Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Article
- Die Alliance israélite universelle
- Date
- 1903-04-24
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2;,Die # Wel# Ä^:^ zösisehem. zu produzieren, dazu sollten sich doch die Angehörigen und Leiter der Alliance zu gut sein. Wie es übrigens mit dem Sehulwerke der Alliance aussieht, darüber macht Herr D. Haym (Caiffa) im letzten Hefte der Zeitschrift „Palästina" einige treffende Bemerkungen. Wir wollen ein paar charakteristische Sätze herausheben. Herr D. Haym sehreibt über Mikweh- Israel, die landwirtschaftliche Schule von Jaffa, deren Name jetzt förmlich eine Provokation bedeutet, sowie über die zwei anderen landwirtschaftlichen Schulen folgendes: „Im Jahie 1901 hatte Mikweh-Israel gegen 130 000 Pres. Defizit, Djedeida 104 000 Frcs. Eechnet man Or-Jehuda dazu, so beträgt die Totalziffer des Defizits sicherlich 300 000 Pres. Diese drei landwirtschaftlichen Schulen haben zusammen ungefähr 350 Schüler. Die Ausgaben betragen mehr als die Hälfte der Summe, welche die 109 von der Alliance unterhaltenen oder subventionierten Primärschulen mit 29 000 Schülern erfordern. Or-Jehuda wird vielleicht direkt von der „Ica" administriert. Aber das ändert nichts an unserer Behauptung, da die „Ica" doch auch die Defizite von Mikweh-Israel und Djedeida unter einer oder der anderen Porm deckt. Dabei stammen auch ohne Zweifel, wenn nicht ganz, so doch zum grossen Teile, die 287 000 Pres., welche unter den Einnahmen der finanziellen Berichterstattung in 'der Rubrik: „Subventionen der „Ica" verzeichnet sind. Man wird uns beistimmen, dass diese Ziffern keine geringfügigen sind: zwei Millionen Francs gemachter Auslagen; 500 durch Mikweh-Israel allein für die Landwirtschaft ausgebildete oder auszubildende Schüler: für alle dr™ Schulen ein jährliches Budget oder vielmehr Defizit von 300 000 Pres." '"" [ ' 1 J "Und er resümiert an einer anderen Stelle: „Eine Landwirtschaftsschule, die eher alles andere hervorbringt — Heine Beamte, kleine Angestellte, Kolporteure usw. — als Landwirte! Wie könnte es auch anders sein? Man wiederholt den Schülern in allen Tonarten, dass sie dazu bestimmt sind, den Stamm der Kolonien aufrecht zu erhalten, dass man darauf rechnet, sie das von der „Ica" ins Leben gerufene Werk heben und neu beleben zu sehen u. dergl. m. Ist es klug, auf diese Weise krankhaften Ehrgeiz zu entfachen, Ansprüche zu erwecken, die keine Befriedigung finden werden? Kann man unter diesen Umständen wirkliche Landwirte, die den Boden und ihr Handwerk lieben, heranbilden?"" Was soll man da zu den schönen Phrasen des Aufrufes der Alliance sagen? Ist der Glaube an ihr W«rk eitel Selbsttäuschung? Wissen ihre Leiter um alle diese Dinge und wagen sie es trotzdem, von ihren Erfolgen zu sprechen? Oder sind sie selber die Getäuschten, sie, denen eine so grosse, für unser ganzes Volk so wichtige Aufgabe obliegt? Wenn die Verhältnisse so liegen, dann ist es nur zu bedauern, wenn jüdische Wohltäter sieh der Hilfe der Alliance zur Ausführung ihrer Pläne bedient haben. Dann wird es auch verständlich, wenn die Alliance des universellen Charakters, dessen sie sich in ihrem Aufrufe rühmt, immer mehr verlustig wird. Dann wird ihren Niedergang weder der Präsident der Anglo Jewish Association, noch derjenige der Israelitischen Allianz zu Wien, die besonders erwähnt werden, aufhalten können. '] Mit einem Jahreseinkommen von anderthalb Millionen Francs in solcher unqualifizierbarer Weise zu wirtschaften, ist einfach eine Missachtung des ganzen jüdischen Volkes, wenn, es nichts Schlimmeres ist. Darum' können wir der kommenden Generalversammlung, die wahrscheinlich wieder nichts anderes sein, wird, als eine leere Formalität, verbrämt durch etwelche Lobsprüche, die sich die Herren Leiter gegenseitig ins G-esicht werfen, nur mit grösster Beunruhigung entgegensehen. Die Alliance, diese Gründung hochherziger, für ihr Volk begeisterter, an seine Zulninft glaubender Männer, droht gänzlich zu entarten. Nur eine Bettung ist denkbar. Rückkehr zu den jüdischen Traditionen Crernieux' und Wetters! Leute an die Spitze, die ganz und voll für ihr Volk einzustehen gewillt sind. Erlösung des jüdischen Volksgedankens aus den Fesseln, in die ihn die Alliance in ihren Schulen geschlagen und vor allem: schleunigste Entfernung aller derjenigen, die nicht begreifen wollen, dass die Alli&nci dem Judentümezu dienen hat, und zwar dem offenen, selbstbewussten, zukunftsfrohen und zukunftsgläubigen Judentumle. Neue Massregeln gegen die russischen Juden. In Petersburg tagt bekanntlich seit geraumer Zeit eine vom Zar eingesetzte Kommission zur Ausarbeitung von Massnahmen zur Beschränkung der Rechte der Juden, Immobilien im Eeiche erwerben zu dürfen. Wir sind in der Lage, aus dem Protokolle der Kommission über die in den Kommissionssitzungen gepflogenen Beratungen die nachstehenden Auszüge machen zu können, welche die Lage unserer Volksgenossen grell beleuchten. Hervorgerufen durch die Berichte der Gouverneure von Smolensk, Pskow und Nowgorod an den Zar, in denen die Juden in unverzeihlicher Weise angeschwärzt wurde», trug sich die vom Zar eingesetzte Kommission mit dem Plane, den Juden das Recht auf Erwerb von Immobilien im Reiche völlig zu entziehen, diesem Verbote aber auch rückwirkende Kraft zu verleihen. Die Beratungen der Kommission nahmen folgenden Verlauf.: Finanzminister Wit te sagte unter anderem folgendes: „Die unserer Beratung vorliegende neue Gesetzvorlage, welche anstrebt, die ganze Tätigkeit der Juden, welche die Landwirtschaft berührt, äusserst tief und allseitig zu umfassen, ruft durch ihre unklare Redaktion Zweifel hervor. Eine genaue Grenze zwischen den den Juden erlaubten und verbotenen Beschäftigungen hat die Gesetzvorlage nicht geführt. Die den Juden auferlegte Notwendigkeit, Kaufund Pachtung von Immobilien ausserhalb den Städten erst nach eingeholter Erlaubnis der administrativen Gewalt vollziehen zu dürfen, bringt die Verwirklichung der Bürgerrechts in Abhängigkeit von dem Gutdünken einzelner Gouverneure, welche sich in ihren Entscheidungen entweder von ihren persönlichenAnsichten über dieJuden oder von denAnsichten der Polizei werden leiten lassen, was jedenfalls einen unsicheren Zustand schaffen würde. Einen wesentlichen Fehler der Gesetzvorlage bildet aber die Tatsache, dass man das Recht auf Erwerb von Immobilien, sogar das bereits erworbene Recht auf unbewegliches Gut von dem Wohnrechte der Juden in der Ortschaft, wo die Immobilien sich befinden, abhängig macht, während doch dieses Wohnrecht selbst unter der gegenwärtigen Gesetzgebung und unter den beständig schwankenden Entscheidungen des Senates nur für Juden gilt, welche sich vor dem 3. Mai 1882 in den Dörfern niedergelassen oder einen akademischen Grad erworben oder im russischen Heere zur Zeit Nikolaus L gedient haben, d. h. für Personen, welche an dem Handelsindustriellen Leben des Landes wenig teilnehmen. Die Wohnrechte aller anderen Juden der priviligiertenKategorien und der Kaufmannschaft, jener handelsindustriellen Personen, für welche die Gesetzvorlage allein Begünstigungen schaffen will, sind jedoch im Gesetze nicht deutlich formuliert; der dirigierende Senat aber macht in letzter Zeit Versuche, die Wohnrechte sogar von jüdischen Kaufleuten erster Gilde zu beschränken, welche bereits nach den inneren Gouvernements zuständig sind. Will man also die bestehende Gesetzgebung über die Juden einer Durchsicht unterziehen,