Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-04-17 · 16 (17.4.1903) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
16 (17.4.1903)
Article
Automarrannen
Date
1903-04-17
Page
3 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316037-3331426--39430-3331567
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16 **Die # Welt6* Seite 3 auch hin, um Mazzes mä 7>meb$el$e$ zu ers sen. Keine Geheimnisse! Ich ging auch wirklich zuf f]rau Cohn senior. ' Herr; (John juniiDir geriet in Feuer, als ich ihm erzählte, wie mich der: Kammerdiener über Mazzes und Zwiebelchen informierte* Er zeterte : -t— Die Canaille ron Dienerschaft bringt mich zur Verzweiflung. Ich - weiss nicht, wohin ich mich fluchten soll! Er sah. sich wie erschreckt über sei» e eigenen Worte nach rechts mrid nach links um, und fuhr dann, fort: Sehen sie, es sind Traditionen. NicM um das Rituelle handelt es sich. Meinen Kindern sind die Bräuche so fremd, wie die Bräuche der Samoaner. Aber dieser Zusammenhang, diese Stimmung ist uns lebendigstes Bedürfnis, Jedoch bei mir zu Hause geht es nicht. Ichmuss mieh den Verhältnissen anbequemen. Er sah mich an so voll irrer Angst und Qual, dass sich mir das Herz zusammenpreßte. Und nun könnte ich ein Bild entwerfen. Die pure Wirklichkeit. -Der sündige Kammerdiener wurde abgeschafft. Die übrige Dienerschaft wütete und beschloss einen Racheakt auszuüben. Dies geschah anno dazumal, zum nächsten Seder. S'ederstimmung, patriarchalische Siesta, Grossmutter ist so glücklich^ so natur-glücklich, iass sie nur jüdisch spricht, ihre Seele ist voll Holdhwi; und ihr Herz voll himmlischer Güte; auch Herr Cohn junior ist so jüdisch, so weich gestimmt, ganz in sieh gekehrt; die grossartigste Indifferenz gegen alles, iwas ausserhalb des eigenen Kieises geschieht, einfc Gheiruth- Nonehalance, die in einer Singsang weise and in herkömmlichen Formen zum Ausdruck komint. Ueber diesem Bilde liegt der ganze Glanz der Poesie. Richtiger gesagt; übei dieser Hälfte des Bildes. Denn ganz wie bei Maimoa stellt auch die zweite Hälfte meines Bildes noch ganz andere Gestalten dar. Plötzlich sind sie erschienen: der dickbäuchige Koskowski und der hochaufgeschossene Salonlöwe der letzten Saison, Zdzehclski und die Majestät Schabski, Lenker der öffentlichen Meinung eines loLalen Käseblättchens, und Zejdoirski und Chamorski und andere. Sie wurden kaum gemeldet und schon starben sie an der Schwelle. MemenLo mori. Und nun entwickelte sich eine betäubende, beklemmende und betörende Situation. In einem Nu schaffte man schnell hinweg, was man hinwegschaffen konnte. Die Mazzes, dieHagadath, das Charoses wurden über den Haufen geworfen. Ein schwüles Schweigen legte sich über den Familienkreis. Ein hilfloser Jammer. Herr Cohn junior sah verschämt und knabenhaft aus. Er lud die Gäste zum Tisch und leitete ein banales Gespräch ein, Tableau! Die Dienerschafft hat den Herrschaften diesen Streich gespielt. Abel Koskowski und Zdz&belski etc. waren nicht so aufrichtig wie ich und gaben an, zufällig „in der Stadt" erfahren zu haben, wo die Familie „heute empfängt, Es ist dies ein Seitenstück zu Maimons Bild. Ich gestehe; ohne Einheit, ohne Stil. Aber , u icht meine Schuld ist es. Die moderne Form des Gefci-eimjuden- Vörganges hat eben 'k feine Einheit und keinen Stil. Ich sehe ein schwächliches, auf krummen Wegen wandelndes Geschlecht, Die Verkleinerung jiimmt beständig zu. Ich denke mir einen Juden in tiefem- Zusammenhang und Abhängigkeitsgefühl von einem ihm unendlich überlegenem Feinde. Er unterliegt nach einem furchtbaren Ringen. Und nun rafft er sich wieder auf. Er bricht dte Ketten und findet sich wieder. Eine befreiende, begLückende Tat. Es löst sich Kraft aus, die bis zur Qua] zusammengedrängt war. Nun erscheint abermals die Macht und besiegt ihm. Es ist die uralte Tragödie. Aber siehe da, es gibt keinen überlegenen Feind. Ein Mensch besitzt ein herrliches Heim, führt ein sorgenloses Dasein, fühlt ein unklares Sehnen nach Betätigung eigener Art, und verwandelt sein eigenes Heim in einen glitzernden Käfig für S elbstverstümmelung, Denn ich bin mit meiner Geschichte noch lange nicht zu Ende. Ja, das Tragische beginnt erst jetzt. Denn Grossmütterchen lebt flieht mehr und keine Zuflucht ist mehr da. Mit ihr wurde das Passah eingesargt. Und wie sehr er auch leufelsmensch sein kann, diesen1 Börsenriese und Cfrossindustrielle, er empfindet doch die entsetzliche Oele seines Daseins so stark, dass er sich um .diese Jahreszeit ganz unglücklich fühlt. Er gestand es mir selbst, Ueberhaupt meint er, im der heutigen Zeit mössen Juden sich in Acht nehmen „nicht zu reizen". Und das Wohl seiner „Glaubensgenossen" liege ihm so sehr am Herzen, aber bürgerliche Stellung etc. Der arme Mensch bauscht seinen Knechtsinn zur Bürgertugenä auf. Ich sa^te ihm: Freund! Schrullen haben Sie sich in den Kopf gesetzt. Sie unterwerfen sich unter die Autorität von Verhältnissen, die gar nicht existieren. Sie haben Furcht, sich zu besinnen, Können Sie nicht Herr im eigenen Hause sein? Er antwortete: Heutzutage geht es nicht. Wir sind moderne Menschen. Aber mein Blick entdeckte unter seinem Kulturfirnis den furchtsamen, kleinen Colin. Und ich will ihn lehren, ^ie der verkünstelte „Israelit* sich aus den Banden gespenstischer Wahnvorstellungen löst und zu freiem, persönlichem Leben erwacht. Und ich will ihm die Augen öffnen, dass er sehe, wie er sich durch seine Nachahmungsschmöckerei lächerlich und verächtlich macht. Ich will ihn lehren, ein freier Jude zu sein. Aber er fürchtet. Zuweilen fühlt er die Not des Lebens, er wd von einer Nostalgie gefoltert, nicht diese oder jene Form, aber etwis Jüdisches, etwas Persönliches möchte er doch wieder erleben. Aber er kann die Kulturhöhe nicht erklettern, sich selbst zu heben in seinem Heim, nach seiner Stammesart. Und niiiL bin ich zu Ende. „Ich stelle den Antrag:" man grabe Höhlen für unsere modernen Mariannen, sichere, isolierte, von der Welt abgeschlossene Zufluchtshöhlen. Ein« kluge Einrichtung wird das sein und eine Wohltat! N. Sokolow, Die Affäre. Von Emil Leimdörfer (Wien). Währen i drunten im Sitzungssaale der französischen Kammer die Leidenschaften heftig aufein anderplatzten, sass oben auf der Zuschauertribiine der geistreiche Anatole Fiance, der berühmte Satiriker und feinsinnigste Schriftsteller des zeitgenössischen Frankreich« In dem Kampfe, der da unten tobte, in dem wüsten Geschrei und Lärm, die den Redner bisweilen nach jedem Worte der Möglichkeit; beraubte, weiter zu sprechen, offenbarte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.