Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1903-04-24
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die <r"Welf~ Nr. 17 Das i.-ö., ostgalizische und Bukowinaer D.-K. werden nochmals aufgefordert, behufs Vollendung des Vereins¬ und Vertrauensmänner-Katasters die rückständigen Rechenschaftsberichte einzusenden. Immer mehr reisst der Unfug ein, dass Privatpersonen auf eigene Faust und ohne das Bedürfnis zu prüfen, neue Blätter gründen und für diese die materielle und moralische Unterstützung der Gesinnungsgenossen in Anspruch nehmen, ohne aber der Partei gegenüber das geziemende Verpflichtungs- und Verantwortungsgefühl zu haben. Darum soll in Hinkunft, wie bei allen anderen Parteien, die auf Ordnung halten, vor jeder neuen Blattgründung im .zionistischen Oesterreich die Genehmigung des L.-K. eingeholt werden. Dr. Bernhardt setzt seine Agitationsreise durch Niederösterreich fort und wird weiters in Tulln, Korneuburg, Mistelbach, Oberhollabrunn, Mödling und Baden sprechen. Demnächst erscheinen die vom A.-K. edierten, gesetzlich geschützten Zionszünder. Die Firma C Sch ar f & S o h n in Bielitz, die einen „Zion-Likör" führt, steht mit keiner zionistischen Organisation in Verbindung. Zur Agitation unter den Orthodoxen sei die demnächst in Krakau erscheinende, von Rabbiner Reines redigierte hebräische Wochenschrift „Misrach" empfohlen. Der III. österreichische Zionistentag findet am 28. und 29. Juni in Wien statt. — Die 1. Vorkonferenz tagt schon diesen Sonntag, den 26, April, 9 Uhr früh in Wien, Kongressbureau. Hier wird die Tagesordnung und Referatzuteilungfür denParteitag provisorisch festgesetzt. DieD.-Ks. und alle Parteigenossen werden dringend aufgefordert, ihre diesbezüglichen Vorschläge schleunig dem L.-K. bekanntzugeben. — Zur Vorkonferenz selbst entsenden die D.-Ks. ihre Delegierten nach freier Wahl, event. auch in Wien ansässige Parteigenossen. Wegen Verschleissartikel (siehe letzte Umschlagseite) wende man sich an Sekretär Adolf P o 11 ak. Bücherwelt. „Larenaissance de la litt&rature häbraique (1743—1885). Essai d'histoirelitteraireparNahum Slouschz (Ben-David).* „Die Wiedergeburt des hebräischen Schrifttums (1743—1885), Ein literaturgeschichtlicher Versuch von Nahuni Slouschz (Ben-David)." Dies ist der Titel einer Dissertation, auf Grund deren der Verfasser an der Pariser Sorbonne zum Doktor der Philosophie promoviert wurde. Es war ein merkwürdiges Schauspiel, alsDr. Slouschz seine Arbeit dem akademischen Brauche gemäss in der prunkvollen Promotionshalle der Sorbonne vor dem Prüfujgskollegium verteidigte. Um den grünen Tisch auf der Estrade sassen fünf Gelehrte, die Mehrzahl von europäischem Rufe, unter ihnen auch ein Jude, Inhaber eines ausserordentlichen Lehrstuhls für die hebräische Sprache. Die vier Christen drückten jeder in anderen Wendungen, aber jeder mit gleicher Wärme und Achtung, beim Beginn ihrer Unterhaltung mit dem Kandidaten diesem ihren Dank dafür aus, dass er ihnen einen ganz neuen Gesichtskreis erschlossen habe; alle erklärten mit der edlen Bescheidenheit wahrer Gelehrter, dass sie auf seinem Sondergebiete ihn nichts zu lehren, dagegen alles von üjm zu lernen hätten; alle beglückwünschten ihn zn seiner Arbeit, die bahnbrechend sei, Tatsachen bringe, von denen der westeuropäische Gebildete bisher keine Ahnung gehabt habe, und Bestrebungen systematisch darstelle, die der Anteilnahme und Sympathie aller besseren Menschen würdig und sicher seien. Die Prüfung bestand darin, dass die Professoren den Kandidaten um Ausschluss über Punkte baten, die seine Arbeit nicht berührte, weil sie jüdischen Lasern geläufig sind und der Verfasser zunächst solche im Auge gehabt hatte; dass sie sich von ihm mit fast naiver, fast rührender Wissbegierde Einzelheiten vom spezifisch jüdischen Leben des Ostens erzählen Hessen; dass sie ihn stundenlang nach den Verhältnissen der russischen Ghetti, nach dem Seelenzustand ihrer Bewohner, nach ihrer Bildung, ihrer Sprache, ihrem geistigen Horizonte, ihrer Sehnsucht, Hoffnung und Erwartung fragten und wie bei einem Berichte über eine unbekannte Wunderwelt aufhorchten, als er ihnen ruhig und bescheiden, eher mindernd als übertreibend, von dem eigenartigen, reichen und stürmisch gährenden Geistesleben unserer östlichen Brüder berichtete. Kalt kritisch und nasenrümpfend blieb nur ein Richter, der fünfte, der Jude, Er nergelte. Er erhob Einwände. Er bestritt Kleinigkeiten. Und er belehrte namentlich seine svier gelehrten Kollegen, dass es keine jüdische Nationalität gebe, dass die hebräische Sprache kein wirkliches, sondern nur ein künstliches, scheinbares Leben führe und dass der Zionismus, von dem die freien Juden des Westens wenig oder nichts hielten, nur eine unklare Schwärmerei östlicher Juden sei, die durch ihn von unerträglichem Drucke befreit zu werden träumten. Die Dissertation machte indes auf das Kollegium sichtlich stärkeren Eindruck als die übellaunige Verwahrung des jüdischen Professors. Und sie wird auf die Leser, selbst auf die voreingenommenen, ebenso wirken wie auf die Professoren der Pariser Sorbonne, die dem Verfasser unter Glückwünschen den Doktorgrad verliehen haben. Dr. Slouschz beginnt seine Geschichte der neuhebräischen Literatur mit M. H.. L u z z a t o und führt sie bis zur unmittelbaren Gegenwart fort. Die mittelalterliche Dichtung behandelt er nicht, denn das Ziel, das er sich gesteckt hat, ist nicht auf dem Wege über die spanische Blütezeit zu erreichen. Er will zeigen, wie aus dem innersten Leben des jüdischen Volkes ein ganz modernes Schrifttum erwachsen ist, das von glühenden Idealisten gepflegt wird und bewusst danach strebt, den jüdischen Massen das Denken und Fühlen der Zeit zu vermitteln, ihnen die Kultur zuzutragen, von der sie durch fremde Feindseligkeit und durch den Fanatismus der eigenen Dunkelmänner künstlich ausgeschlossen sind. „Wir sind," sagt er in der Einleitung, „Zeugen in der Entstehung eines Schrifttums ohne Meister, ohne Gönner, ohne Akademien und literarische Salons, ohne Aufmunterung irgendwelcher Art, von unglaublichen Hindernissen aufgehalten, einzig vom reinsten, selbstlosesten Idealismus geschaffen und zum Triumph geführt." Slouschz folgt den grossen Strömungen, die man im neuhebräischen Schrifttum unterscheiden kann, wenn man es von einem genügend hohen Standpunkt betrachtet. Alle leitenden Gedanken, selbst alle herrschenden Moden, die einander in den letzten anderthalb Jahrhunderten in Europa ablösten, haben ihren Widerhall in der hebräischen Literatur, wo sie entweder einfach nachgeahmt wurden, oder wo sich selbstständige Talente an ihnen bildeten und von ihnen inspirieren Hessen. So hat die hebräische Literatur ihr Aufklärungszeitalter, ihre Romantik, ihren Realismus und neuestens sogar ihren Dekadentismus, Aber diese ästhetischen Richtungen nehmen, von jüdischen Temperamenten gepflegt, trotz der Elemente von blosser Nachahmung, die sie einschliessen, nationale Eigentümlichkeiten an, die sie fast als spontane Bewegungen erscheinen lassen, und neben ihnen machen sich rein jüdische Strebungen geltend, für die man in den grossen europäischen Literaturen kein Vorbild und kein Seitenstück findet, wie die weltbürgerlich angehauchte Haökala, wie der chassidische Mystizismus, wie der Krochmal'sche Kritizismus, wie der jüngste zionistische Nationalismus. Slouschz gibt von zahlreichen Lyrikern und Erzählern kürzere und längere Proben. Sie enttäuschen meist nach den Ausdrücken hohen Lobes, die ihnen vorausgeschickt werden. Vielleicht ist die Auswahl, vielleicht die Uebersetzung daran schuld; vielleicht haben die angefürteu Stellen wirklich nur einen formalen, in der sprachlichen Einkleidung liegenden Reiz. Doch das verschlägt nichts. Selbst wenn die neuhebräische Dichtung noch keine Meisterwerke hervorgebracht haben sollte, die den Vergleich mit den besten Schöpfungen der westeuropäischen Literaturen aushalten können, hat doch schon die Tatsache eine ungeheure Bedeutung, dass eine uralt ehrwürdige Sprache sich genügend verjüngt und weiterentwickelt hat, um das Modernste an Denken und Fühlen in den allerfeinsten Abschattungen ohne Zögern, Unklarheit und Trockenheit ausdrücken zu können, dass sie von Hunderten Talenten auf den verschiedensten Gebieten mit gewaltiger Energie gepflegt wird, dass sie Millionen bildungs- und aufklärungsdurstigen Menschen die einzige Geistesnahrung und das einzige Labsal darbietet und dass sie einer Literatur das Dasein gegeben hat, in der alle Geistesschlachten der Zeit mit wütender Leidenschaftlichkeit geschlagen werden. Die folgerichtigste, aber deshalb doch fesselndste Eigentümlichkeit dieses Schrifttums ist sein entschlossen zionistischer Charakter. Das kann nicht anders sein. Weshalb sollte denn ein Schriftsteller hebräisch schreiben, weshalb sollte er denn sein Talent und seine Lebensarbeit daran setzen, einer zur Zeit nirgendwo als etwa in einigen Dutzend palästinensischer Familien von denKindern als einzige Muttersprache gesprochenen Zunge eine neue, lange Zukunft zu sichern, wenn er nicht den Wunsch und die Hoffnung hätte, das jüdische Volk im eigenen Lande mit eigener Sprache und Kultur wiedererstehen zu sehen? Der Zionismus ist