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Die Welt · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Article
Die öffentliche Betätigung der jüdischen Frau
Date
1903-04-10
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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erflehtes Kind fiii zui* Erziehung übergib, aber ihr mütterliches Gefühl, ihre Selbstsucht wurde dem höheren Büdiingszwecke geopfert. Noch mehr! Hauaas stilles und inniges Gebet zu Gott lehrt uns, dass die jüdische Frau darin ihren .Beruf und ihr Glück sah, ein Kind ihr eigen zu nennen*, Mütter zu sein, Pflegerin, Hüterin, Bildnerin der Kinder. — Das scheint mir die oberste Aufgabe der Frau, die erste Betätigung des Weibes, die der Allgemeinheit den grössten Nutzen bringt, weil das Wohl der Nation davon abhängt Ueberlassen wir daher nicht fremden Kräften unsere Kinder, pflegen, warten und erziehen wir sie selbst! Spielen wir nicht die grossen Damen, die In Gesellschaft glänzen wollen, sondern pflegen wir die Unterhaltung mit unseren Kindern. Suchen wir nicht, ihnen den Lebensweg zu bahnen, indem wir sie mit den fernliegendsten* der Einfachheit, Schlichtheit und Geradheit widersprechenden Anschauungen fremder Kreise bekannt machen, sondern indem wir sie mit Ernst und Sittlichkeit, mit hohem,Streben erfüllen. Es ist schwer, keine Satire zu schreiben, wenn man sieht, wie von jüdischen Frauen, besser gesagt, von Frauen der Juden, für das „Wohl" der Kinder gesorgt wird. Elegante Kostüme, feine Jausen, Kindergesellschaften, Umgang mit den Kindern des Herrn von oder des Herrn Hofrats, Eindringen in die sogenannte beste Gesellschaft, möglichste Christianisierung, auch früheste Taufe und feine Erzieher, womöglich aus geistlichen Konvikten, Fernhalten alles Jüdischen rdas sind die Mittel der heutigen jüdischen Erziehung in reichen und sogenannten feinen jüdischen Häusern. So wie Haschen nach dem äussern Erfolg unter Preisgebung sittlicher Forderungen etwas ganz Unjüdisches, weil es nicht ettnsch berechtigt ist, so ist auch der Erfolg dieser kurz skizzierten Erziehung ein trauriger, aber wohlverdienter. Die Knaben dieser Frauen von Jaden werden blasierte Hohlköpfe. Die Mädchen, die wohlhabenden natürlich, streben nach einer Heirat in arische verkrachte und der pekuniären Auffrischung bedürftige Familien. Hanna aber, die jüdische Frau, lehrt wieder die jüdischen Frauen: „Pflanzt im, die Herzen eurer Kinder jüdischen Sinn, das sittliche ideal". Eine Ergänzung Hannas in der Betätigung der jüdischen Frau innerhalb ihres natürlichen Berufes ist unsere Stammmutter Rahe], die geliebte Frau Jakobs, um die dieser dienend warb, um die er arbeitete, Hitze und Kälte, Ausbeutung und Abweisung ertrug, für deren Besitz er viele Jahre seines Lebens hingab. Rahelist das liebende Weib, das das Ziel des kämpfenden und rukgenden Mannes bildet, die zärtliche Gattin des Ftfmilienliauptes, die hingebende, liebliche Genossin. Sie ist das Weib, das die Seele des Mannes anlockt. In ihr sind Schönheit, Liebenswürdigkeit und jenes undefinierbare FJuÜdum, das dem Manne teurer ist als die höchste körperliches Schönheit. Nur kurz war ihr Glück un d ihr Erden wallen, Ein rascher Tod, der nach der Volksmeinung nur die Besten trifft, erhärtet gleichsam das Lob, das wir ihr geben. Eine solche Gestalt soll das Vorbild unserer Mädchen sein, nach ihr sollen wir unsere Töchter erziehen; zur Seelcnschönheit, zur Liebe und Anmut, zur Hingebung und Treue, zur edlen Weiblichkeit. Nicht mit Gold- und ^Edelsteinen soll sich die jüdische Frau behängen, nicht Putz und Tand lieben. Nicht durch Kleider aus grossen Salons wird sie den Mann fesseln, nein, nur durch die schön», und edle Einfachheit, durch äussere und innere Schönlieit und Anmut. Hierin soll das weitere Ideal der jüdischen Frau liegen! Aber nur in der vollen Freiheit gedeihen solche Lichtgestalten. Weder von Mirjam noch von De borah wissen wir, ob sie Mütter gewesen. Beide begleiteten mit ihren Gefühlen und mit ihrer Lyrijf die Taben der' Männer. Deborah überragt jedoch Mirjam. Dort, wo der Kann fehlte, trat sie für Recht unl Gerechtigkeit, für Erhaltung und Freiheit, für Einigung und Sammlung ein. D«e»r MaÄn war das Werkzeug ilires Willens und ihrer Einsicht. Mirjam aber war die Parallele Moses' bei den Pjrauen Israels, der Dolmetsch von dessen Wünschen bei ihren (reschlechtsgenossinnen. Nur dort also, wo die Pfüchtem des natürlichen Berufes incht gefordert wurden, trat die j üd ische Frau ins öffentliche Leben. Dann war sie die nationale Führerin, wo.4ex. Ruf des Mannes fehlte, oder sie begleiiete den Mann, der die Imitiative hatte. Sie hat immer die Gefühle* die Spannung eirregt, die der Tat oder Erkenntnis Torausgehen oder folgen. Nationale Arbeit kann demnach ^auch die jüdische Frau leisten. .Erheben der nationalen Fahne, \Veckung des nationalen Gedankens unter d«n Geschlechtsgenossen scheinen nur die Aufgaben derjenigen Frauen zusein, die keine Familie bindet. Nicht für den Kampf um Reform- IcLeidung, um Sezession oder Akademie, um Tanz und Gesellschaft soll sich die jüdische Frau begeistern, sondern für das Wohl und Wehe ihres Volkes. Da soll sie in die Arena herabsteigen und gleich Mirj am die Frauen anführen, dass sie ihr folgen, gleich Deborah zur Einigkeit und Einigung, zur Sammlung und Befreiung rufen. Für diese Siele soll die Frau das ihr innewohnende dichterische Talent erwecken und in Gesängen und Liedern das Volk begeistern. Also erscheint mir (die Aufgabe der politischen Betätigung der jüdischen Frau, die nationale Ideein unserem Volke durch Wort und Schrift zu erwecken. Unsere Frauen, unsere Mädchen werden die beste und sicheiste Agitation für den Sionsgedanken bilden, f Das.s die Frau am Erwerb durch Arbeit teilnimmt scheint ein slavischer Brauch zu s«ein. Selbst den Germanen äst es noch heute eigen, die erwerbenden Frauen vor allem;als Lehrerinnen und Erzieherinnen zu verwenden, während js.ich die Männer ganz gewerblicher Tätigkeit widmen. Bei den Slaven findet man es aber überall, dass die Frau für den Mann oder auch mit dem Manne gemeinsam arbeitet. Oekonomische Ursachen haben allerdings jetzt die Frauenarbeit überall hingebracht und die Zahl jener jüdischen Mädchen und Frauen, die durch Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, ist nicht' gering, jedenfalls ein schönes Beispiel jüdischen Strebens und Fleisses. Aber es kann nicht unser Ideal sein, dass die jüdische Frau ihren besonderen, difTerentiellen Beruf gegen den des Mannes umtauscht. Riehl stellte schon vor 50 Jahren den Satz auf, dass auch in der Frage der Frauenberufe nicht Assimilation, sondern Differenzierung der Fortschritt sei. Wir Zionisten sollten schon mit Rücksicht auf unsere Idee diesen Standpunkt vertreten. Wo aber jüdische Frauen oder Mädchen beruflich arbeiten, miiss für uns der Mahnruf gelten, sie zu befreien und zu fördern. Wir müssen trachten, ihnen durch Genossenschaften, Ar beitsvermittlung, Gewerbeförderung und Fortbildung beizustehen. Darum gilt mein letzter Ruf der Aufforderung, unsere arbeitenden Schwestern gewerkschaftlich zu organisieren und diese Aufgabe auch in die Agenden der Frauenvereine aufzunehmen. Ich, bin am Schlüsse! Ich wollte zeigen, dass wir Frauen auch im Leben unserem Volkes eine bedeutende Rolle zu übernehmen haben. Nur mit uns kann das Ideal, dem wir alle anhängen, verwirklicht werden. Die jüdischen Frauen müssen die jüdische Familie regenerieren, indem sie in dieselbe ein religiöses, nationales und soziales Ideal einpflanzen. Das ist, so scheint es mir wenigstens, die einzig anstrebenswerte öffentliche Betltigöng der jüdischen Frau*

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