Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-05-08 · 19 (8.5.1903) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
19 (8.5.1903)
Article
Pressstimmen über die Exzesse in Kischenew [Kommentar]
Date
1903-05-08
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316040-3332141--39923-3332343
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 v,Die # Welt" Nr. 19 Grausamkeiten anwenden werde. Die Polizei jedoch gestatte den Juden nicht, sich zu sammeln und zu verteidigen. In Kischenew stehen gegenwärtig 10 000 Mann Militär, welche angeblich die Juden schützen sollten; während der Unruhen zogen wohl Militärabteilungen durch die Stadt, aber sie raubten selbst und stahlen, was sie konnten. Mittwoch wurden die ersten vierzig Opfer begraben; der Staatsanwalt von Odessa hatte diesem Begräbnisse beigewohnt und konnte sich der Tränen nicht enthalten. Ueberall, in Klosets und Kellern, findet man Erschlagene; Synagogen wmrden zerstört, die Bibeln geschändet und zerrissen, Frauen und Mädchen in den jüdischen Gotteshäusern vergewaltigt und dann ermordet. . Jetzt weiss man noch gar nicht, wie viele Menschenopfer es gibt*' Angesichts der furchtbaren Ereignisse in Kischenew vergiessen manche russische 7ieitungen Krokodilstränen über das Unglück der Juden. So der „K i e w 1 j a n i n", der sonst „konservativ" ist. Er meint unter anderem : .Die Jadenexzesse sind ein Unglück nicht nur für Juden, sondern auch für Cnristen____ Und wenn im Pöbel die wilden und mörderischen Instinkte erwachen, dann liegt allen die Pflicht ob, diesen entgegenzutreten uad sie daran zu erinnern, dass die Juden nicht nur unsere Mitbürger sind, sondern dass sie uns selbst und dem ganzen Lande durch ihre Energie und Ehrlichkeit grossen und wahren Nutzen bringen." Zu spät sieht der „Kiewljanin" gewisse Wahrheiten, die er als Christ kennen sollte, ein; wie viel Schuld er selbst an dem vergossenen Blute hat, inwiefern er, wie die meisten jüdischen Zeitungen (mit Ausnahme der „Nowosti", deren Redakteur H. N o t o witsch ein Judenstämmling ist und die „St-Peterbg. Wjedomosti") ein Mithelfer drr ^ahren Urheber der Schandtaten der „Nowoje Wremja" und des „Bessarabetz" ist, lassen wir jetzt dahingestellt. Während aber die übrige russische Presse sozusagen die Juden bedauert und die Russen zur Humanität ermahnt, benützen die Antisemiten auch diese Gelegenheit, um gegen die Juden zu hetzen. So z. B. die ,Now. Wremja" und Kruschewan im „Bessarabetz". Der letztere sagt ausdrücklich, die Juden hätten alles wohl verdient, da sie die Bevölkerung aussaugten u. s. w. Und diesen Menschen, den man als den wahren Mörder bezeichnen kann, lässt man ungestört und unbelästigt weiter hetzen. Aber, sind denn die Aeusserungen nichtrussischer Blätter viel günstiger? Ich spreche nicht von dem eisigen Schweigen, das, fast ausnahmslos, unsere liberale und sozialdemokratische Presse über die ganze Geschichte, die ihresgleichen in den Annalen der letzten Jahre nicht hat, gewahrt hat- Während die meisten Blätter die Kischenewer Greueltaten mit ein paar Notizen abtaten, hat es ein „sozialistisches" Blatt, die „ Volkstribüne" inWien, gewagt, folgende Worte zu schreiben : „Es sollen organisierte Arbeiter an den Exzessen teilgenommen haben; sollte es wahr sein, so haben die Kischenewer Juden ihnen Anlass dazu gegeben!" Also Arbeiter, wenn sie nur organisiert sind, dürfen offenbar alles tun, dürfen Zungen herausschneiden, Kinder töten,Frauen vergewaltigen, ihnen ist alles erlaubt und die Schuldigen sind die Juden, die ihnen „Anlass gegeben haben"!! Welche himmelschreiende, unerhörte, welche abscheuerregende Theorie! Es wäre zum Verzweifeln, wenn man darauf nicht gefasst wäre! — Und der Sehrecken dauert fort, neue Exzesse stehen bevor, unser Volk schwebt in grösster Gefahr! Prof. M. Mandelstamm veröffentlichte in den jüdischen Zeitungen Russlands folgendes Telegramm : „Der Kischenewer Judenexzess ist ein Unglück für das ganze jüdische Volk. Die Juden aller Parteien sind verpflichtet, sofort zu Hilfe zu kommen. Die zionistischen Zentren organisieren in allen Rayons Komitees. Der Kiewer Bevollmächtigte hat bereits auf Rechnung des Kiewer Rayons 1Ö00 Rubel hingeschickt." Aufruf! Meine zionistischen Brüder! Ihr wisst bereits, was in Kischenew geschehen ist. Ich habe den Meldungen nichts hinzuzufügen. Als Juden wisst und empfindet Ihr es auch sicherlich, dass wir unseren unglückliehen Brüdern helfen müssen. Ich schlage vor, dass man an unseren lieben Gg. Dr. K o h a n - B e r nstein Spenden zur Gründung eines Fonds für die Waisen schicke, die ihre Eltern durch die Exzesse verloren haben. Diese Waisen sollen nach dem heiligen Lande gebracht und daselbst erzögen werden. Grossgeworden, werden sie sich auf dem Boden Palästinas ansiedeln, im Frieden leben und an den Golus und seine schrecklichen Folgen vergessen. Dr. Koha n-B ernstein wird die Namen der Spender in den jüdischen Zeitungen veröffentlichen. Ich schicke ihm als Spende 50 Rubel. M. U s s i s c h k i n Ingenieur. Aufruf! An alle fühlenden Herzen! Aus der russischen Stadt Kischenew laufen Berichte über ruchlose Freveltaten ein* Fast eine Woche lang haben fanatische Horden mit Mord und Brand gegen die jüdische Bevölkerung gewütet. Man zählt 300 Todte, tausende Verwundete. Die Krankenhäuser der Stadt sind überfüllt. Waggonweise muss man Verletzte in die Spitäler Odessas überführen. Gegen 3 Millionen Rubel beträgt der Wert der sinnlos verwüsteten Habe der Kischenewer Juden. 76.000 Menschen sind mit einem Schlage obdachlose Bettler geworden. Die grauenhaften Einzelheiten der an wehrlosen Weibern und Kindern verübten Schandtaten spotten jeder Beschreibung. Aehnliche Vorgänge, wenn auch in geringerem Umfange, haben sich in unserem eigenen Vaterlande, in dem galizischen Orte Uhnow, ereignet. Rasche und ausgiebige Hilfe tut not, um das ungeheure Elend zu mildern. Wir appelieren darum an alle fühlenden Herzen: gedenket der unglücklichen Opfer mittelalterlicher Barbarei, der Ueberlebenden des Kischenewer Blutbades! Auch die kleinste Spende ist willkommen. Beitrittserklärungen zum provisorischen Hilfskomitee sind erwünscht Das innerösterreichische Distriktskomitee hat sich als provisorisches Wiener Hilfskomitee konstituiert Geldsendungen und Anfragen sind zu richten an Professor Rudolf Pick, L, Jasomirgottstrasse 6. Auch die Redaktion der „Welt" hat sich bereit erklärt, Geldspenden entgegenzunehmen und auszuweisen. Mit Zionsgruss: Inner österreichisches Distrikts-Komitee des Verbandes „Zion", Wien, IX., Türkenstrasse 9. _An die Einsender von Spenden. Die Liste wird immer am Dienstag Abend abgeschlossen. Es können daher die am Mittwoch eingelaufenen zahlreichen Spenden für die Kischenewer Opfer erst in der nächsten Nummer ausgewiesen werden. Aufruf] Ein furchtbares Massacre hat während der verflossenen Ostertage in Bessarabien gegen die jüdische Bevölkerung gewütet. In Kischenew allein sind 40 Personen unter entsetzlichen Martern getödtet, Hunderte von Menschen verwundet und unzählige Familien durch Raub und Plünderung an den Bettelstab gebracht worden. Der materielle Schaden beträgt mehrere Millionen Rubel. Es ergeht der Ruf an alle Menschenfreunde, sich an der Hilfe für die armen Hinterbliebenen der Ermordeten und für die zahlreichen unschuldig ruinierten Familien zu beteiligen. Die israelitische Allianz zu Wien, welche für das Hilfswerk beiträgt, nimmt gütige Spenden mit herzlichem Danke entgegen. Der V o r s t an d d er i sr a e 1 i t i s ch"en A I I i an z zu Wien, I, Weihburggasse Nr. 10.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.