Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-05-01 · 18 (1.5.1903) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
18 (1.5.1903)
Article
Die wundertätige Megille
Date
1903-05-01
Page
16 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316039-3331959--39878-3332064
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 16 „Die # Welt" Nr. 18 Merkwürdig war nur, dass Kolba,- <wenn der ,Saiumer * kam und die Sonnenstrahlen glühend auf den unglücklichen . Wanderer herniederscnienen, plötzlich einen Hang zu "homöopathischen Studien entwickelte und seinem Schnapse treu blieb, da er sich einbildete, dass er erfrischend wirke. Und so glühte denn das ganze Jahr das Feuer in seinem Innern, und in diesem Eeuer entstand der Trinkteufel, gerade so, wie man Salamander erzeugt, indem man einen Schmelzofen sieben Jahre und einen Tag lang heizt, wie man über den betreffenden Gegenstand in dem jüdiisch-deutschen Erbauungsbuche für Frauen, „Geht und seht", nachlesen kann. Das einzige Gute, das der Trinkteufel Kolba erwies, war, dass er ihm, während er schnarchend auf dem Bocke sass, das Leben rettete, indem er die Pferde daran hinderte, in den Abgrund zu stürzen, der links zweihundert Fuss tief gähnte. Allmählich kam es nun so, dass Kolba im Sommer und im Winter vom Wagen heruntergelipben werden musste; doch während man ihm früher mit Teilnahme und Mitgefühl begegnete, begann man ihn ,nun wie ein räudiges Schaf zu betrachten, das in der Herde Ansteckung verbreiten könnte. Infolgedessen hatte er, als er den Entschluss fasste, einen Hausstand zu gründen, natürlich nur eine beschränkte Auswahl. Doch hielt er es nicht für wert, sieh darüber graue Haare wachsen zu lassen, denn er hatte schon lange seine Wahl getroffen und sieh der Einwilligung der Erkorenen versichert, und als Esther ihre kontraktlichen Dienstjahre in dem Hause des Rabbi Maier beendet hatte, ging sie sofort einen neuen Kontrakt ein, der darin bestand, ihr Los mit dem Kolbas zu vereinen. Die einzige Bedingung, die sie stellte, war, dass Kolba seine Beschäftigung im Freien aufgebe und ein Gewerbe ergreife, bei welchem ein Mann nicht so ganz ud gar auf die Gesellschaft eines Wagens, zweier Pferde und einer Schnapsflasehe angewiesen ist. Und so nahm denn Kolba das:< Schusterhandwerk wieder auf, in dem er Meister war, und das er aus falschem Schamgefühl und wegen des Zwanges, den es ihm auferlegte, aufgegeben hatte. Er tat seiner 1$mu den Willen, weil lim diese Zeit Stolz und Freiheit ihnx schon ziemlich gleiehgiltig geworden waren und in seinen nüchternen Augenblicken sass er bei seinem Leisten und fand dabei sein Auskommen, das heisst, er hätte es gefunden, wenn der Trinkteufel nicht ein so grosses Loch in die Einkünfte der Familie gemacht hätte. Nein, Esthers Plan bewährte sich nicht; die bose Leidenschaft hatte sich zu tief in Kalba eingewurzelt und es war mehr als ein blosser Wechsel, .der Beschäftigung notwendig, um ihn auszurotten. Aber was die junge Frau auHti darüber denken mochte, ob sie ihre Heirat bedauerte und ihr unglückliches Los verwünschte, das erfuhr keine menschliche Seele, Esther wollte um keinen Preis bemitleidet werden. Kolba ging nur sie allein an; wenn er ihr recht war, musste er jedem recht sein, es blieb ihr auch nichts anderes übrig, denn Anstalten für Trunksüchtige und ähnliche Luxusartikel der Zivilisation sind in diesem Teile der Welt unbekannt; da ist es den mit der Trunksucht Behafteten gestattet, an Delirium tremens oder einem Schlaganfall zu sterben — das ist viel billiger und gesünder für alle Beteiligten. Einmal nur, und da aus guten Gründen, hatte Esther sich jemandem anvertraut, das war, als Benjamin Getzel, der Sohn des Marschallik von Jarotsin, für eine Woche nach Hause kam, nachdem er seineStudien auf der Charkower Universität beendet hatte. Seine eigenen Eltern erkannten ihn kaum, denn er trug nun einen goldgefassten Zwicker und nannte sich Doktor Berthold Sonnenthal. Esther ging zu ihm und beschwor ihn, um alles dessen willen, was ihm in dieser Welt teuer war und er von jener Welt erhoffte und im Andenken an die Tage, da sie als Kinder zusammen gespielt, ihren Mann zu heilen, war doch der Euhm von der Klugheit des Doktors in diesen Dingen bis ans Ende der Welt gedrungen. Doktor Berthold' Sonnenthal blickte sie sehr ernst an und sagte ihr: „Liebe Frau, nur eine heftige Erschütterung der Gehirnnerven kann in solchen Fällen eine gründliche Wirkung hervorbringen. Wenn ich den nötigen Apparat hier hätte, so könnte ich den Versuch mit ihm machen, aber so —" Und der Doktor zuckte die Achseln, wie alle Doktoren, wenn sie glauben, genug gesagt zu haben. Und Esther war fortgegangen und hatte nur eine sehr unbestimmte Vorstellung von dein, was der gelehrte Doktor ihr in reinstem Hochdeutsch gesagt hatte; nur eines war ihr klar: alles, was sie tun konnte, war, ihr Flehen zu dem Heiler aller Wunden., der seine Heilmittel stets bereit hat, zu verdoppeln. An den Festtagen empfand Esther ihr Los stets am bittersten; da sah sie Licht und Freude in anderen Häusern, während ihr eigenes verdunkelt war d.urch den Schatten einer unausprechlichen Trauer, trotz der sorglosen Miene, die sie zur Schau trug und die sie so viel Anstrengung und Seelenkämpfe kostete und die Nachbarn nur ärgerte. Wenn der Kalender nur mehr Fasttage und Jahrestage der Drangsal aufzuweisen hätte, so wäre die Spannung nicht eine so intensive gewesen, denn dann hätte sie nicht so oft Gelegenheit gehabt, ihren Gefühlen Gewalt antun zu müssen. Und gerade jetzt war Purim, der Festtag zu Ehren ihrer Namensschwester, der Königin Esther. Kolba und der kleine David sassen in der Synagoge, die an dem Morgen des Festtages von einer grossen Menge Andächtiger erfüllt war. Rechts im Hintergrunde sassen die beiden in allernächster Nähe der berufsmässigen Bettler, und David fragte sieh im Stillen, wie sein Vater nur damit zufrieden sein konnte, seinen Platz unter dem Gesindel der Stadt einzunehmen, anstatt unter den geachteten Hausvätern. Er hätte gern seinen Vater darnach gefragt, aber dieser war tief in Gedanken versunken, starrte wie geistesabwesend vor sich hin und schien nichts von sedner Umgebung zu wissen. (Fortsetzung folgt.) Die Nachricht Aus dem Hebräischen von J. Berschadski. Uebersetzt von M. EL Der alte Reb Gedalje Silbermann schreitet im Zimmer umher und auf seinem Gesichte malt sich Besorgnis, Kummer und sehnsuchtsvolle Erwartung: „Seit zwei Wochen keinen Brief — murmelt er bedenklich — wird auch heute keiner kommen?* . .. Reb Gedalje ist ein Mann in den Sechzigern, aber noch in voller Manneskraft, mit einem frischen, fast jugendlichen Gesichtsaüsdruck. Wenn die Leute von ihm behaupten, er habe stets ein ruhiges, glückliches Leben geführt und verbringe auch jetzt ein glückliches Alter, so ist das keine Uebertreibung. Er hatte stets glänzende Geschäfte in M. geführt, die er dann im Alter seinen zwei Söhnen übertrug; er selbst führte ein ruhiges Leben in einer kleinen Provinzstadt In gleicher Ruhe und Regelmässigkeit verging Tag um Tag, eine Ausnahme bildeten gewissermassen die Dienstage, an denen er pünktlich nach der Theestunde Briefe von den Söhnen und deren Angehörigen zu empfangen pflegte. Diese wussten, wie sehr ihr \rater Ordnung und Regelmässigkeit liebe und in vollster Ehrfurcht erfüllten sie stets ihre Pflicht ohne jede Unterbrechung. So waren Jahre vergangen und — was mag geschehen sein, dass sie plötzlich zu schreiben aufgehört haben? Reb Gedalje befand sich deshalb in aufgeregter Stimmung; es ergriff ihn Sorge und Zorn, Furcht und Unmut.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.