kowno. In dem kleinen Städtchen Wilki am Ujeman ereignete sich ein Vorfall, welcher für die traurige Stellung unserer Volksgenossen unter den Christen sehr charakteristisch ist In diesem Städtchen befand sich eine Synagoge, welche durch ihr Alter stündlich einzustürzen drohte und so eine Gefahr für die Andächtigen bildete. Infolge Verfügung des Gouverneurs wurde die alte Synagoge gänzlich gesperrt Dies gab aber zu dem Gerüchte Anlass, die Juden hätten ein Christenmädchen in der Synagoge eingesperrt Die katholische Bevölkerung schenkte diesem Gerüchte Glauben und machte Miene, die Juden zu überfallen und zu misshandeln. Der Isprawnik erschien alsbald im Städtchen, öffnete die Synagoge und suchte die aufgeregten Bauern von der Lügenhaftigkeit dieses Gerüchtes zu überzeugen. Aliein die Bauern wollten dem Isprawnik nicht glauben. Erst das Erscheinen des katholischen Priesters und sein ernstesJMahnwort bewogen die Menge, auseinanderzugehen und ihr Vorhaben, die Juden zu züchtigen, aufzugeben* Rowno. Wie die Zeitschrift „Wolhyn" meldet, ist das jüdische Städtchen Goringrod vor kurzem völlig niedergebrannt, wodurch die Juden zu Bettlern gemacht wurden. Auch die einzige Synagoge im Städtchen fiel den Flammen zum Opfer. Die Lage der Abbrändler, welche bei dieser Katastrophe alles verloren haben, ist eine verzweifelte. Die kleinen Kinder sind ohne Nahrang, die Kranken ohne Aufsicht und ärztliche Behandlung . . . Kiew. Die Juder-Massakres von Kischinew haben die „Unternehmungslust" und die wilden Leidenschaften der christlichen Voiksmassen gegen die Juden noch in vielen anderen Städten Süd-Russlands mächtig geweckt. Jetzt geht das Gerücht von einer Stadt zur anderen, dass „den Juden bald mit Zustimmung der Obrigkeit der Garaus gemacht werden wird 4. Wie die Zeitschrift „Wolynj" meldet, herrscht unter der jüdischen Bevölkerung in dem Gouvernement Cherson und in ganz Podolien unbeschreibliche Aufregung, weil es mit Bestimmtheit verlautet, dass auch in diesen Gebieten Judenkrawalle stattfinden werden. Während der Nacht versammeln sich viele jüdische Familien im Hause eines Bekannten oder Verwandten, um im Falle von Unruhen sich verteidigen zu können . . . Viele verlassen fluchtartig die Stadt, um das Leben zu retten. In Kiew aber sind die Vorbereitungen der christlichen Voiksmassen zum Ueberfall auf die Juden schon so weit gediehen gewesen, dass die Behörden sich genötigt sähen, energische Massnahmen zur Verhütung eines Unglückes zu ergreifen. Kosaken-Patrouillen durchziehen die Strassen, während Maueranschläge Ansammlungen auf den Strassen untersagen und die Unterdrückung eventueller Unruhen mit Waffengewalt verkünden. Doch der panische Schrecken, welcher sich der Juden bemächtigt hat, wird durch diese Massnahmen nicht gebannt. Ueber tausend arme jüdische Familien verliessen die Stadt, die wohlhabenderen Juden quartierten sich in Hotels ein. Die Wahrheit erfordert jedoch, zu konstatieren, dass die feindselige Stimmung der christlichen Bevölkerung gegen die Juden in Kiew durch die jüngste Ausweisung zahlreicher jüdischer Handwerker aus Kiew indirekt gesteigert wurde. Denn die plötzliche Ausweisung aller in Kiew seit Jahren lebenden jüdischen Fleischhauer, Strassenpflasterer, Zimmerleute, Stukkateure u. a. wurde von den Volksmassen als Beweis dafür angesehen, dass die Vernichtung, Austreibung und Ausrottung der Juden den Behörden erwünscht und willkommen wäre, so dass ein Judenmassakre ganz straflos sei. In diesem Sinne sollen sich einige verhaftete Plünderer in Kischinew bereits ganz offen geäussert haben. gt, Tomsk. Der Gouverneur von Tomsk hat neue Verfügungen getroffen, welche die Handelsfreiheit der Juden im Gouvernement Tomsk noch mehr beengen. Den in Sibirien lebenden Juden gestatten die neuen Verfügungen den Handel nur in der Ortschaft ihrer Zuständigkeit; in den anderen Ortschaften müssen sie zuerst die Zustimmung der Polizei dazu erlangen. Die nach Sibirien nicht zuständigen Juden aber müssen zuerst das Wohnrecht in dem Orte erwerben, wo sie Handel betreiben wollen. Marokko. Tetuan, 20. April 1903. Der Korrespondent des spaniolischen Blattes „La Epoca" in Salonichi meidet aus

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