Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Article
- Neue Massregeln gegen die russischen Juden
- Date
- 1903-04-24
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316038-3331653--39586-3331810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 17 „Die $ Welt" Seite 3 so muss zuerst die Hauptfrage, die des Wohin-echt-es der Juden, gelöst werden. Was nun das Wesen der neuen Gesetzesyorlage betrifft, so muss gesagt werden, das« keine Erwägungen lie Schaffung eines Gesetzes rechtfertigen können, welck&s durch seine schweren Beschränkungen der Rechte der Junten grossen ökonomischen Schaden yielen Millionen Untertanen des russischen Reiches nicll nur jüdischen, sondern auch christlichen Glaubens anfügen wird. Ausserdem wird das Gesetz auch ungünstige politische Folgen lua-ch sich ziehen, indem es die Unzufriedenheit der von ihm betroffenen breiten Schichten der Bevölkerung erhöhen wird, mmsomehr, als die neue Gesetzesvorlage sogar nicht zurückschreckt, die von den Juden auf gesetzlichem Wege bereits erworbenen Rechte auf Immobilien zu verni chten. Um dis kaiserlichen Befehle zu erfüllen, welche sich alsRandglossen auf den. Berichten der Gouverneure von Smolensk, Pskow und Nowgorod befinden, soll man dem Juden künftighin doi Erwerb von Immobilien ausserhalb den Städten in dem inneren Gouvernements kategorisch verbieten, ohne die von ihnen bereits erworbenen Eigentumsrechte zu tangieren, gleichzeitig aber die Durchsteht der beschränkenden Bestimmungen vom 3. Mai 1882 a»Tegen? wodurch die Rechte der Juden im Niederlassungs gebiete so eingeschränkt wurden, dass der Drang der Judem nach den inneren <5ouvernements als Folge dieser Einschränkungen betraüntet werden muss.B Der Minister des Innern, Staatssekretär von Pl^hwe, fährte unter anderem folgendes aus: „Der ökonomische Nutzen, welchen die Juden unserem Vaterlande bringen, ist zu bezweifeln, Ich bin aber davon überzeugt, dass dieeTätigkeit der Judea in alle Sphären unseres staatlichen und gesellschaftlichem Lebens Grundsätze trägt, welche sclädiich sind. Ich bin deshalb nicht für die Erleichterung d«r Lage der Juden, doch in der Wahl der Beschränkungen der Judenrechte muss man sehr vorsichtig sein, denn in «inigen Fällen schaffe» diese Beschränkungen neue Unbequemlichkeiten in unserem Staatsleben. So haben die beschrankenden Bestimmungen vom 3. Mai 1882, weiche für das jüdische Niederlassungjsgebiet geschaffen wurden, dazu geführt, dass die jüdische Bevölkerung, in den Städten zusammengepfercht, keinen Lebensunterhalt hat; die zu Bettlern gewordenen Juden, welche unter antisanitären Bedingungen leben, bilden ©ine Gefahr für die Volksgesundheit and für die öffentliche Ordnung, während die ohne Aufsicht heranwachsende jüdische Jugen# ein Material bildet, das stets bereits ist, reTolutionäre Ideen aufzunehmen und »n den anti-gouverneinentalen Bewegungen teilzunehmen, Neue Einschränkungen und Beschränkungen könnten diese Lage noch verschlechtern, während die zu erhoffenden praktischen Ergebnisse, angesichts der Taktik der Juden, lie Gesetze umgehensu können, nicht so rasch eintreten v erden." Die Konunission fasste endlich den Beschluss, „den Juden ausserhalb der Grenzen des Niederlassungsgebietes die Erwerbung von Eigentumsrechten, den Besitz ue<L Pacht von Immobilien, welche sich ausserhalb der Stääfte befinden, bedingungslos zu untersagen und den Vollzug derartiger öffentlicher Akte einzustellen." Um jedoeh den Juden die Möglichkeit zu n ehmen, dieses Verbot durch Umgehung der Gesetze nicht -einzuhalten, wurde fceschlossen, Jufien, welcheRechte auf de» Besitz von Immobilien auf ungesetzlichem Wege oder mittelst fiktiver Dokumente erwerben, der administrativen Verbannung zu unterwerfen. Die Kommission erklärte sogar, dass d«ej Minister des Innern auf solche Junten die Wirkung de& Gesetzes vom 7. Dezember 1895 ausdehnen möge, wonacti Personen, welche die ö ff ent Liehe Ruhe gefährden, der Verschickung umterliegen. Alle diese Beschlüsse, welche i einstimmig gefasst wurden, harren jetzt der Sanktion der Zars. Gt. Ein neuer Brief Zangv/ills über die ICA. Auf den den Lesern der „Welt" schon bekannten Brief Zaagwills in der „Times" über die Millionen des Baron Eirsch erfolgte eine Antwort seitens Mr\ Luden Wolfs, Mitglied der ,Icatf in der er unter anderem die Bemerkung macht, dass die zionistischen Bestrebungen nicht verdienten, dass die Manner der „Ica* auf sie ernst eingingen. Als Entgegnung darauf folgte nun ein zweiter Eiief Mr. Zangwillsim der „Times" vom 17. April, den wir wörtlich wiedergeben: Mit Bezug auf deh Brief Kr. Lucien Wo Ifs, der am 11. in Ihrem Blatte („Times") erschienen ist, möchte ich ihm die interessante Nachricht mitteilten, dass meine Kritik, die ich letztens in Ihrem Blatte an dem Hirsch-Komitee geübt habe, ihre Wirkung darin hatte, dass die Punkte der vorgeschlagenen Parlamentsakte, gegen die ich am meisten losgegangen bin, schleunigst zurückgezogen wurden. Die Bill selbst aber, die die Legalisierung seiner (des Hirsch- Komitees} zweifelhaften Stellung -zum Ziele hat, ist auch die Folge meiner früheren Kritik. Soout ist aber die Ablenkung der Millionen von ihrer eigentlichen kolonisatorischen Funktion abgewehrt, obwohl sich, wie ich weiss, der BiLl gegenüber noch zwei Philanthropen — nicht Zionisten — gegnerisch verhalten. Das nachlässige Hinziehen der Bill, zusammen mit der kostspieligen und beschwerlichem Art und Weise, wie die Assoziation sie durchsetzen will, bezeugt auts neue die Unfähigkeit des Komitees, sein herkulisches Problem zu lösen. Und fürwahr, ein akademischer Rat, der dem jüdischen Geiühle feindlich ist, der einmal monatlieh zusammentritt und bloss von bezahlten Beamten unterrichtet wird, hat keine Hoffnung, etwas zu vollführen, besonders wenn beinahe 230 Institutionen zu sutsidieren sind. Indem ich ihnen die- Konzentration in Palästina, oder schliesslich in einem an deren Lande, die Lenkiuig ihrer Millionen zu der motorischen Kraft des Volksentliusiasmus rate, weise ich ihnen nach meinem besten Glauben und zum besten Erfolge der Sache, die ihnen doch wahrlich am Herzen liegt, die einzige Möglichkeit der erfolgreichen Kolonisation. Es zeugt von einem eigentümlichen verdrehten und spiessbürgerlichen Standpunkt, wenn man einen Zionisten für diesen Rat, das Geld auf solche Weise zu gebrauchen, des Hasses, Neides und solcher Lieblosigkeiten mehr beschuldigt Als ob der Zionismus nicht dieselbe Aufgabe, für deren Lösung die Millionen Hirsch* — wenn auch leider vergeblich —, existieren, zu lösen, sich bemühte! Mr. Lucien Wolf stellt unsere Sterilität den Taten des Hirsch-Komitees entgegen, Ich behaupte, diese Substantive müssten umgestellt werden, aber jedenfalls vergisst ezr merkwürdigerweise, dass die Komitees mit neun Millionen zu arbeiten begannen, die Zionismen aber ohne einen Etiler. Hätten die Hirsch- Komitees vor sieben Jahren begonnen, ein zentralisiertes jüdisches Heim für die unglüeldichen Wanderer unseres Stammes vorzubereiten, so wäre London heutzutage eine fremdenfeindliche Agitation erspart Mr. Lucien Wolf fragt, indem er die Komitees gegen die Anklage, dass sie ihre Pflicht durch ihre Unkenntnis der zionissiischen Bewegung vernachlässigen, zu verteidigen sucht: „Was ist denn in der Tätigkeit der Zionisten, das ihre Neugier erwecken sollte?u Er könnte die Antwort darauf finden in einem trefflichen Artikel über den Zionismus in der „Encyclopedia ßritannica* aus der Feder Mr. Lucien Wo lfs: »Die zionistische Bewegung ist heute die grösste Volksbewegung, die die jüdische Geschichte je gekannt hat.* Jüdische Orient-Colonisalions Gesellschaft ) (Scha'are Ziion). PROSPEKT. Die sich stets verschlimmernien politischen und ökonomischen Verhältnisse gerade in denjenigen Ländern, in denen die Hauptmasse der Juden ansässig ist, zwingen eine von Jahr zu Jahr steinende Anzahl zur Auswanderung. Zu Zehntausenden zerstreuen sie sich plan- und ziellos nach allen Windrichtungen und gehen nicht nur zum grössten Teil dem Ju.ndentum verloren, sondern verfallen auch im neuen Lande der alten Not, da sie *) D«em Wunsche unseres geelirten Freundes Dr. Franz 0 pvp e n J e i m e r entsprechend, veröffentlichen wir einen Auszug aus dem Prospekte eintr jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschaft, die, wenn auch ein Privat-Untern ehmen, doch für uns Zionisten von unleugbarem Interesse ist. Die Redaktion.