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Die Welt · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · p. 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Article
Organisation und Separation
Date
1903-04-10
Page
18 (sequence 2)
Language
German
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— 18 — der Oppositionsgruppe über diese Frage Uneinigkeit herrscht. Nun kämpft in dem Lande A die Opposition für die Aufnahme der ökonomischen Tätigkeit, während im Lande B die Opposition aus gleichen Prinzipien wie in A sich der Aufnahme widersetzt Sind die Opposition in A und B innerhalb einer Organisation vereinigt, so werden sie sich verständigen, ihre verschiedene Stellungnahme vielleicht richtig mit verschiedenen Verhältnissen erklären und sich daraufhin einigen, falls die Majorität nicht nachgeben sollte, durch offenen Widerstand eine Parteikrise herbeizuführen. Um dieser auszuweichen, wird den Majoritäten in beiden Ländern nichts übrigbleiben als nachzugeben. Denn gerade eine junge Partei wird kaum rigoros mit Ausschluss vorgehen. Gewiss wird man einwenden, dass ein solch exzeptioneller Fall wohl kaum eintreten dürfte; dem ist aber zu entgegnen, dass auch nur dem Scheine der Möglichkeit vorgebeugt werden mnss. Denn verkennen wir es doch nicht: es ist besser, dass etwas Altes, meinetwegen Schlechtes bestehen bleibt — wir sind genügend Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung, um zu wissen, dass das doch nicht auf die Dauer bestehen kann — als dass, sei es auch um eines Guten willen, die Disziplin und Organisation einer Kampfpartei auf das Spiel gesetzt werden darf. „Organisation ist alles", gilt auch bei ans. Opposition innerhalb einer Partei ist notwendig. Aber sie darf nur innerhalb der Partei sich geltend machen. In dem Augenblick, wo sie darüber hinaus Geltung gewinnen will, wird aus der Organisation Separation und Desorganisation. Die Entwicklung, die im verflossenen Jahre die beiden Hauptgruppierungen unserer Partei, M i s r a c h i und die demokratisch-zionistische Fraktion, durchgemacht haben, dürfte die Wahrheit der vorausgegangenen Zeilen beweisen. Die „Misrachi*, die infolge ihrer einheitlichen Weltanschauung und ihres einheitlichen Prinzips die weitaus stärkere Gruppierung ist als die Fraktion, die durch das Schlagwort „demokratisch" nur schlecht die Schwäche ihres Programms verdecken konnte, haben beide den Hauptteil ihrer Anhänger unter unseren russischen Parteigenossen. Natürlich musste der Versuch, in Westeuropa festen Boden zu fassen, scheitern, nicht weil das Prinzip der Fraktion ein schlechtes war, sondern weil die Verhältnisse, aus denen sie geboren war, osteuropäische waren und die Opposition in Westeuropa ganz andere Formen und Tätigkeit verlangt, vur allem nur solche Formen, die der Disziplin der Partei keinen Schaden zufügen können. An dieser Stelle ist zu konstatieren — um jedem Irrtum vorzubeugen — dass die Arbeiten, wie Jüdischer Verlag» Bureau der Jüdischen Hochschule, Statistisches Bureau, die Arbeiten einzelner Gesinnungsgenossen sind und mit der Fraktion in Westeuropa nichts zu tun haben. Freilich, ein Gutes haben die Gruppierungsbestrebungen gezeitigt. Sie haben uns gezeigt, dass die Reiormierung von unten, von den Landes-Komitees, — nicht vom Kongress aus in zwecklosen Demonstrationen — erfolgen muss. Sind Schäden vorhanden, so arbeite man innerhalb der Landesorganisation und gruppiere sich dort zu machtvollen Oppositionsgruppen. Sind die Schäden in den verschiedenen Landesorganisationen dieselben, so wird auch auf dem Kongresse die Opposition eine einheitliche ganz von selbst sein. Das ist dann eine gesunde, wünschenswerte Opposition» von der man erwarten kann, dass sie sich der Majorität fügt. Allrts andere ist Separation. Vom Turnen zum Schehechionu. Meine Gnädige! Jahre sind vom Rade der Ewigkeit abgerollt, seitdem ich Ihnen zuletzt geschrieben habe. Damals war unsere Bewegung von gebrechlicher Jugendlichkeit: Die Toynbee-Halle im Entstehen, der Jüdische Turnverein ein Experiment und der Nationalfonds ein schöner Gedanke, Seither hat unser Hoffen und Denken Fleisch und Blut bekommen — kräftiges Fleisch und junges Blut. Es regt und streckt sich im jüdischen Volke voll ruhiger Lebensfreude und sicherer Schönheit.----— Sie verzeihen, wenn ich jetzt den Ton wechsle, meine Gnädige — ich muss ein wenig pathetisch werden. Im Ronacher-Ballsaale mit seiner hellen, geschmeidigen, barocken Pracht, da musste ich stilvoll lustig sein, da klatschten wir alle in die Hände, lachten und jauchzten — während wir heimlich Tränen der Freude schluckten. Das geschah, als sechzehn Judenmädel sich in reizvollem Reigen bewegten---Lachen Sie nur-- die Mädchen trugen eine kleidsame Turnertracht in nationalen Farben. Von der Estrade flatterten die Fahnen Judas. Bei den Klängen einer Gavotte drehten sie sich, gestalteten originelle Figuren, lösten und fanden sich, tanzten und schritten — schön und sicher. Als sie strammen Schrittes in'festem Tempo bei schmetternder Musik abmarschierten, da übertönte unser Beifall die Musik. Doch ich habe versprochen, Ihnen pathetisch zu kommen--Wissen Sie, was mir da einfällt? Wir leben eigentlich in einer sonderbaren Zeit. Wir gemessen eigenartige Premieren, zu denen seit Jahrhunderten die Proben abgehalten wurden. Vielleicht aber ist es nur eine Generalprobe mit geladenem Publikum. Doch nein, wir sind keine Zuschauer, wir sind alte Akteure und wir spielen in einem grossem Drama, das mit Blut und Brand begonnen hat, in Hunger und Not seine Fortsetzung fand und nun einem versöhnlichen Abschlüsse zustrebt. Was wir alles zum erstenmale erleben: die grossen Makkabäer-Feiern, den ersten Kongress, von Juden aller Länder beschickt, eine Bank, von Juden gegründet, die nur humanitären Zwecken des eigenen Volkes dient, zum erstenmale — ich wage den Vergleich zum erstenmale — ein jüdisches Schauturnen in Wien. Unser Freund Nordau hat uns das gute Wort vom Muskeljudentum geprägt — ohne seine Bedeutung zu erschöpfen. Beim Turnen entwickelt sich aus dem Kraftgefühl des Körpers Geradheit des Geistes, ehrliches Urteil. Beim Turnen gibt's keine Heimlichkeiten, keine Schiebungen, keine Protektion und keinerlei kleine Mittelchen. Selbst ist der Mann am Turngerät und was er kann, das gilt er. Da heisst es: Hic Rhodus, hic salta. Hier ist Rhodus, hier springe. Sie sind aber auch bezeichnenderweise noch nirgends beliebt — die Turner. Bei diesem Schauturnen fehlten die offiziellen Spitzen des Judentums. Sie haben etwas versäumt. Die erste Uebung war ein Stabreigen; der stramme Aufmarsch hatte gute Stimmung in den Saal gebracht. Als die Reihen geteilt waren und die Turner mit ihren Stäben in. der Habt acht-Positur warteten, da lächelte manche Dame. Es war eigentlich drollig. Was wollten diese Leute mit ihren Stöcken? Und diese Zusammenstellung! Männer und Jünglinge. Leute, die

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