Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Article
- Die galizischen Exzesse
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 18 „Die *i Welt" Seite 5 Wahlen sprichwörtlich geworden sind. Von national-jüdischer Seite wurden die „Polen mosaischer Konfession" oft genug gewarnt, auf diesem Wege fortzufahren und sich der Unterdrückung eines anderen Volkes mitschuldig zu machen. Leider waren diese Warnungen vergebens. So konnte es kommen, dass, wie die Blätter melden, ruthenische Agitatoren gegen die Juden agitiert haben, weil dieselben sich der polnischen Partei anschliessen. Bemerkenswert ist es, dass unter den Verhafteten sich Tier ruthenische Rädelsführer befinden. Ruthenische Ba-aern, welche die Judenhäuser in Uhnow stürmten und die Juden misshandelten, riefen unablässig: „Wo sind die Polen? Diese mögen euch in Schutz nehmen!" Die Polen waren aber natürlich nicht da und die Juden haben wieder gelernt, wie ihnen ihre Dienste für andere gelohnt werden. Leider ist keine Aussicht vorhanden, dass unsere „Glaubensgenossen der verschiedenen Nationalitäten" ihr ebenso lächerliches als verderbliches Verhalten ändern werden. Man denke an die deutschen Juden in Böhmen und Mähren, an das Verhalten der Juden vieler anderer Länder und man wird finden, dass unsere Befürchtungen nur zu begründet sind. —w. Judenexzess in Algerien. In A1 g i e r, in dem alten Tl e m c e n, in dem einstens die maurische Dynastie „Beni Zian* residierte und das heute durch seinen Bergbau ^reit bekannt ist, griffen Turkos die Juden an, wobei 25 derselben, wie das offizielle Korrespondenz-Bureau meldete, schwer verletztwurden. Das Wesen der jüdischen Nationalität.*) Von Dr. phil. Isaak Mirkin (Wilna). V. Die Frage ist nun, was werden die Kinder eines Nationaljuden sein, der selbst seine Erziehung in einem jüdischen Hause erhalten hat, der aber als Erwachsener, als Familienoberhaupt, kein jüdisches Leben, kein jüdisches Haus führt? Die Antwort ist: Die meisten solchen Kinder werden keine Juden sein, und wenn sie auch eine sogenannte jüdisch-nationale Erziehung erhalten. Denn nur das echt jüdische Haus, das jüdische Leben kann den Mangel des stolzen Bewusstseins der Selbständigkeit, des national-eigenen Vaterlandes, der national-eigenen Muttersprache usw. vollauf ersetzen, nicht aber kalte und tote Lehren und Lektüre. Die eifrigste, ausgedehnteste Beschäftigung mit Homer und der gesamten griechischen Poesie, Literatur, Kunst und Geschichte kam nur Bewunderung, Verehrung für das grosse, alte griechische Volk hervorrufen, kann aber nicht zum Griechen machen. Und wenn bei uns Juden auch noch das Bewusstsein der Abstammung dazu kommt, so kann es nur auf einige wenige zartfühlende Charaktere wirken, die sich ein Gewissen daraus machen, ihre Abstammung zu verleugnen, um leichter und besser fortkommen zu können. Und wer mir dies von den Kindern eines nicht jüdisch lebenden Nationaljuden nicht zugibt, der wird es mir doch von seinen Enkeln zugeben müssen! Was sich nun aus all dem Gesagten ergibt, ist folgendes: Die feste Grundlage, der Inhalt der Nationalität ist beim jüdischen Volke, ganz so wie bei allen anderen Völkern, das nationale Leben. Aber während bei selbständigen Völkern das ganze weite und breite Vaterland die Heimstätte, der Schauplatz des nationalen Lebens ist, so ist die Heimstätte, der Schauplatz des jüdisch-nationalen Lebens überhaupt, und ganz besonders in der Zerstreuung, das jüdische Haus, Das jüdische Vaterland hat sich als,o in der Zerstreuung vollständig in dem jüdischen Hause konzentriert. Derjenige Jude nun, der sein Haus nicht *) Nr. 10 „Die Welt". zu einem jüdischen gestaltet, hat sich selbst und die Seinigen ausserhalb des jüdischen Vaterlandes gesetzt und sich also auf fremdes Territorium begeben und er läuft daher Gefahr, sich selbst und noch mekr seine Kinder seinem Volke zu entfremden. Wer aber gar, in mutwilliger Weise oder aus Unverstand, an dem Bestand des jüdischen Hauses, des jüdischen Lebens rüttelt, der unterwühlt die Grundfesten der jüdischen Nationalität, der arbeitet auf den Rain, auf den Untergang des jüdischen Volkes hin! Nun bleibt uns noch übrig, einige landläufige Phrasen zu beleuchten, um sie in ihrer ganzen Oberflächlichkeit und Hohlheit erscheinen zu lassen. Diese pflegen folgendermassen zu lauten: Wie kann man von einem charaktervollen Menschen verlangen, dass er religiöse Bräuche und Zeremonien ausübe, und wenn es auch in der Absicht geschieht, die schönsten Zwecke zu erreichen, wenn er einmal den religiösen Standpunkt überwunden hat? Der Grundsatz: „Der Zweck heiligt die Mittel44 ist zu jesuitisch, als dass man ihn empfehlen könnte! und so weiter. Es scheint in der Tat in der Natur unseres Volkes zu liegen, eine ganz besondere Freude am Martyrium zu empfinden. Unsere Vorfahren im Altertum, im Mittelalter und auch in der neueren Zeit gingen mit Begeisterung im den Tod für ihr Volk, für ihren Glauben und viele unserer modernen Nationaljuden finden besonderem Gefallen daran, Märtyrer ihres Unglaubens zu sein! Sie wollen lieber das Judentum seiner eigentlichen Lebenskraft berauben, sie wollen lieber seine Zukunft gefährden als gegen ihre religiöse, oder richtiger antireligiöse Ueberzeugung, wie sie meinen, handeln. Ich hoffe nun, durch unsere Ausführungen, durch unsere Zergliederung des Wesens der Nationalität überhaupt und der jüdischen Nationalität in ihrer Eigenart insbesondere ist die Oberflächlichkeit und Hohlheit all derartiger Phrasen einfür allemal dargetan. VYir haben gezeigt, dass der grössere und wichtigere Teil dessen, was man, einseitig genug,* schlechtweg jüdische Religion zu nennen pflegt, echtes nationales Leben des jüdischen Volkes ist. Wir haben gezeigt, dass wir im jüdischen Leben echt jüdische Nationalität, im jüdischen Hause einen vollständigen jüdischnationalen Staat mit seinen von keinem äusseren Feinde angreifbaren, und daher, wenn -wir nur selbst wollen, ewigen Grenzen, Befestigungen, Burgen, Mauern, Monumenten usw. besitzen und dass, wenn wir an keine Wunder glauben wollen, nur durch die eigentümliche', echt nationale Gestaltung des jüdischen Lebens, des jüdischen Hauses das Weltwunder der Unvergänglichkeit des jüdische» Volkes zu erklären ist. Nun, was kann es schaden, frage ich, wenn dieses das Le1>en unseres Volkes erhaltende jüdische Leben, wenn dieses de n jüdischnationalen Staat in der Zerstreuung ersetzende jüdische Haus von fast allen unseren Vorfallen, von den meisten lebenden Volksgenossen auch als religiös geheiligt, als von Gott selbst befohlen hochgehalten und in allen Gefahren mit Todesbegeisterung verteidigt wurde und noch wird?! Hört denn das alles deshalb auf, echt jüdische Nationalität zu sein, weil es für viele unserer Volksgenossen noch dazu auch jüdische Relegion ist?! Es bleibt noch übrig, zum Schlüsse zu bemerken, dass unter Erziehung eine im engeren und eine im weiteren Sinne zu verstehen ist. Von der ersteren haben wir bis jetzt gesprochen. Unter Erziehung im weiteren Sinne ist ungefähr das zu verstehen, was unter Tolkserziehung verstanden wird, nur dass wir hier von einer Volkserziehung nicht allein in allgemein-ethischer, sondern hauptsächlich in buchstäblicher, d. h. nationaler Bedeutung sprechen. Die weitaus meisten Volksgenossen, die sich als solche fühlen, haben mehr oder weniger eine jüdische Erziehung in einem jüdischen Hause erhalten. Eine mangelhafte jüdische Erziehung zu ergänzen, ist die zweite Erziehung berufen.