Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Article
- Paris
- Date
- 1903-04-24
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 ,vI?k <r Hr. n der Präsident der Universife Populaire Juive das Wort zu folgenden Ausführungen: %Ich bin glücklich, heute abends in unserer Mitte unseren ausgezeichneten Führer begrüssen zu können. Ihr alle kennt ihn, sein Name ist mit goldenen Lettern in die Geschichte unseres Volkes eingeschrieben. Wohl war es nicht er, der uns unser Ideal geschaffen hat, aber er war es, der uns die Mittel zeigte, es zu erreichen. Er hat uns gezeigt, dass wir, um zu siegen, vor allem unsere Kräfte vereinen müssen. Durch die Einigkeit, durch die Disziplin, dieHerzl geschaffen hat und deren schönstes Beispiel der eminente Mann ist, den Ihr soeben gehört habt, werden wir beweisen, dass das Volk der Makkabäer kein Sklavenvolk ist und dass wir Kraft genug haben, um das Werk, welches wir unternommen haben, zu realisieren." Hierauf erhob sich Doktor H e r z 1, um zu sprechen. Ein Donner von Applaus begrüsste ihn. „Ich danke dem Zufall*, sagte er, „der mich hierher geführt hat. Ich habe nicht die Absicht, heute Abend vor Ihnen zu sprechen, ich will Ihnen aber dennoch meine Dankbarkeit für den mir zuteil gewordenen Empfang aussprechen. Ich benütze gleichzeitig die Gelegenheit, urn N o r d a u zu begrüssen, diesen grossen Mann, der alle unsere Prinzipien angenommen hat und ihnen immer treu ist. Alle seine Handlungen sind durch die Disziplin inspiriert und keine Rücksicht hält ihn ab, wenn er seine Pflicht zu erfüllen hat. Kein böswilliger Angriff kann den t reffen, der sein ganzes Herz und seine ganze Tätigkeit unserer grossenSache gewidmet hat." Paris, 22. April. (Die Wiederaufnahme des Prozesses Dreyfus.) Am gestrigen Tage hat Alfred Dreyfus sein Gesuch um Revision des Rennenser Prozesses offiziell eingebracht. Er richtete es an den Kriegsminister als obersten Chef der Militärjustiz. Dreyfus begleitete sein Gesuch mit folgenden Zeilen: „Das Gesetz vom 17. Dezember 1900 hat mich auf meine Bitte von der Amnestie ausgeschlossen. Und diese Ausnahme wurde ausdrücklich damit begründet, dass man für mein Verlangen nach Rehabilitation die Türen des Kassationshofes offen halten wolle. Ich erlaube mir, um die Einleitung einer Untersuchung über die folgenden, hier auseinandergesetzten Tatsachen zu bitten." — In einer sehr ausführlichen Darstellung fasst Alfred Dreyfus die Tatsachen zusammen, welche ihm sein Verlangen nach Revision des Rennenser Urteils zu begründen scheinen. Dreifus schliesst seine Eingabe folgendermassen: „Als Opfer verbrecherischer Manöver und einer zweimal gegen mich begangenen Verletzung des Gesetzes wende ich mich voll Vertrauen an das Oberhaupt der Militärjustiz, und indem ich mich auf die neue Tatsache, welche durch Herrn Feriet de Bourbonne enthüllt worden ist, und auf die definitiv bewiesene Existenz des angeblichen Bordereaus mit angeblichen Randbemerkungen des deutschen Kaisers stütze, bitte ich Sie, eine Untersuchung über nachstehende Tatsachen anordnen zu wollen. 1. Ueber den Gebrauch, welcher von diesem falschen Dokumente in Rennes gemacht wurde, und die Konsequenzen, welche es für den Richterspruch von Rennes am 9. September 1899 gehabt hat; 2. über den lügnerischen und betrügerischen Cha- ' rakter der Aussage von Cernuschi vor dem Kriegsgerichte in Rennes. Alfred Dreyfus." Nun muss eine Erledigung dieses Gesuches in formeller Weise erfolgen. Es ist nicht zweifelhaft, dass Kriegsminister General Andre eine Untersuchung einleiten wird. Von dem Resultate derselben werden weitere EntSchliessungen der^Regierung abhängen. .„N. Fr. Pr." Algier. Nach seiner Ankunft in Algier empfing der Präsident der französischen Republik Loubet unter den Vertretern der hohen Beamtenschaft und des Klerus auch den Grand-Rabbin von Algier, der dem Präsidenten im Namen der jüdischen Gemeinde ihre Anhänglichkeit und Liebe zur Republik, der sie ihre Emanzipation zu verdanken habe, kundgab. Präsident Loubet sagte in seiner Antwort, dass die .Gemeinde von Algier mehr Sympathie als alle anderen verdiene, und dass sie am meisten Grund habe, der Republik treu und anhänglich zu sein." Beim Bankett, das dem Präsidenten zu Ehren veranstaltet wurde, hielt dieser eine Rede, in welcher er die Geschicke Algiers mit der blauen See, die seine Küsten umspült, verglich. Es habe sturmbewegte Zeiten gegeben, es werde aber noch die Sonne der Freiheit, Gerechtigkeit und Eintracht über Algier scheinen. Er bekräftigte die Hoffnungen auf bessere Zeiten Russland.. Petersburg Der Oberstaatsanwalt des Odessaer Gerichtshofes und der Untersuchungsrichter derChersoner Gerichtskammer haben sich dieser Tage neuerdings nach dem Städtchen Dubossary begeben, um offiziell der christlichen Bevölkerung mitzuteilen, dass alle Gerüchte, welche anlässlich der Ermordung des Chiistenknaben Rybalenko ausgesprengt wurden, böswillige Erfindungen seien, welche Feinde der Wahrheit und der Gerechtigkeit ersonnen haben, um Vorteil daraus zu ziehen. Diese Massnahmen wurden ergriffen, weil zur Kenntnis der Behörden die Mitteilung gelangte, dass die christliche Bevölkerung am russischen Osterfeste die Juden von Dubossary zu massakrieren beschlossen hätte. Auch von militärischer Seite wurden Massnahmen ergriffen, um die Ruhe zu erhalten. Warschau. Wie der halbamtliche „Warschawskij Dnewnik* meldet, hat der General-Gouverneur von Warschau das Gesuch der Warschauer Juden, die Gründung eines „Hilfs Vereines für arme Juden* zu gestatten, abschlägig beschieden. Die Petenten hatten die Absicht, mit Rücksicht auf die immer zunehmende Armut der Juden einen Verein zu gründen, welcher das Recht hätte, Volksküchen, Teehailen. billige Wohnungen, Nacht* asyle, Arbeiterhäuser, unentgeltliche Handwerker-Schulen, Spitäler und noch viele andere Wohlfahrts-Einrichtungen zu gründen und zu eröffnen* Dieses Gesuch wurde nun zurückgewiesen . . , Kiew. Die „Kiewskoje Slowo" gibt eine Verordnung des Polizeimeisters von Kiew wieder, wonach die Polizeibeamten die Wohnungen der in Kiew lebenden jüdischen Handwerker zu jeder Tages- und Nachtzeit besuchen dürfen, um nach den Juden zu fahnden, welche ohne Wohnrecht bei ihren Glaubensgenossen Unterkunft finden. Gleichzeitig besagt die Verordnung, dass jene jüdischen Handwerker, welche Juden Unterkunft gewähren, die das Wohnrecht in Kiew nicht besitzen, bei der Behörde angezeigt werden müssen, damit sie diese Juden in das Niederlassungsgebiet ausweise. Die Polizeikommissäre werden für die Gewährung von Unterkunft an rechtlose Juden verantwortlich gemacht. Gt. Odessa. Die Odessaer zionististische Organisation wählte eine, aus den Herren : Dr„ J. B. S a p i r, Ingenieur A. B en j a min und stud. Leibson bestehende Deputation, um dem im russischen Reiche berühmten und hochangesehenen Chirurgen Prof. Sapeschko für seine menschenfreundliche und uneigennützige Behandlung des verstorbenen Jakob Goldstein, in ihrem Namen zu danken. Die Deputierten kamen auf den Zionismus zu sprechen und der Herr Professor meinte, unter anderem Folgendes*): „Wenn ich ein Jude wäre, wäre ich Zionist, denn diese edle und erhabene Bewegung ist der einzige Ausweg zur Lösung der Judenfrage und wird viel zur Hebung des sittlichen Niveaus der Juden beitragen. Der edelste und erhabenste Mensch muss naturgemäss viel von seiner Sittlichkeit einbüssen, sobald er in Kampfbedingungen versetzt wird, sei es selbst Virchow, Pasteur oder Luther. Auf meinen Reisen durch Europa habe ich gesehen, wie viel die Juden überall zu kämpfen haben und kein Wunder, dass heute ihre Sittlichkeit niedriger ist wie sie unter normalen Bedingungen hätte sein können. Deshalb sage ich edle und erhabene Bewegung, denn sie führt Menschen aus Kampfbedingungen in normale zurück, wodurch sie unbedingt sittlich und moralisch gehoben werden. Die Juden müssen ein besonderes individuelles Leben führen und nipht wie Moos auf anderen Bäumen, von denen es seine Nahrung zieht, leben. Jedes Volk muss sich frei entwickeln, es ist einem Baume gleich, welches seinen eigenen Stamm, seine e i g e n e Wurzel, seine Zweige und seine Blätter haben muss. Herr Dr. Sapir lenkte das Gespräch auf die Fruchtbarkeit Palästinas und da meinte Sapeschko: O! mit Hilfe der neuesten Errungenschaften der Technik könnten die Juden es zum Erdenparadies machen; denken sie doch daran, dass die Juden, zur Zeit Moses, von der fruchtbaren Nilebene kommend, erstaunt über die Fruchtbarkeit dieses Landes waren. Herr stud. Leibson lenkte das Gespräch auf die Verwirklichung des Zionismus und da meinte S ap e s chk o : Es wird sicherlich den Juden schwer fallen, in der ersten Zeit wenigstens, sich der Landwirtschaft anzupassen, aber mit dem Ziel vor Augen wird es wohl gelingen. Wissen Sie, weshalb es Moses gelang, das zionistische Ideal zu verwirklichen? Weil er energisch arbeitete und fest daran glaubte. Das jüdische Volk hat Vermögen, Kraft, Energie, eine hochstehende Kultur und weshalb soll es denn diesem Moses im Plural bei energischer Arbeit und festem Glauben nicht gelingen? Glaubet und ihr werdet siegen! Dr. J. Sapir. *) Sapeschko wusste, dass seine Worte für die Presse bestimmt sind. Die Deputation,