Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Article
- Prof. Dr. Moritz Lazarus
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 ^Dle s> Welt" {fr. 18 Peuilktoi). Prof. Dr. Moritz Lazarus. Ein D enker b ilcL Von A. Coralnik. (Schlüss.) Wenn man nach dem Mittelpunkt, nach dem Fokus seiner Weltanschauung forscht, so findet man im Zentrum seines Denkens einen Idealismus ohne gleichen, aber einen sittlichen Idealismus. Die Ideen leitet! die Geschichte der Menschheit, wie das Leben der Individuen. (9Ideen in der Gesch.* Zeitschr. etc. III). Sie sind abbildende (Ideen der Auffassung) und vorbildende (Ideen der Gestaltung); sie sind Ideen des Seins, des Sollens und des Könnens. Sie erklären, leiten und schaffen das Leben der Menschen. Ihre Wirkung ist: Vollendung der Persönlichkeit; Schöpfung idealer Werke; Schöpfung gesellschaftlicher Institutionen. Die Vollendung der Persönlichkeit führt direkt zur engeren Zusammenschliessung der Individuen, zürn Volksleben (Ideale Fragen S. 107). Diese Ideen sind sittlicher Ordnung. Sind sie aber auch in der Natur begründet? Oder, mit anderen Worten, ist die moralische und die natürliche Welt identisch? Lazarus nimmt nicht Kants Begründung der .Moral als Postulat der praktischen Vernunft an, er hält sie aber auch nicht für identisch mit den Naturgesetzen. „Wir suchen nicht die Ideen in der Natur, aber wir finden die Natur, den vollen und wahren Gedanken derselben nur in dan Ideen/ Und dann sagt er ferner —und hiermit gelangen wir an die Wurzel, an die tiefste Ti^fe seiner Philosophie — dass die Zweckmässigkeit der Natur (Teleologie) unleugbar ist und der Urheber der Natur zugleich auch der Urheber des Sittengesetzes ist. Dieser Gedanke, der die Quintessenz des ganzen jüdischen Denkens ist, ist es, der ihn zur Schaffung seines letzten Werkes, das, die Krone seiner Tätigkeit ist, „Die Ethik des Judentums", leitet. Das Grundprinzip des Judentums, die sittliche Weltordnung, ist der Pfeiler seines ganzen ethischen Systems. Den Ursprung der Sittlichkeit, sagt er an einem anderen Orte (L. d. S. III), muss man nicht mit den Eudämonisten in dem Gefühl der Lust oder Unlust suchen, sondern in den „Gefühlen" der Sittlichkeit. Obwohl hier indirekter Einüuss der Ethik Her barts hervortritt (der mitJacobi die Gefühle an Stelle der Begriffe setzt), zeigt die fernere Entwicklung des Gedankens den eigentlichen Quell seiner Anschauung — der jüdischen Eeligion. Wenn man von einem Philosophen sagen kann, dsss er „gottvoll44 war, so war es L a z a r u s. Er war es im höheren Sinne als Spinoza, weil er ein geringerer Denker, ein minder gewaltiger Geist, aber grösser im Glauben war, grösser an Herz. Und „das Herz des Volksgeistes ist die Religion", meinte Lazarus (Ideale Fragen 28). Wir brauchen uns nicht länger mit dem. ethischen System von Lazarus zu beschäftigen, es ist der moderne, philosophische Ausdruck der uralten jüdischen Religion, deren Gipfelpunkt in der Maxime ist : Heiligf sollt ihr sein"... denn „meine Kinder seid ihr*. Die Heiligung, die Gottähnlichkeit des Lebens, das ist nach, der jüdischen Moral und nach der von Lazarus die Grund bestininiung derEthik, desLebens. Aber dieEthik ist nicht etwBsMystisöbes, Transzendentales, sie ist eine Weisheit des Lebens und darin stimmt er mit Spinoza, von dem ar sonst radikal verschieden ist, überein; die Weisheit ist das Denken vom Leben (Sapientia non mortis, sed vitae meditatiö est.) Daraus resultiert auch der Optimismus, der d^r Grundzug des jüdischen Volkscharakters ist, und nicht d er Pessimismus, wie M u r e t meint. (L'Esprit juif p. 45). Es wäre interessant, aber über die Rahmen des gegenwärtigen Aufsatzes hinausgehend, zu untersuchen wi€, und inwiefern der jüdische Philosoph des XIX. Jahrhunderts Lazarus, sich von dem des XVI II. — Mendelssohn, des XVII. —Spinoza und des XIII. — Maimor ides, unterscheidet. Es könnte eine interessante Analyse der jüdischen Volkspsyche ergeben. Aber vor allem sei eines festgestellt; keiner von des neueren jüdischen Philosophen, Mendelssohn nicht ausgenommen, war so spezifisch jüdisch, wie Lazarus. Und dadurch bekräftigt er selbst seinen Spruch: ,Der Philosoph in seinem Sinnen und Denken denkt nicht anderes, als was die Substanz des Volksgeistes ist." (Ideale Fragen 21), Nachdem wir nun die Denkergestalt Lazarus gezeichnet haben, wollen wir zu seiner z weiten j allgemeineren Eigenschaft übergehen, die wir schon gestreift haben: Lazarus als Jude. De mortuis nil nisi bene. Und von Lazarus muss man nur gut sprechen; aber wir empfinden ein schmerzliches Gefühl, wenn wir ihn, ihn, den weitblickenden und feinfühligen Völkerpsychologen, ihn der in der Ausbildung der Individualität das höchste Ziel sah, gerade in Betreff des jüdischen Volkes, dem er mit Leib und Seele, „freu und frei" angehörtp, seine Prinzipien vergessen sehen. Wer seine Reden: „Was ist national?1' „An die Deutschen Jaden"; (Treu und Frei, 1887)'liest, den überkommt ein wehmutvolles Gefühl, angesichts der unerquicklichen Windungen, der sophistischen Gedanken wen dun geil, die der sonst so streng logische Denker anwenden musste, um sich und andere zu überzeugen, dass die Juden kein Volk, sondern eine Konfession seien. Gerade dasselbe sagte am Ende des XVIII. Jahrhunderts Mendelssohn, bei dem es nicht zu verwundern war — er war ein Sohn der „Aufklärungsepoche*, des rationalistischen Denkens — aber L a z a r u s, der die Kassigkeit, wenn auch indirekt, zugab, der noch mehr den Willen des Individuums, zu irgend welcher Nation zu gehören, als den bestimmenden Faktor in der Frage der Nationalität annahm leuchtete es ihm denn nicht ein, dass ein Volkswille, ein Volksgeist, um in seiner Terminologie zu sprechen, unausrottbar ist, dass er von inneren, unbewussten Motoren abhängt, wusste er es denn nicht, er, der Herbart vorwarf, das unbewusste Moment im psychischen Leben unberücksichtigt gelassen zuhaben? Leuchtete es ihm denn nicht ein, dass das jüdische Volk nicht unter seine ganze Geschichte einen Strich machen, sich selbst verleugnen kann? Hätte er lieber anstatt den Antisemitismus zu bekämpfen, anstatt von ihm, wie es manchem anderen „Deutschen" z. ß. Berthöld Auerbach passierte, ganz entmutigt und gebrochen 'zu werden, das jüdische Volk zum Bewusstein, zur Aktion, zur Verwirklichung seines Ideals gerufen, wieviel fruchtbarer hätte seine Tätigkeit gedeihen können. Aber er tat es nicht, denn er war ein Kind seiner Zeit, er war zuviel Idealist, er hat zuwenig mit dem Leben gerechnet, um den wahren Sachverhalt einzusehen. Wir wollen ihm keine assimilatorische Tendenz nachsagen, denn er war kein Assimilant; sondern einer von jenem Geschlechte der Riesen des Herzens, die im Judentum entstehen und entstanden, die die Welt umfassen,?Millionen umschlingen* wollten. Er war Idealist pur et simple und deshalb verstand er das Leben nicht! * Aber seine höchste Vollkommenheit erreichte Lazarus in der allgemeinsten menschlichen Eigenschaft —- als Mensch, als sittliches Individuum. Wohl selten nahmen Philosophen ihre Lehren so ernst wie er, wohl selten harmonierten Leben und Gedanke, Tun und Trachten wie bei ihm. Eine seiner besten Monographien handelt, charakteristisch genug, vom Herzen. „Toutes les grandes pensäes viennent du coeur." An ihm bewahrheitete sich dieses grosse Wort. In den Aufzeichnungen, die wir über sein Leben haben (Vgl. Brainin : Haschiloach Bd. V und Achiassaf 1896) finden wir eine charakteristische Episode: Ein Rabbiner aus einer Stadt bei Kowno kam nach Berlin, um sich einen Augenoperation zu unterziehen. Er hatte ein Empfehlungsschreiben an Lazarus, und auf Grund dessen verTarrerte er von ihm, dass er ihm einige hundert Mark für die Operation gebe. Lazarus riet ihm sich an reichere zu wenden, der Rabbiner aber antwortete stolz: „Ich bin kein Bettler und nehme keine Almosen; wenn es Ihnen recht ist, dass ich blind sei, so ist es mir auch billig und ich reise nach Haus.tt Das wirkte auf Lazarus und er erwirkte ihm das Geld. Welche hohe, beinahe die Nietzche'sche streifende Moral enthält diese schlichte, sogar etwas komische Geschichte! Ein Träumer, ein Weiser war Lazarus sein Leben lang, in allen Lagen des Lebens, stolz und demütig, treu und frei! Mit den Worten, die er von Mendelssohn sprach, möchte ich meine Skizze schliessen : „Die Gedanken, die er vorgebracht, sind weder grundstürzende, noch grundlegende. Er ist keiner von jenen systematischen Philosophen, welche neuen Gedankenrichtungen die Bahn öffnen. Aber er gehört doch zu denjenigen, deren Lebensziel darauf gestellt ist, die Menschen eine Stufe höher zubringen." Und wenn auch die geistigen Schöpfungen Lazarus' durch die fortschreitende wissenschaftliche Erkenntnis überflügelt, wenn auch seine nationalen Gedanken durch die Geschichte widerlegt worden sind — als sittliche, zum Lichte des Idealfl strebende menschliche Persönlichkeit steht L a z a ru s da — Aere perennior.