Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Article
- Jüdische Orient-Colonisations-Gesellschaft
- Date
- 1903-04-24
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt'? Nr. 17 dem Kampfe ums Dasein unter den veränderten Verhältnissen nicht gewachsen sind. Um diesem Uebel zu steuern, hat sich eine Jüdische Orient- Kolonisations-Gesellschaft (eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung) mit dem Sitze der Zentrale in Berlin gebildet, die es sich zur Aufgabe macht, durch eine wohigeleitete Kolonisationstätigkeit jüdischen Auswanderern zur dauernden Selbständigkeit unter gesunden sozialen Verhältnissen zu verhelfen. Der Gegenstand des Unternehmens ist: Genossenschaftlicher Landwirtschaftsbetrieb im Orient**), in Verbindung mit industrieller und kommerzieller Verwertung landwirtschaftlicher Produkte. Hauptsächlich ist intensive Landwirtschaft in Aussicht genommen, besonders Baumzucht, Seiden- und Tabakbau, Gemüsekultur, Geflügelzucht etc. Um jedem Gelegenheit zu geben, sich an diesem Kolonisationswerke grossen Stiles zu beteiligen, ist die Höhe des Geschäftsanteiles auf 100 Mark festgesetzt worden, welche auch in monatlichen Raten von mindestens zwei Mark eingezahlt werden können. (Jeder Genosse kann bis zu 100 Anteilen erwerben.) Hauptzweck der Gesellschaft ist die Anwendung einer namentlich in Kalifornien häufig mit glänzendem Erfolge durchgeführten Methode der Kolonisation, die darin besteht, dass eine Anzahl städtischer Arbeiter und Gewerbetreibender, die beabsichtigen, zu einem späteren Zeitpunkte auszuwandern, mittelst kleiner Ratenzahlungen Kapital aufbringt und eine käuflich erworbene oder in Erbpacht genommene Fläche Landes durch besoldete Arbeiter, die ebenfalls Genossen sein dürfen, mit Fruchtbäumen oder gartenmässig bepflanzen lässt. Sobald die Anpflanzungen zu ihrem vollen Ertrage gekommen sind, siedeln die Genossen auf die Kolonie über, beziehen die dort errichteten Häuser und verteilen das Fruchtland nach irgend einem verabredeten Modus untereinander. Der ungeheure Vorteil dieser Methode im Vergleich mit einer überstürzten Massenansiedlung liegt darin, dass erstens keine wirtschaftliche Existenz auf eine neue Grundlage gestellt wird, ehe diese unerschütterlich aufgebaut ist; und — zweitens: dass die schweren, groben Arbeiten der ersten Pflanzungszeit von daran gewöhnten Feldarbeitern vollzogen werden, während dem 'späteren Ansiedler nur die viel leichteren Arbeiten der Pflege und Ernte zufallen, denen auch der muskelschwache und ungeübte städtische Handwerker ohne weiteres gewachsen ist. Da die Kolonisation der osteuropäischen Judenschaft es im wesentlichen mit derartigen, körperlich oder doch landwirtschaftlich wenig leistungsfähigen, städtischen Elementen zu tun hat, so ist diese Methode der Kolonisation sicherlich die vorteilhafteste, wenn nicht die einzig mögliche. Das Endziel der Kolonisation ist, das gesamte Landgut einer aus den daselbst angesiedelten Kolonisten und Arbeitern zusammengeschlossenen eigentlichen Siedelungsgenossenschaft käuflich zu einem niedrigen Preise und günstigen Zahlungsbedingungen zu "übertragen, um einerseits den Ansiedlern das volle Eigentumsrecht zu gewähren, und andererseits die vorgeschossenen Kapitalien der Orient-Kolonisations-Gesellschaft für Anlegung weiterer Kolonien frei zu bekommen, die dann immer grösseren Massen von Juden Nahrung und Selbständigkeit gewähren sollen. * Bis die Siedelungs-Genossenschaft sich gebildet und das Landgut von der Gesellschaft käuflich erworben hat, soll der Bruttogewinn des Unternehmens folgendermassen verteilt werden: 1. werden die notwendigen Amortisationen und Abschreibungen vorzunehmen sein; 2. die Geschäftsguthaben der Genossenschaftler erhalten 4 Prozent Jahreszinsen, zahlbar in von der Generalversammlung zu bestimmenden Terminen***); 3. von dem nach diesen Abzügen übrig bleibenden Reingewinn des Betriebes gelangen 50 Prozent als Kapitalsdividende — berechnet auf die Geschäftsgilthaben — zur Auszahlung; 4. die zweiten 50 Prozent des Reingewinnes kommen — im Verhältnis der ausgezahlten Arbeitslöhne — den Arbeitern zugute. Durch eine solche Vorbereitung von Heimstätten, die im Laufe eine.r Reihe von Jahren in einen fruchttragenden Zustand **) Unter Orient ist hier Palästina und seine Nachbarländer zu verstehen; bei der Entscheidung, wo der Anfang zu bewerkstelligen sei, soll Palästina bei gleichen oder auch nur annähernd ähnlichen Verhältnissen der Vorzug gegeben werden. ***) Sollte der Gewinn eines Jahres nicht hinreichen, um die Kapitaldividende von 4 Prozent zu erreichen, so ist der Minderbetrag aus dem Gewinn des resp. der nächsten Jahre nachzuzahlen. versetzt und mit Häusern und allem sonst Nötigen versehen werden, ergibt sich — schon vom ersten Anfang an — eine sichere und lohnende Arbeitsgelegenheit für jüdische Arbeiter, und zwar sowohl für landwirtschaftlich vorgebildete, wie auch für ungelernte Arbeitskräfte. Es ist ja bekannt, dass nicht zum wenigsten in Palästina selbst die bisherigen Kolonien resp. die bisherige Kolonisationsweise nicht einmal den dort seit Jahren ansässigen und eingewöhnten Tagelöhnern genügend Arbeitsgelegenheit gewährt, so dass diese zum wertvollsten Teile unseres Kolonistei^-Materiales gehörigen Elemente — besonders in den letzten Jahren — zur Auswanderung aus Palästina und zum Suchen neuer Erwerbsmöglichkeiten in Australien, Kanada, Argentinien und den Vereinigten Staaten gezwungen wurden. Diesen Taglöhnern, die sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Palästina nicht halten können,, soll in allererster Linie Gelegenheit geboten werden, in ihrem Berufe und in Palästina oder doch seinen unmittelbarsten Nachbargebieten zu bleiben. — Aber auch von dem grossen Strome der Auswanderung aus dem Osten Europas, der sich heute nach den fernsten Ländern ergiesst, die noch dazu schon jetzt beginnen, sich der jüdischen Einwanderung zu verschliessen — von diesem grossen Strom soll zunächst wenigstens ein kleiner Teil nach dem Orient und in gesunde Verhältnisse abgelenkt werden. Wenn unsere Bestrebungen die erforderliche Unterstützung finden, so ist es sehr wohl möglich — und dies ist ja eine der leitenden Ideen bei unserem Unternehmen — dass unser Kolonisationswerk bald grossen Massen von Juden Brot geben wird, und zwar Brot im weitesten Sinne des Wortes. Denn es ist ja nicht die Absicht dieser jüdischen Kolonisations-Gesellschaft, durch Bewirtschaftung von Land im Orient rein geschäftliche Ziele zu verfolgen: wir wollen — wenn auch auf durchaus geschäftlicher Basis und mittels geschäftlicher Methoden — wirtschaftlich schwachen oder verfolgten Juden durch Gewährung von Arbeitsmöglichkeit den Weg zur Selbständigkeit ebnen. DER VORSTAND: DER AUFSICHTSRAT: Louis Brisch Dr, Franz Oppenheimer (Geschäftsführer), (Vorsitzender), Davis Trietsch, C. Posnanski, Ludwig Behr, R. Schimmer. Anmeldungen und Zuschriften erbeten unter der Adresse: „Jüdische Orient-Kolonisations-Geselischaft, e. G. m. b. H.4\ Berlin SW- 47, Grossbeerenstrasse 75. ^pibiioe* Anregung für den Nationalfonds. Wien, 20. April 1903. Löbliche Redaktion! Ich bitte nachstehendes unter der Rubrik „ Anregung für den Nationalfonds" in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen. Da in vielen zionistischen Vereinsbibliotheken für die Entlehnung von Büchern kleine Leihgebühr eingehoben wird, möchte ich folgenden Vorschlag machen: Der Bibliothekar soll immer im Besitze von Nationalfondsmarken sein und der Enfclehner eines Buches muss für jedes Werk, welches er ausleiht, eine Nationalfondsmarke kaufen. Dieselbe soll, um sie wertlos zu machen, an der Deckelseite oder an irgendeiner anderen Stelle des Buches aufgeklebt werden. Solcherart kann man nach einer gewissen Zeit aus der Anzahl der in den einzelnen Büchern befindlichen Marken erkennen, welches Buch am meisten gelesen wurde. Ich hoffe, dass meine Anregung auf fruchtbaren Boden fallen wird und möchte am Schlüsse noch vorschlagen, alle an dieser Stelle bereits veröffentlichten Anregungen in einer Agitationsbroschüre zusammenzufassen, damit dieselben nicht in Vergessenheit geraten. Mit Zionsgruss und Hochachtung ♦lan p W: Aufruf. An die jüdische Jugend! Nathan Bardaeh ist tot. Einer vom Schlage jener idealen „ßilu"-Jünglinge hat ausgerungen, ein Kämpfer¬ und Märtyrerherz hat zu schlagen aufgehört. Doch seine heisse Liebe zum jüdischen Volke, seine feste Hoffnung auf die Zukunft seiner Nation, sein ebenso edler, als starker Wille, an der Renaissance des Judentumes tätig mitzuwirken., sein erhabener Idealismus dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Zeitlebens schlicht und bescheiden, die Oeffentlieh-