Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 16 (17.4.1903)
- Article
- Melameds Hoffnung
- Date
- 1903-04-17
- Page
- 17 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr, 16 „Die # Welt- Seite IT Und icte sehe voraus all den schimmernden Glanz, Der die Stufe» erfüllt und den festlichen Ti&.eh, Wenn in selbiger Nacht ich zum S e d e r uuch schicke, In blitzblanken Gläsern der Rotwein funkelt;, Und mein Jüngster, Jechiel, das zarte Sümmchen Zu gar gewit lifeiger Frage erhebt: „Ach, Vätercliien, sage, was ist diese Nacht Vor allen anderen ausgezeichnet?" Und nach Passah, so Gott mich am Leben erhält, Wenn der Lerzwind weht und die Pfützen trocknen, Will ich sogleich zur guten Stunde Ein grosses Oeschäft bei uns eröffnen . . Das soll hernach ein Laden werden, Ein Laden — wie es geschrieben steht! Dann braucF ich fürwahr bloss etwas Glück, Ein wenig himmlisches Erbarmen . . . Denn nicht umsonst hat sich Leeser Mendel In aller Weife umher getrieben; Hab' manches erfahren vom Weltenlauf Und werd' iin Geschäften Bescheid doch wissen . . . Und dann: dürfte ich, Leeser Mendel, der Schnorrer, Mich erfreclujn, die göttliche Vorsicht zu leugnen? Ist kein Vater im Himmel, im Herzen kein Glaube? Ist meine Zipporah kein wackeres Weib? . . . Ach, du liefe«! Gott, wann erscheint schon der Tag, Den ich mit wehem Herzen erwarte! Schon spür' ich seit langem zur linken Seilte Ein spitzes Bohren, wie Nadelstiche, Als nagte un d sägte mir dort ein Wurm .. Doch das tut nichts. Sobald ich erst wieder daheim bin, Bereit* ich mir Tränklein und melk' unsere Ziege, Vertreibe dfe Schmerzen und flick' mich zurecht . . . Ach G«ott, es wird Zeit, die Stunde imuss kommen, Dass endlick auch ich, Leeser Mendel Mel&med, ' Verschnaufe die leidige, zehrende Mühsal; Dass mein lagliches Brot — und sei's noch so bitter — Nur aus Deiner Hand komme, allmächtiger Vater, Nur aus Denn er Hand komme, barmherziger Gott! Fischmann hat vergessen. Eine Passahgeschichfie. Wer Motchele ist? — Motchele von der Gass'? Es wundert mich, dass ihr ihn niciht kennt Sonst kennen ihn ja alle; die Reichen, denen er die grünen Flaschen ins Haus trägt und die Buben in der Gasse, die ihn mit ihrem Ruf bitter quälen. Wenn er seinen Weg kommt, in il-en Händen grüne Flaschen und grüne Flaschen zwischen Arme und Brust geklemmt, laufen die Jungen zusammen mnd schreien ihm nach: „Molchele mit dem Hoicker!"*) Das gibt dann immer ein bös&s Schauspiel: Er stellt^ sich den Burschen entgegen und zwischen seinen blassen Lippen kommt ein ohnmächtiges Pfeifen hervor, keine Worte. Dann will er die Flaschen mied erstellen und schrickt zusammen, wenn er denkt, wie bei diesem Versuche schon einmal eine Flasche zu Boden fiel und der teure Wein des Herrn Fischmann zwischen de-n Steinen in die 3rde sickeite, ganz langsam, bis die Sonne das Pflaster trocknete. Darum geht er weiter und deakt an sein Leid. — Und die Buben sind lustig und schreien ihm nach: „Motche mitfm Hoicker Ich will euch aber noch mehr von ihm* sagen, damit ihr ihn unzweifelhaft erkennt. Es gibt ja so \Iel&, die Motche heissen : Der reiche Fleischer, der eine Menge Häuser hat und einen grossen Wucher treibt und dabei so hartherzig ist, dass man bei ihm oben hört: „Der Herr ist nicht zu Hause/. Dann der Motche Weil, den all© grüssen, da er einen wohlklingenden Titel hat und keinen zurückgrüsst, weil er so hochmütig ist. Und noch andera, die alle Motche heissen. Aber unser Motche, Motchele mit dem Hoicker, hat mit ihc^n allen nichts zu tun. Sie sind reich, schön und schlecht und Motchele ist so arm, so hässlich und so gut. Und «och eins: Motchele ist dumm, sehr dumm. Es *)• Ho icker ±= Höcker, Buckel. gibt sogar Leute, die sagen, in seinem Kopfe sei k&noe Ordnung, er sei gewiss verrückt. Das mag zum Teile wohl wahr sein, aber fes bleibt doch unendlich traurig, dass er gerade so und nichtanders geworden ist. Er mag anfangs so klug gewesen sein, wie die meisten in seinem Alter. A her das Unglück und Sie Sorge, die ihm von Jugend auf beu geblieben sind, wie sein krummer Rücken, haben ihn krank und verstört gemacht Er sieht sich überall zurückgesetzt und glaubt, dass alles Lachen auf der Gasse und aller Hohn nur ihm gilt. Daram ist er auch so dankbar geworden gegen jeden, der ihn ein freundliches Wort gibt unl er vertraut sich ihm sofort mit aller-Innigkeit an. Seine Geschichte ist kurz und alltäglich. Er ist rom Lande in die Stall; gekommen und hat eine alte Mittler zu Hause gelassen, Anfangs ist es ihm schlecht gegangen; die grosse Stadt halte eben bisher ohne Motche auskommen können und nicht auf ihn gewartet. Dann war er einmal zu Passah dem Eferrn Fischmann behilflich gewesen und war seitdem bei ilim als Austräger geblieben. Der Weinhandel, den Fischinann trieb, hatte kleinen Stil, abes es fanden sich nach un InachLeute, die sich umMotche umsahen. Und mit der Zeit war er ein Kind der Gemeinde geworden; jeder kannte ihn, jeder hatte ihn lieb und die meisten trieben ihren Spott mit ihm. Sie wussten nicht, wiegen ihm das tat.-- Nun wohnte er draussen in der Vorstadt, nahe dort, wo wieder die Felder beginnen und Bauer und Städter sich die Hände reichen und es recht billig ist. Seine Quartierleute waren Christen, brave Hausbesorgersleute. Sie gitben ihm für wenig Geld eine dunkle Stube, in der auch aLlerhand Gerümpel seüaen Platz fand. Er fürchtete sich immer vor dem Abend. Denn sein schlechtes Deutsch und seine Frömmigkeit, die er vom Lande mitgenommen hatte, brachten ihm abends den Spott seiner Mietgeber, deren Gutmütigkeit er für Hohn hielt. — Und er hätte doch nach den saueren Wegen des Tages die Ruhe nötig geliabt. Mit der Zeit gewöhnte er sich auch daran und hielt es schliesslich für natürlich. Sonst hatte ihn Fischmann immer zu dem Seder geladen und heute hatte er vergessen. Vielleicht nicht einmal das. Er war g ewohnt, ihn alljährlich bei sich zu haben und mochte es endlich für selbstverständlich ansehen. Der Gottesdienst war zu En de un d die letzten Leute kamen aus dem Tempel. — Motche überlegte. Es ging doch ganz gut, dass er ohne zu fragen, geradewegs zu Fischrnann gehe. Aber nein. Vor zwei Tagen hatte er zwei Leere Flaschen fallen langen und Fischmann war böse gewesen. Er hatte allerdings den Vorschlag gemacht, den Schaden von seiner Löhnung abzuziehen. Doch davon war keine Rede. Dazu war Fischmann viel zu gut. — Wie wenn a.ber der Händler ihn deshalb nicht geladen hätte? So gingMotfthe nach Hause. Am Wege sagte er oft: „No — was soll ich tun? — Fischmann hat vergessen.« Es war ihm sehr unbehaglich, so vielen fremden Leuten zu begegnen. Er hatte seinen Feiertagsrock an und fühlte, dass die Spaziergänger in den Strassen nichts d a.mit zu tun hatten. Di& wussten vielleicht gar nicht, was für ein Abend heute sei. An seiner Haustüre blieb er stehen und blickte in die Gasse. Es war ein stiller Ort und in den Fenstern brannte nur da uhhI dort ein Licht. Die hohen, schwarzen Häuser und die tfanzenden Gasflammen in den Laternen: alles war so trübe, nirgends eine Spur von Teilnahme, nichts von dem Feste, das doch drüben, wo die Juden wohnten, in heller Freude gefeiert wurde. Und er hätte auch dabei sein können). — Aber was war zu tun. — Fischmann hat vergessen. —--Er wurde sehr traurig. Als er in das Zimmer trat, sassen die Quartiersleute bei Tisch, nur zwei Menschen; der Mann ohne Rock und