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Die Welt · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · p. 19

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Article
Vom Turnen zum Schehechionu
Date
1903-04-10
Page
19 (sequence 2)
Language
German
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— 19 — Enkel schaukeln, und ein babyhaftes Turnerchfen, ein kleiner putzigei Blondkopf! Als dann im scharfen Tempo in sicheren Griffen die ganze Schar sich bewegte, Stab hoch, Stab rückwärts, Ausfall, vorne, Ausfall links, Schwingen und Wenden in rhythmischer Folge, und alle vier Reihen wie ein Mann, das alles nach leisen, kaum hörbaren Kommandoworten des Turnlehrers, da schwieg jeder Zweifel, da sehwand jeder Unterschied. Und alle wussten nun, tos das bedeute.-----Sie wissen nun, was ich (lenke, verehrte Freundin — ab&r bitte, bitte, lachen Ste mich nicht aus--Ja, auch das ist mir ein Symbol, ein wertvolles Wahrzeichen, ein kraftiger Beweis. Wir lernen Disziplin. Wir werden es lernen, nach einer Idee, nach einem Kommando zu arbeiten. Wie im Turnsaale, nach leisen Worten, die von Mann zu Mann ziehen, müssen wir handeln, wenn der grosse Augenblick kommt. Unterordnen, h&isst die Parole! Und das lernt man auf dem Turnplatze. Das brauchen wir, damit--- ---Wir sind sentimental! Sie ta&eln das an uns Juden. Sie haben unrecht. Die Einzelereignisse lösen eine lange Kette von Erinnerungen in uns aus, die Empfindungen übersteigen alles Mass und sie erweichen unsere Nerven.-- Als ich die geschmeidigen Männergestalten beim Kürturnen hoch oben auf dem Reck sah im mächtigen Schwung der Riesenwelle und wie sie elastisch niedersausten, da zog es meinen Blick zurück in die Vergangenheit: Durch Jahrtausende hat man um niedergehalten, durch Jahrhunderte in dumpfe Mauern eingepfercht, man hat uns Luft und Licht gestohlen, Kraft und Gesundheit aus den Knochen gesogen-- und doch—und trotz alledem — hoch oben schwingen wir uns in freier Kraftentfaltung. Ein Turner will eben vom Reck springen — im Sprunge bleibt er im Knie hängen — er schwingt frei zurück, kommt in die Höhe, ohne die Hand ans Gerät zu legen und springt so von hoch oben frei zur Erde, ein anderer legt sich oben auf den Rücken, steif wie ein Balken, dann dreht er sich einmal, zweimal, mehrmals und bleibt in derselben Lage, bis er das Gerät verlässt. Die Zuschauer danken mit lautem Beifall, Es ist ein Wettbewerb ohne sichtbare Preise. Turner und Publikum sind von starker Empfindung durchströmt, die über das Sichtbare hinausgeht. Starke Ergriffenheit fasst alle an und ein sprossendes Glück verklart alle Gesichter, sobald wieder ein gutes Turnerhinststüek gelungen ist Doch idi versprach, Ihnen pathetisch zu kommen, verehrte Goimerin. Wissen Sie, was ich still vor mich hinsagte in dankbarem Gefühle, dass ich diesem Zeichen der körperlichen Wiedergeburt unseres Volkes beiwohnen durfte? „Gelobt seiest du Ewiger, unser Gott, der du mir vergönnt hast diese Zeit zu erleben/4 Das „Schehechionu", den grossen Dankspruch, den wir sagen, wenn wir ein grosses Fest erleben, wenn uns eine besoniere Gunst des Schicksals wird, das habe ich leise, leise vor mich hingesagt. PS. Denken Sie, meine Verehrte, dies «er Verein, der erste Wiener jüdische Turnverein, der so Gutes anstrebt und so Grosses leistet, kann seine Miete nur schwer bezahlen. Werben Sie beitragende Mitglieder, sammeln Sie Geld, Geld, Geld! Und nun muss ich selbst lachen über uns Juden. Ich beginne mit Sentimentalität und schliesse mit Geld. Hacho lez* Du ha.st das Lieben verlernt. Du hast da.s Lieben verlernt. Ich will's «dich wieder lehren, Ich will, iass du wieder weinst Der heilig-eoi Liebe Zähren. Und bis das Auge tränenfeucht, Die Sehnsacht im Busen lodert, Dann fühl"1' ich dich zum Tempel schult, Wo des Königs Harfe modert. Die suchst du hervor mit bebender Hand Und spannst die Saiten wieder — Und in der Zukunft Dämmerung Singst du das Lied der Lieder. Prag. Ferdinar d Kobler. Die vierte Dimension. Von Samuel Gordon. Autorisierte Ueberseizung von Anna ICellner. „Heute bin ich ein glücklicher Mann geworden in Israel, gesegnet sdi der Name des Herrn," rief Tarphon freudig aus. Die Grösse seines Glückes war auf seinem Gesichte zu lesen, die Ursache davon lag in seinen Armen — ein in Windel gepacktes, zwei Stunden altes MeLschenkind. „Es ist ein Bub, das hast du gut gemacht, Mirjam; jetzt werden wir jemanden haben, der nacli uns Kaddisch sagen wird, wenn wir tot sin deu „Was fällt dir ein, Tarphon," sagte Mirjam, ihn mit ihren grossen, vorwurfsvollen Augen anblickend, da sie zu schwach war, deit Vorwurf in ihrer Stimme auszudrücken, „in der Stunde, in der uns ein neues Leben geschenkt wurde, vom Tode zu sprachen? Du weisst gar nicht, was du in in deiner Aufregung sagst. Gib mir das Kind zurück, bevor du es mit den Augen verschlingst." „Du egoistische Person du," war die gutgelaunte Antwort, „darf Ith ihn nicht anrühren umd ein Weilchen halten? Missgönnst du mir vielleicht gar die Vaterfreuden, die ich zum erstenmale in den zehn Jahren unserer Ehe koste?« „Tarphon!e Die Tränen, die ihr in die grossen, müden Augen traten, sagten das übrige. „Du NärrcMien, ich mache ja nur Spass \ * Und Tarphon streichelte die matte Hand, die der seinen auf halbem Wege entgegenkam. „Ich bin sehr zufrieden mit dir," fügte er hinzu, „er soll ein grosser Gelehrterwerden und sein. Ruhm soll die ganze Welt erfüülen — das gefällt dir, nicht wahr? Nun lächelst du — und nicht weniger als zwei Ochsen und zehn Schafe sollen bei .seiner Hochzeit verzehrt werden. Aber es ist wahr, ich weiss nicht mehr, was ich rede, ich werde jetzt fortgehen und alleji unseren Freunden und Verwandten die Nachricht von der Geburt unseres Sohnes mitteilen. Lass' mich ihn noch einmal anschauen — ich werde ihm nichts zuleide tun." Es war kein Wunder, dass Tarphon ein bisschen phantasierte. Et war ein mit Gütern reich gesegneter Mann, hielt viel« Knechte und Mägde, und die Wiesen, auf denen seine Herden weideten, waren seim Eigentum und erstreckten sicli viele Morgen weit. Und nun setzte Gott all diesem Reichtum die Krone auf, ind«m er ihm einen Sohn bescheerie,. und es war nur menschlich und zu entschuldigen, weita Tarphon dieses Ereignis nicht mit stoischer Gleichgültigkeit hinnahm. Seine Aufregung hielt ihn bis spät in dfeia Nachmittag auf den Beinen, und als er nach Hause kam, war er sehr müde. „Nicht vorn Gehen." erklärte er, ^sondern von der Last der guten Wünsche, die ich für uois alle drei mitgebracht habe."*

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