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Die Welt · 1903-05-08 · 19 (8.5.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
19 (8.5.1903)
Article
Lügenschicksal
Date
1903-05-08
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 19 Seite & Lügenschicksal. Es haben die Lügen wie dJe Menschen ihr& Schicksale. Wenn man vor wenigen Jahren in Rumänien gesagl hätte, dass man den grossen rumänischen Politiker J. C. Biatianu einst als grösstes Lob eine jüdische verleumderische Lüge nachsagen wird, so hätte das niemani geglaubt. Es gibt Lügen, die Glücfe haben, und es gibt unglückliche Lügen. Eine verleumderische Lüge, die in ihren alten Tagen mit schönen staatsanerkannten Wahrheiten zusammen zu einem Ruhmeskranz für den Verleumdeten geflochten wird, das ist sicherlicli eine Lüge, die Glück hatte. J. C. Bratianu war ein grosser rumänischer Politiker. Als idealistischer Revolutionär beginnend, hat er sich im Laufe der Jahre bis zum Führer der liberalen Partei entwickelt. Es ist dieselbe Partei, deren Führer jetzt Herr Stourdza ist — der Name „liberal*"" darf uns also nicht täuschen. Wienern der gefeierte politische Führer Bratianu dem revolutionären Bratianu von 1848 steht, hat er selbst einstmals gesagt. In efiraer denkwürdigen Sitzung <les rumänischen Parlamentes Hess sich der Politiker Bratianu zu den fürchterlichen Worten hinreissen: „Ich habe Diebstähle und Morde geduldet.4' Er hat sie geduldet, der Politiker, der Machthaber; der andere, der Idealist vom Jahre 1&48 war tot, von der Politik getötet. Nur in kurzen Augenblicken erwachte in ihm der Jüngling wieder und brandmarkte mit unauslöschbarea Worten den Politiker Bratianu und dessen Partei. Auch in d&r Judenfrage änd&rte Bratianu im Verlaufe seines Lebens seine Meinung.: Im Jahre 1848 war er für die Gleichberechtigung 6er Juden und wir linden ihn neben seinem Freund C. A. Rosetti und anderen künftigen Antisemiten auf dem Aufruf, der „allen Unterdrückten" Freiließt und Gleichberechtigung verspricht, mitunterschrieben. Später wurde es anders und zur Zeit des Berliner Kongresses, als Bratianu im Namen Rumäniens mit den europäischen Delegierten in der Judenfrage konferierte, war von «iner Gleichberechtigung keine Rede. Hier stellt sich nun die erwähnte jüdische Lüge ein. Wie die mmänische Judenfrage von den Rumänen gelöst worden ist, sieht man doch, sollte man meinen. Die rumänischen Juden, die das auch zu fühlen bekamen, ynassten früher als das gebildete p. L Publikum Europas, dass liese rumänische Lösung nicht eine von GerechtigkeitsprinzipieiL ausgehende Lösung sein kann, und behaupteten, dass Bratianu Europa betrogen hat. Er hat sich den Berlinertraktat byzanünisch zurechtgemacht — so sagten die rumänischen Juden, und das war eine Lüge, eine verleumderische Lüge — bis vor einigen Monaten. Jetzt ist es keine mehr — jetzt ist es das grosse Verdienst Bratianus. In der „diplomatischen Geschichte der Judenfrage in Rumänien", welche in der ehrwürdigen und angesehenen rumänischen Revue „Convorbiri Mterare" erscheint, finden wir wörtlich folgendes Lob Bratianiis: „Der Staatsmann verstani das Spiel, das <r zu spielen hatte: Europa zu überzeugen, dass er persönlich geneigt war, alles (von Europa verlangte) zugeben, dass aber das Parlament niclite bewilligen will. Mit der Intuition seiner kohen Intelligenz erzielte er das, was wir heute bestimmt wissen: nämlich, dass die Mächte Europas, die uns die Juden oktroyieren wollten, nicht entschlossen waren, gemeinsam gegen uns vorzugehen." Dass aber eine Lüge solch glückliche Karriere machen kaum, müs.sen ihr günstige Umstände helfen. Wir wollen sehen, wel chtes die Umstände sind, die dieser jüdischen Lüge den Weg zur Rehabilitation geebnet haben. Was ist in den letzten Tagen denn eingetreten, dass man in Rumänien so offen von so geheimen Sachen schreiben kann? Die Antwort auf unsere Frage gibt uns der Autor der oben erwähnten Studie. Es ist die Gewissheit eingetreten, dass die okzidentellen Mächte Europas nicht entschlossen sind, für die rumänischen Jucfien gemeinsam gegen Rumänien vorzugehen. Das Gespenst desgerechten Europa, das für die malträtierten Menschenrechte Rumänien strafen könnte-, ist von der Wand, auf welche es die Schwärmer oder Dummköpfe gezeichnet haben, verschwunden. Die Rumänen atm-en erleichtert auf; trotzdem sie dieses Gespenst nicht zur forcierten Gerechtigkeit, sondern nur zur Heuchelei genötigt hat, sind sie doch froli, dass sie ein weoiig pausieren können. Wie diese Gewissheit entstanden ist, ist sehr leicht zu begreifen. Als erstes trug dazu bei die Hay'sche Note. Nach den ersten Tagen der Ueberraschung brachte die Hay'sche Note den Rumänen die angenehme Kunde, dass die Mächte fcinropas nicht geneigt seien, sich in die inneren Angelegenheiten Rumäniens einzumischen, Amerika, die einzige mit Rumänien unzufriedene Macht, tat Rumänien den grossen Gefallen, der Auswanderung neue Schwierigkeiten in den Weg zu legen, und so war nahezu die ganze Welt wieder zufrieden. Die Interpellationen in den verschiedenen Parlamenten Euroi>a.s, die sich njriit der rumänischen Jadenfrage beschäftigten, konnten nur die mit der Hay'schen Note gemachte Erfahrung lestätigen. Zwar ist in Oesterreich die Interpellation von der Regierun? noch nicht beantwortet worden*), aber es ist vorauszusehen, dass die österreichisch Regierung nicht anders als die englische und die deutsche Regierung antworten wird, das heisst, der unangenehmen Präge mit einer zweideutigen Antwort sich entledigen. Was dann noch kam, waren Mir Kleinigkeiten, die die gewonnen« Gewissheit nicht mehr erschüttern konnten. Auch das unliebsame Incident vom Lemdoner Biicgermeisterbankett, zu welchem der rumänische Gesandte in London nicht eingeladen worden ist, wurde durch den warmen Empfang, den man dein rumänischen Gesandten in Paris bei der Edgar Quinet - Feier bot — trotzdem o<Ler vielleicht weil Pressensse gegen die Einladung des genannten Gesandten gesprochen hat — wettgemacht. Die „diplomatische Offenherzigkeit" ist somit verständlich. Aber man muss nicht glauben, iass die rumänischen Politiker jetzt schon mit offenen Karten spielen. Herr Stourdza lat noch vor kurzem wiederum tiefenistlbh erklärt, dass er „ Philosemit" sei, was natürlich jeder ihm sofort geglaubt hat, n nd noch 2 (zwei) Juden sind in der letztem Zeit zu Bürgern von Rumänien (mit Bezahlung alker gesetzlichen und ungesetzlichen Taxen) ernannt worden. Die antisemitische Presse lässt es aji fietzartikeln nicht fehlen inid ein neues „nationales" (id esiz antisemitisches) Gesetz VLrd angekündigt: das Industrie-Gesetz. Aber damter werden vir, wenn das Gesetz <Lem Parlamente vorgelegt sein wird, reden. Eine Nachricht aber muss ich Ihnen noch mitteilen, und zwar eine günstige. Die rumänischen Juden vermehren s ich. „Vocea Tutove i", das bekannte antisemitische Musterblatt bringt uns diese frohe Nachricht. Die Vermehrung besorgen die Juden auf eine sehr originelle Weise. Es werieu Judenkinler in den Nachbar hindern Rumäniens geboren und diese weiden dann nach Rurnünien importiert. Es kommen Juden aus den Nachbarländern, lassen ihre Judenkinder irgendwo in einer rumänischen Stait und fahren wieder ab. Auf diese Wfcise können sich die Juden in Rumänien vermeinen, trotzdem sie auswandern. Es äst sehr einfach und — wird in Rumänien, gedruckt und geglaubt. Artikel aus der „V. T." Verden in der rumänischen Kammer als Informationsquelle angegeben. Lügenschicksal! Alles, damit man nicht glauben soll, dass die alte byzantinische Taktik in Rumänien verlassen worden ist. Es wird auch fernerhin in Rumänien gelogen werden, wenn siefc das als notwendig erweisen wird. Diese Renalilitation, dice die jüdische verleumderische Lüge in Rumänien erlebt hat, war vielleicht nur ein politisches Manöver. Vielleicht wollte du lustige Vizebürgerm«ister von Bukarest, Herr Bibicescu, der die Toleranz der regierenden Rumänen durch das gleiche IJecht auf Impflymphe, welches die rumänischen Juden mit den christlichen Bewohner» Rumäniens haben, zu beweisen suchte, ein neues Argument fii:r die rumänische Toleranz üich kreiren. Die Rumänen, kann Herr Bibicescu sagen, Sinti so tolerant, dass sie sogar jüdische Lügen als Wahrheiten tolerieren. Th. P 1 e b t, Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums Aul 21. und 22. April fand im Bureau dos Deutsch- Israelitisehen Gemeindebundes die Ausschusssitzung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" sfeatt. Die Versammlung war recht zahlreich besucht, umd die Verhau dkm gen, die zwei Tage hindurch je fünf StiLnden gedauert, habe», wie man wohl hoffen «iarf, ein erfreuliches Resultat ergeben. Am ersten Tage -wurde zunächst der Bericht über die bisherigen Ergebnisse der Propaganda von dem Vorsit senden Prof. Philippsohn- Berliii erstattet. Diese Ergebnisse kann man wohl als sehr günstige bezeichnen, «La die Jahresbeiträge s«c]ion heute, wo die Propaganda erst in ihrem Anfange steht, sich auf zirka 9000 Mark beziffern. Es ist zu hoffen, (iass, wenn sämtliche Ausschüssentglieder und alle Freund* und Förderer der Wissenschaft des Judentums in den deutsehen Gemeinden sich der Sache «rarm annehmen, die Zahl der Jahresbeiträge auf mehr als das Doppelte steigen werde. *) Ist nun bereits geschehen und in unserer dieswöc kentliehen Mummer veröffentlicht Die Red.

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