Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Article
- Zur Geschichte des Zionismus
- Date
- 1903-04-10
- Page
- 10 (sequence 3)
- Language
- German
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— 10 — Dennoch hat der „Judenstaat* auf die bis dahin schwache und ünorganisierte Bewegung einen gewaltigen Einfluss ausgeübt. Er brachte Herzt in Berührung mit den bisherigen Führern, und man beschloss die Abhaltung eines allgemeinen Zionistenkongresses in München auf jüdisch-nationaler Grundlage. Dieser Beschluss hatte zunächst im Lager der Assimilanten sans phrase einen Ausbruch panischen Schreckens zur Folge. Man denke, Juden sollten öffentlich gegen die ganze bisherige1 Entwicklung auftreten! Man befürchtete als Folge den Vorwurf mangelnden Patriotismus, eine neue Kräftigung des Antisemitismus und ein Abwenden der „christlichen FreundeWirklich setzte man die Verlegung des Kongresses durch, doch trat derselbe am 29. August 1897 auf dem gastlicheren Boden Basels zusammen. Die alte Schweizer Bischofstadt wird dereinst dieses denkwürdige Ereignis mit goldenen Lettern in ihre Geschichte eintragen. 204 Delegierte aller Länder bekundeten einmütig in einer grossartigen Kundgebung, dass das jüdische Volk noch lebe, dass es den redlichen Willen habe, sich aus seiner schmachvollen unseligen Lage zu befreien und so die Verheissungen wahr zu machen. Es wurde das folgende Programm vereinbart, das seitdem unverändert für die Bewegung massgebend geblieben ist: Der Zionismus erstrebt für das jüdischeVolk die S c h af fun g ein er ö f f e ntlich-rechtlich gesicherten Heimst ätte in Palästin a. Zur Erreichung dieses Zweckes nimmt der Kongress folgende Mittel in Aussicht: 1. Die zweckdienliche Förderung der Besiedlung Palästinas durch jüdische Ackerbauer, Handwerker und Gewerbetreibende. 2. Die Gliederung und Zusammenfassung der gesamten Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach Massgabe der Landesgesetze. 3. Die Stärkung und Förderung des jüdischen Selbstgefühles und Volksbewusstseins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmung, welche nötig ist, um das Ziel zu erreichen. Die erste Folge des Kongresses war, dass im Oktober 1897 „Daily Chronicle" und „Pall Mall Gezette" unter Billigung der zionistischen Forderungen die Einberufung einer europäischen Konferenz zur Lösung der Judenfrage verlangten. Auch sonst blieb der befürchtete antisemitische Sturm aus; der Zionismus hat keinerlei Verschärfung des Judenhasses zur Folge gehabt, vielmehr beschloss der Hamburger Antisemitentag von 1899 die Bekämpfung des Zionismus, weil er Mitleid . für das Judentum wachrufe und ihm neue Macht verheisse. Die Behauptung, der Zionismus verschlechtere die Lage der westeuropäischen Juden, gehört also ins Reich der Fabel. Seitdem haben bis 1901 einschliesslich alljährlich Kongresse stattgefunden, 1900 in London, sonst stets in Basel. Die öffentliche Betätigung der jüdischen Frau-). Von Frau Dr. Laura Krenberger (Wien). Die Frage der öffentlichen Betätigung der Frau hat zwei Gebiete zu berücksichtigen: das berufliche zum Zwecke *) Rede, gehalten in der Generalversammlung des Wiener zionistischen Frauen- und Mädchen verein es im XV- Bezirk (5. März 1903). des Erwerbes und das politische oder soziale zur Förderung einer Idee. Da den Frauen eigentlich durch die Natur schon ein gewisses Berufsfeld angewiesen ist und die überwiegende Mehrzahl der Frauen sich ihm als Mutter, als Pflegerin und Erzieherin ihrer Kinder und als Gattin, das heisst als Leiterin des Hauswesens, widmet — zwei an und für sich grosse und in jeder Hinsicht würdige Arbeitsgebiete — so ist der Ruf, der seit mehr als 100 Jahren wieder in der Welt erschallt und den Frauen den Platz im Erwerbe und im Staate als gleichberechtigt neben dem Manne anweist, bisher trotz regster Agitation und rührigster Erörterung immer nur ein Kampfruf geblieben und die einzelnen Erscheinungen, dass Frauen in sogenannten Männerberufen tätig sind oder eine grosse Rolle im sozialen Leben spielen, sind immer noch Ausnahmen. Meine Aufgabe soll es nun sein, Ihnen, werte Herren und geschätzte Damen, zu sagen und womöglich einleuchtend zu beweisen, ob die Frau ihr natürliches Berufögebiet verlassen und in die heisse Arena des öffentlichen Lebens als Arbeiterin, geistige und physische, oder als Kämpferin hinabsteigen soll. Die erste Beschränkung, die aber mein Thema erfährt, ist durch den Beisatz Jüdisch" veranlasst. Speziell nur jüdische Frauen habe ich zu berücksichtigen. Gelten denn die Sätze, welche für Frauen anderer Völker aufzustellen sind, nicht für uns? So wahr als eine eigene Geschichte und eine eigene Literatur und ein eigenes ethisches Leben einen eigenen Volks Charakter bilden, ebenso wahr ist die Differenzierung zwischen dem Wesen der jüdischen Frau und der anderer Völker. Aber auch in anderem Sinne ist die Einschränkung auf die jüdische Frau berechtigt. Gilt der Kampf im sozialen Leben gewissen Ideen, so hat die jüdische Frau auch hier ihre besonderen Anschauungen. Daher soll gerade in diesem Sinne meine Erörterung beachtet werden. Freilich ist das Gebiet, das ich mit Ihnen, werte Herren und Damen, heute durchmessen soll, ein so grosses, so weites, so strittiges, dass ich I hre ganze Nachsicht erbitten muss, da ich nur einige wichtige Leitsätze vorbringen kann. Es sind drei Aufgaben, die ich für die jüdische Frau in Anspruch nehme. Ist das Wort richtig, dass die Geschichte unsere Lehrerin ist, so ist die jüdische Gesehichte, die in der Thora — unserer Lehre — enthalten ist, besonders geeignet, uns über unsere Pflichten und Aufgaben zu .unterrichten. An drei jüdischen Frauen der Vorzeit haben wir die Muster für die Art, wie sich die judische Frau betätigen soll: an Hanna, der Mutter Samuels, als dem Musterbilde einer Mutter, an Deborah, als der Führerin des jüdischen Volkes, und an Mirjam, Moses' Schwester, als der Fahrerin der jüdischen Frauen. Dass jüdische Frauen auch erwerben und ihre Kräfte in den Dienst der Arbeit stellten, ist wohl erst seit der Diaspora der Fall. Das brachte die veränderte Wirtschaftsordnung mit sich. An dem einen der drei genannten Muster sehen wir, wie die jüdische Frau mit Sehnsucht die Betätigung als Mutter wünscht, wie sie dann ihr Kind zum Höchsten vorbereitet und bestimmt, wie ihr eigenes Lebensideal ihr Kind wird, für das sie alle Opfer bringt, um es zum Führer des Volkes auf dem Wege zum Guten zu machen. Hanna ist die selbstlose, ideale Erzieherin ihres zum Dienste für sein Volk bestimmten Sohnes. Folgen wir ihr nach! Lassen wir es uns nicht Zeit, nicht Mühe verdriessen, scheuen wir keine Opfer und Entbehrungen, um unsere Kinder sittlich und religiös zu erziehen, um aus ihnen edle Charaktere zu bilden, die ihrem Volke in Kampf und Gefahr vorangehen, es durch klugen Rat und weise Erkenntnis führen 1 Und bringen wir unsere Kinder, wenn unsere eigenen Kräfte nicht ausreichen, in die berufensten Erzieherhände! Gewiss hat Hannas Herz geblutet, als sie ihr heiss