Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Article
- Grossvater beim Seder
- Date
- 1903-04-10
- Page
- 24 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316036-3331233--39336-3331359- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 34 — zu können. Und während wir, Schlaf simulierend, uns damit die Zeit vertrieben, dass wir uns unter der Decke gegenseitig in die Waden knifien, stand Grossvater am langen Tische und richtete Moraur, Karpath, Chrauses und der anderen Utensilien mehr für den Seder. Er sang oder brummte dabei alle möglichen Weisen, die er einmal in seinem Leben gehört hat. Des Abends, wenn vom Beten nach Hause kamen, leuchtete uns die ganze Stube entgegen. Eine wahre Lichtflut strömte aus all den Lampen und Kerzen und weissen Gewändern. Die Frauen sassen bereits beim Tische, der mit allerhand Grün und bunten Gläsern geschmückt war. Wir eilten auf unsere Plätze, Bald darauf erschien Grossvater im weissen Kittel. Er legte sich bequem auf das weichgepolsterte Sederbett und verrichtete murmelnd ein Gebet. Und wir alle blickten bewundernd auf ihn, wie er so dalag in seinem schneeweissenGewände mitdemsilbern wallenden Bart, dieschönen Augen gegen den Himmel gerichtet. In seiner patriarchalischen Pracht glich er einem Kalifen aus Tausend und Einer Nacht. Und nun kam es zum Schüsselheben. Wir erhöben uns alle und griffen nach der grossen silbernen Schüssel,, auf der sich „Konen, Levi und Israel", Karpath, Chrauses, das gebratene Ei und die anderen Kleinigkeiten befanden* Und der Gross-ater begann mit lauter, sonorer Stimme; Kho lachmo anjo — di acholu abhosonu b'aroh d'Mizrajim — Und wir stimmten ein: So war das Brot des Elends, das unsere Ahnen im Lande Egypten gegessen — Und dann trat Stille ein. Der Grossvater machte es sich auf seinem Lager bequem. Jetzt sollte nämlich das Schönste des ganzen Abends kommen. Die Geschichte vom Packträger. Wir hörten sie wohl jedes Jahr, diese Geschichte vom armen Packträger, und doch gewann sie immer an Beiz und an Schönheit und an Spannung. Diese Geschichte ist in unserer Familie Tradition. So hat sie Grossvater Babbi Jizchak von seinem Vater Babbi Menachem, so dieser von seinem Vater Babbi Schlomoh gehört. Ob auch die Ahnen diese Geschichte so schön erzählt haben wie Grossvater? „Meine lieben Kinder*, begann er mit feierlicher Stimme, ,so war das Brot des Elends, das unsere Ahnen im Lande Egypten gegessen haben. Das ist es nicht, aber so war es . Ich sehe, dass ihr mich nicht versteht und deshalb will ich euch eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Packträger. Ihr wisst, dass die Packträger keine reichen Leute sind, aber unser Packträger war ein besonders armer Mann. Er stan d des Morgens mit der Sonne auf und durchwanderte die ganze Stadt, um einige Groschen zu verdienen. Seine Schultern waren mithalten Kleidern beladen. Er wanderte von Strasse zu Strasse und rief aus voller Kehle : Handeln! Handeln! Er achtete im Sommer der drückenden Hitze nicht und im Winter nicht der Kälte. Denn er gedachte seines Weibes und der kleinen Kinder, die zu Hause hungerten. Und kleine Kinder, die hungrig sind, haben keinen Verstand und weinen. Deshalb eilte er von Gasse zu Gasse, keuchend unter der Last der alten Hadern und schrie: Handeln! Handeln! Und oft musste er in weit entfernte Dörfer hinaus, um bei den Bauern etwas zu verdienen. Diese aber hetzten ihre bissigen Hunde auf ihn, die ihn anfielen, und die schlimmen Bursche, die ihn mit Steinen bewarfen. Er aber trug sein Los mit Ergebenheit, wie es einem jüdischen Packträger ziemt. Blutend wanderte er von Hütte zu Hütte und rief: Handeln! Handeln! Und eines Tages, da konnte er nicht mehr. Die Sonne erwachte und stieg und stieg, der Packträger aber rührte sich nicht. Seine Füsse waren geschwollen und seine Kraft war zu Ende. Am selben Tage fand seine Frau einen Schatz. Und der arme Packträger ward zum reichen Manne. Die Freude zog ins Haus und erleuchtete die Seelen seiner Kinder. Endlich konnte der arme Mann nach vielen Jahren des grössten Leidens ausruhen und sich des Lebens freuen. In den Tagen seines Glückes war er nicht übermütig. Er gedachte seiner leidenden Brüder. Und er vergass nicht an den, der ihm am nächsten war in der Stunde der höchsten Not. An dem Tage aber, an welchem seine Frau den Schatz gefunden hatte, lud er all die bekannten Packträger zu einem Gastmahl ein. Und bevor das Gelage begann, legte er die zerrissenen Kleider aus den alten Tagen an, lud auf seine Schultern die Hadern, die er einst zum Kaufe angeboten hatte, und rief zum grössten Staunen der Gäste: Handeln! Handeln! Und dann erst erzählte er ihnen seine Geschichte. Das ist, liebe Kinder, die Geschichte des Packträgers — sie ist die Geschiebe unseres eigenen Volkes. Als es die Juden in Mizrajim nicht mehr aushalten konnten, da befreite sie der Ewige durch Moses, seinen Propheten. Wir aber feiern in Demut und Dankbarkeit diesen Tag. Und in der Freiheit, die wir gemessen, denken wir an die allmächtige Hand, die uns aus der Sklaverei befreite, und zeigen auf das Brot des Elends, das unsere Ahnen in Mizrajim gegessen haben. Und wir sagen: So war das Brot des Elends...." Und nun hatten wir es wirklich alle verstanden. Mit der Zeit kamen wir auseinander. Die einen mussten in die Ferne, die anderen gar über See. Und in der Stube der guten Grosseltern wurde es immer leerer und leerer. Wohl wird der lange Tisch am Erew-Pessach an das Sederbett gerückt. Doch Grossvater erzählt seine Geschichte nur noch dem Grossmütterchen, seiner einzigen, unwandelbaren Zuhörerin. Und sie lauscht seinen alten, ewig neuen Worten... Als ich das letztemal sein Gast beim Seder war und die liebe Geschichte vom Packträger hörte, da fragte ich ihn : „Grossvater, du sagst: In der Freiheit, die wir geniessen, denken wir an die alimächtige Hand. Grossvater > glaubst du wirklich, dass wir eine Freiheit geniessen? Grossvater, hörst du denn wirklich gar keine Ketten klirren, kein e Fessel rasseln? Grossvater, glaubst denn du, es gäbe keine andere Sklaverei als die Mizrajims?• Da hob er seinen Kalifenkopf und sprach: „Mein Kind, es gibt keine Sklaverei für einen freien Mann. Selbst der Holzhacker ist kein Sklave, wenn er ein freies Herz in seinem Busen trägt Und ein unabhängiger Mensch hat oft die niedrigste Skiavenseele." Und ich begann seine Worte zu verstehen. Gabriele Preiss. Von Max Na eher (Berlin). Wie viele schütteln bei der Nennung dieses Namens ihr Haupt und "fragen: Ja^ wer ist denn das? Nimmt man's ihnen übel? Oder zälilt man sie deshalb zu den Ungebildeten? Beileibe nein! Doch wehe, wenn derselbe Gebildete irgend eine französische oder norwegische Skizzenniacherin nicht kennt! Gabriele Preiss5 einziges Unglück ist, dass sie der wenig beliebten, weil nicht ganz verstandenen tschechischen Nation angehört. Sie trägt das uiiverscliuraete Joch ihrer Nation. Dadurch wird sie uns aber menscHibh nähergertickt. Haben doch, die jüdischen Schriftsteller dasselbe zu erdulden. Aber freilich, es ist kein Wunder,