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Die Welt · 1903-05-01 · 18 (1.5.1903) · p. 17

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
18 (1.5.1903)
Article
Die Nachricht
Date
1903-05-01
Page
17 (sequence 2)
Language
German
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„Die # Welt** Seite 17 Ein Oeffccn und SchÜessen der Türe wurde vernommen. „Das wird nun wohl der Briefträger sein!" flog es es ihm blitzartig durch de» Kopf, während sich die Türe öffnete und die Magd auf der Seh welle erschien, mit Zeitungen und einem Briefe Ein wohlbekanntes Kuvert mit Firma und bekannten Handschrift. Sofort begann sein Herz heftiger zu schlagen, seine Hand zitterte ein wenig, sein Gesicht erstrahlte vot Freude; doch zog er bald die Stirn in Falten zusammen, sein Blick verdüsterte sich, er wurde ernst, fast strenge. „Nur keine Entschuldigungen! — murmelte er stilL vor sich hin. — Ich will sie lehren nächstens pünktliche r zu sein!" Er besichtigt den noch geschlossenen Brief von allem. Seiten. Das ist eine zweifache Postmarke, der Brief scheint schwereres Gewicht zu haben als gewöhnlich. „Da wird gewiss viel herumgeredet zur Rechtfertigung,<c lächelte er zufrieden, „aber es nützt nichts! Ich entschuldig* nicht!« . . . Bei diesem Gedanken fühlt er eine Art eigentümlicher Befriedigung. Er denkt; zwar auch an die Möglichkeit eines Unglücksfalls und es drängt ihn, den Brief rasch zu öffnen, bald aber spotäet er selbst über seine einfältigen Bedenken, und unbeschadet dessen, dass es ihn so sehr drängt, den Inhalt des Briefes zu erfahren, trifft »r alle möglichen bequemen Vorbereitungen, langsam und ohne Hast. Er setzt sich in den weichgepolsterten Stull, zieht die Brille hervor, putzt »die Gläser, setzt sie langsam auf und reisst vorsichtig das Kuvert auf. Er legt den Brief auf den Tisch und beginnt zu losen, .. * Seit einer halben Stunda liest er den Brief; er liest ihn zum zweiten-, zum drittem male. Er versteht kein einziges Wort. . . Alles ist überhaupt ganz sonderbar: Weder die Schwiegertöchter noch dU Enkel haben, wie üblicl), zugeschrieben; der jüngere »Sohn schreibt kaum einige wenige Zeilen. Der ganze grosse Brief ist von seinem älteren Sohne geschrieben, ak&r nicht im gewohnten Stil«*, keine Spur von der üblichen Deutlichkeit und kaufmännischer Kürze und Präzision . . - * Zwei grosse, auf beiden Seiten beschriebene Bogen Papier liegen vor ihm; aber er versteht kein Wort von den sonderbaren Phrasen ui d Redewendungrn, von d«r langatmigen philosophischen. Auseinandersetzung üWr „Leben" und „Religion", über „Zwang" und „natürlichen Glauben", über Gewohnheit an bestimmte Lebensbedingungen und die Notwenligkeit, sich an ander« Lebensbedingungen zu gewöhnen, die grunaiver schieden wären und aussen gewöhnlich,,. Was ist seinem Sohne plötzlich eingefallen, einen Vergleich anzustellen zwischen dem Le!)fcn in M. und demjenigen im „Ansiedlungsrayon?" .. . Wa:s soll das heissen : „Unmögliche Opfer", „die Zukunft dar Kinder", „der Zwang, gegen die innere Ueberzeugung zu handeln", und noch viele ähnliche Wunderdinge . .. Was waranlasst seinen Sohn, plötzlich von seinem Judentum und seiner Anhänglichkeit an dasselbe, die auch jetzt unerschüttert bliebe, zu sprechen, und was soll das scheinbare Vergehen bedeuten, für welches er um Verzeihung bittet und dieselbe erhofft von „dem Mitgefühl eines gebildeten, vorurteilsfreien Vaters, der den Unterschied kennt zwischen freigew ollter, mutwilliger Sünde und einem Fehlschritte ausZwang ud bitterer Notwendigkeit" — was soll das alles bedeuten? » .. Wer vermöchte ihm dieses sonderbare Rätsel zu lösen? , , . äi Es ist fast Mitternacht, Reb Gedalje geht no ch immer in seinem Zimmer umher, in Gedanken vertieft. „Meine Weltardnung ist ganz zerstört"—klagt er ununterbrochen — zwei Wochen vergingen ohne jede Nachricht, auf einmal kommt ein Brief, und der ist so unverständlich., so rätselhaft! Wahrlich, sein regelmässsiges Leben wurde gestört; die Welt gieng ihm aus den Paigen: Wer hat es je gesehen, dass Reb Gedalje noch um Mitternacht wach sei und in seinem Zimmer herumgehe? Er lebfee stets nach einem bestimmten Programme. Alles geschaht täglich zur bestimmten Stunde und Minute; nur heute war alles so ganz anders. Er las nicht vor abends seine Zeitung; er ging nicht nach dem Tee auf den Balkon, um seine Zigarre zu rauchien und mit vorbeigehenden Bekannten zu plaudern; er ging auch nicht in die Synagoge zum Abendgebet und lss kein Abendbrot; er ging nicht zu Bett in der zehnten Stu ade . . . Seitdem w den Briet gelesen, erfüllte nur ein einziger Gedanke sein Hirn, beschäftigte ihn nur eine einzig« Frage. Indes trftt seine „Alte* ein und er las ihr nicht den Brief, wie gewöhnlich ic jüdischer Uebersetzung vor. Sie warteU einige Augenblicke und fragte dann3 was der Brief enthalte, aber er verweigerte ihr jede Auskunft Sie erschrak und ahnte etwas Schlimmes, Bebend&n Herzens bat sie ihn, ihr dodi zu sagen, was die Kind«er schrieben, wie es ihnen gehe. Er antwortete ungeduldig und in sichtbare*r Erregung: „Gut, gut, nichts Neues". In Angst und Sorg:* blickte sie ihm an. Ihr Blick hatte etwras von tiefem Leii und schweigendem Vorwurfe zugleich; in dem tiefem Seufzer, der sich ihrer Brust entwand, als sie das Zimm&r verlies, konmte man ein demütiges Sich-ergeben wahrnehmen; aber ihn kümmerte dies alles nicht . . . Es ging die Stunde des Abendgebetes vorüber, ohiLfc dass er es merkte. Er bemerkte a^ich nicht, dass dU Dienerin Lfcht machte und das Abemdmal auf den TiscTl stellte; er sah nicht, wie die Dienerin* an der Türe einige Zeit stehen geblieben war und einen Befehl abgewartet un i dann achselnickend und kopfschütteh4 das Zimmer verlassen hatte — Er schritt hin und her, bald hastig, bald langsamei- Oft blieb ei einen Augenblick stehen, legte die Hand auf die Stirne und schloss die Augen uilA so ging er herum und dachte, grübelte und suchte das Rätsel zu lösen! (Schluss folgt.) Ich wandelte einsam . . Ich wandelte einsam auf fremden Bahnen, Wo mir kein Lichtstrahl den Weg beschien — ■ Ohne das Ziel meiner Wanderung zu ahnen Irrte Ich müde und planlos dal in. Irrte T-erzagt durch die ncbeldichte, Schafcte-numwallte und finstere Nacht . . . Sehnt' mich nach dem befreienden Lichte, Lechzt/ nach des Tages sonniger Pracht. Doch immer tiefere Schleier umzogen Weithin die kalte und endlose Flur, Und nur zuweilen, lockten, und trogen Irrlichter mich auf die unreelle Spur--- Da l>ist du strahlend mir 'ausgegangen, Gleicli einem Lichtbild aus himmlischer Fern', Glänzend in Schönheit und fürstlichem Prangen, 0 du. mein herrlicher David stern! Von deiner leuchtenden Aureole Ward jäh die Nacht meiner Seele erhellt, Und gleich des Frührots gold'nem Symbole FlaEuntest du über die ganze Welt.

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