Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 19 (8.5.1903)
- Article
- Die Judenmassacres in Kischenew
- Date
- 1903-05-08
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 19 tfüle # Wdtw leite 3 Einem Beriehte der national-russischen „Petersburgskija Wjedomosti* über die Vorgänge in Kischenew ist zu entnahmen, dass die Plünderer sogar angesichts der berittenen Wache und der Infanterie-Abteilungen ihr schreckliches Vernichtungswerk ungehind&rt fortsetzen konnten..... Auf dem Nowy Bazar wurden die armseligen Lehmhütten der ärmsten Juden vollständig abgetragen, die wenigen Habseligkeiten vernichtet und die Insassen, welche sich durch die FJucht nicht retten konnten, getötet oder schwer verwundet Die Juden, welche zum Bahnhof flüchteten, um einen abgehenden Zug zu besteigen und so ihr nacktes Lfcben zu retten, wurden auf dem Wege zum Bahnhof von der wilden Menge aufgegriffen und solange misshandelt, bis sie tot zusammenbrachen. Sogar von der Tramway wurden die Juden heruntergeschleppt, um den Märtyrertad zu erleiden.. ♦ Selbst die national-russischen streng konservativen, aber anständigen Blätter, wie „Juschny Kraj", „Kiewljanin* u. a., ermahnen die Regiernngg alles zu tun, um die Wiederholung solcher Vorgänge, welche die christliche Bevölkerung mit Scham and Abscheu erfüllen, unmöglich zu machen. Gt. Pressstimmen über die Exzesse in Kischenew. Die Zeitung „No-wosti" berichtet ausführlich über die Schreckensszenen ia Kischenew. Ihr dortiger Korrespondent erzählt als Augenzeuge die uns schon bekannten Vorgänge und sagt unt&r anderem folgendes: „Im Zeiträume ier zwei Ostertage hat ein aufgereizter Christenhaufer9 der aus jüngeren und erwachsenen Bürgern und Arbeitern bestand, all e jüdischen Häuser ausgeplündert und zerstört. Viele Menschen wurden verstümmelt und gemordet, darunter viele Frauen und Kinder. Die Mörder haben Kinder vom zweiten und dritten Stock auf das Pflaster hinuntergeworfen . . . Viele Böthäuser sind geplündert, Thorarollcn zerrissen und besudelt worden. In einigen Synagogen -versuchten die „ Schamossim" die Entweihung zu verhindern, aber sie wurden getötet. Die Strassen sind von dei Trümmern der Möbelstücke und Hausgeräte bedeckt, sogar die Fussbcien, die Oefen und die Schornsteine sind zerbrochen. Ich habe den Kie w e r Judenexzess vom Jahre 1882 miterlebt, aber das, was ich hier gesehen habe, ist damit ga.r nicht zu vergleichen. Das, was die Exzedenten Lieht davontragen konnten, haben sie mit Petroleum begossen un d verbrannt. Die Zahl der Verwund&iten, ausser den Getöteten, beträgt BOO . . .*) Die Unruhen haben abgenommen, seitdem der Befehl erteilt wurde, dia Ordnung wieder herzustellen. Der Schaden beträgt mehrere Millionen Kübel. Tausende von Menschen sind obdachlos, ohne Kleider und Nahrung geblieben. Alle sind überzeugt, dass die Exzesse durch die Artikel des Redakteurs des „Bessarabetz" Kruschewan hervorgerufen wurden." Der Kischenewer Korrespondent des »Freund" schreibt am 12. (25.) Apiril: „Der ganze „Pogrom" (Krawall) war organisiert und hat auf einmal an mehreren Orten begonnen. Es wurden aus anderen Städten „Spezialisten* eingeladen, die die Sache geleitet und den Pöbel geführt haben. Man hat die Juden nicht bloss getötet, sondern sogar noch an den Toten seine Bestialität erwiesen. Dem einen h&t man durch die Nasenlöcher ins Hirn Nägel eingetrieben, dem anderen den Bauch aufgeschlitzt unl mit Federn angefüllt. Vielen hat man die Zunge herausgerissen, Frauen die Brüste abgeschnitten. Die Haare sträuben sich, wenn man sich an das Geschehene erinnert . . .a Der „Freund" hat die Namen von 41 Toten, die man bisher agnoszieren komnte, veröffentlicht. Von den Exzedenten sind nur zwei tot, worunter der eine nicht an den Wunden, sondern an einer Nephritis gestorben ist und ein fünfzehnjähriger Burschie. *) Die Zahl ist nicht richtig. Die wahre ist 600, wie aus anderen kompetenteren Quellen hervorgeht. (R*d.) Der Korrespondent des „Woschod* erzählt, dass alle Räubeir noch frei sind und man keine Eile hat, gegen sie gerichtlich vorzugehen. Die „St. Pet. Wjedomosti" schreiben: „Die Polizei hat sehr sireng die Plünderer an geschrien . . . Die PatrouilLa, mit dem Gewehr auf den Schultern, hat ebenfalls streng die wütenden Mfrrder zur OrdniLiig gerufen . . . akr diese gehorchten nicht und setzten mit einer tierischen. Raubgier ihre Verheerungsarbeit fort ... Das intelligente christliche Publikum hat sich schrecklich aufgeführt, es hat nichts tun wollen, um dem Morden ein Enda zu machen.,. Es ist zum Verzweifeln! . . . Das Publikum spaziert« ruhig umher und beobachtete die schreckliche „Arb«eit". Ringsumher futonen in Karossen die gezierten und festlich gekleideten Intelligenten.* Der „Frankfurter Zeitung" wird unter anderem folgendes barich tet: ...Man begnügte sich aber nicht mit der Plünderung, mit der Zerstörung leblose Gegenstände. Gegen Abend begannen die halbbetrunkemen Räuber in kleinen Gruppen wieder die jüdischen Häuser zu stürmen; vor allem verlangte man die Herausgabe von Geld und Kostbarkeiten; nachdem man bekam, was zu bekommen war, ermordete man flü-e erwachsenen Judenmänner durch wuchtig Schläge mit schweren Gegenständen auf den Kopf; daraufhin wurden die im Hanse anwesenden Frauen und Mädchen wn allen Räubörn der Reihe nach vergewaltigt; leisteten die Frauen irgeniwelchen Widerstand, so wurden sie in der brutalsten Weisa niedergemetzelt. Di» kleinen Kinder wurden ihren Müttern entrissen, in die tiöheren Stöcke des Hauses geschleppt und aus den Fenstern in die Strassen geschleudert. Der europäische Leser wird vielleicht diese Tatsachen übertrieben finden? So können wir ihm zur Beruhigung mitteilen, dass die russische Presse selber diese Tatsachen zugesteht. Die „St. Peteisfeurgskija Wiedomosli* vom 15 |2& April d. J. schreibe» Seite 2, Kolonne 3 und 4 folgendes: „Hat er (ein bekannte» Antisemit namens Wfelitschko) nie daran gedacht, dass die systematische Judenhetze, mit der sich so gern ein Teil unserer Presse belustigt, die RassenantipaJhien anzündet und za so furchtbaren Erscheinungen wie dies Judenkrawalle in Ki s.ehenew führt? Mög<e er sich etwas realistischer die aus ier Höhe des zweiten nad dritten Stockes auf das Strassenpflaster hinausgeschleuderten Kind&r, das Krachen der jüdischen Schädel, die mit Möbelstücken zerschlagen werden3 das fliessende Blut und die ausrianenden Gehirne, die auf die hin ausgeschleuderten und zertrümmerten Waren iiessen, vorstellen!u Wir zitieren aus Jceaner Judenzeitung, sondern aus der Zeitung des Fürsten Uchtomsky, des Freundes Nikolaus II. Nein, wir übertreiben nicht! Mit einer besonderen Wucht stürmten die Räuber gegen die Synagogen. Zuerst wurden die Synagogenwärter ermordet, dann wurden dlö heiligen Rollen aus der Lade geholt, mit Füssen getreten, zerfetzt und mit jüdischem Blute begossen. Einige Räubergruppen zeichneten sich besonders durch ihre Wut aus. Sie hieben den Juden die Köpfe ab, tauchten dann Handtücher in das strömende ßlut nad die auf diese Weise rotgetünchten Fetzen wurden als Falmen verwendet; andere wieder tanzten auf den Leichen, nachdem sie sich mit dem gestohlenen Wein betrunken gemacht hatten; noch andere schlitsien den Juden die Bauche auf, nahmen die Eingeweide hieraus und ersetzten dieselben durch Federn aus den geraubten Kissen. Im einer Strasse wollt« ein Christ, ein wahrer Christ, ein Herr Nasarow, ein&ri alten Juden aus den Griffen der vertierten Räuber herausziehen. Da bekam er einen wuchtigen Hieb über den Kopf und wäre totgeschlagen worden, wenn er nicht ausgerufen hätte: „Ich bin ein Christ!64 Auf diese Weise wurden aiKli tatsächlich vom christlichen Pöbel zwei Christen ermordet. Und nun die vielsagende Kundgebung des Kisch^mewer Polizeimeisters: „W er die bei den Juden geraubten Sachen und Waren freiwillig während der nächsten zwei Tage zurückerstattet, wird nicii bestraft werden!" Die'Wiener „Zeit" bericlrtet: ,J3is nun waren die sogenannten JudenkrawalLe nur mit Zerstörung und Raub verbunden, aber ohne Mord- und Blutvergtessen. Die letzten Unruhen in Kischenew übersteigen jedock alle früheren Ausschreitungen. Es ist unmöglich, zu schildern, was hier vorging; Kinder hat man bei i&n Beinen in zwei Teile zerrissen; Zungen und andere Glieder wurden abgehauen und abgeschnitten. Der Gouverneur halte versichert, dass er alles, was in seinen Kräften stünde, £<egen diese