Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Article
- Die Tiefquellen des jüdischen Gesanges
- Date
- 1903-04-10
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Spaltung das Meeres heisst, in Wirklichkeit noch ein zweites Wunder, welches tatsächlich darin hesteht, dass aus hartem Kiesel ein mächtiger Wasserstrahl wie ein gewaltiger Reil in die Höhe schiesst, dass der Stein zum Wasserteich sich umwandelt. Oder will es uns nicht bedüaken, als käme aus dem israelitischen Lager mächtiger Wellenschlag an uns heran? Machen die gewaltigen Strophen des am Meeresgestade erklingenden Freiheitsliefles nicht den Eindruck brausender und schäumender Meereswogen? Und sind diesfr* wogenden Strophen nicht einem Herzen entsprungen, das bis vor wenigen Stmnden hart wie ein Fels, fest wie ein Kiesel gewesen? Ja, das verbitterte und vergränrte, das verstockte, steinharte Herz des israelitischen Yolkes, es wurde von demselben Winde, welcher das Meer gespalten, erweicht und geöffnet, und das erste, was aus diesem Heirzen emporsprudelte, war ein hertliches Lied, ein hochp© etischer Gesang ^gip* n^ö TP* T» C 'rb fiKTit nwn m Damals sangen Moses und die Kinder Israels dieses Lied dem Ewigen. Dieses zur Höhe emp«) rschmetternde Lied, es enthüllt uns auch zugleich die Tiefquellen des jüdischen Gesanges, und zu diesen »Quellen wollen wir uns von cter heutigen Festesbetechtung hingeleiten lassen. h Die befiederten Sänger der Lüfte Iwnnen wohl, durch die Menschen ihrer Freiheit berault,. scheinbar für immer die Stimme verloren haben, draussen im Freien erlsaoigen sie doch nach einiger Zeit schon ihre Stimme zoffück. Die Lerche mag noch so lange im Käfig gefangen gewesen sein, sobald sie nur wieder ihre Schwingen regen und zur Höhe emporsteigen kann, wird sie auch wieder ihr schmetternd Lied ertönen lassen. Die Freiheit besitzt eben die Wunderkraft, der Kehle Töne seltener Art zu entlocken, und wie den Wogel, trägt sie auch den Menschen in jene Sphären Miinauf, wo er seiner Gehobenheit unwillkürlich durch Jubieltöne Ausdruck verleihen muss. So ist auch die jüdisdae Freiheit die Quelle unseres CJesanges geworden. :K pK n$1n nvtpft n» .wo m (4 nnDP Damals sangen Moses und die Onder Israels dieses Lied, gleich damals, als mit der Freiheit auch die Freude in das Herz des Volkes einz ag, denn mit diesem Eiuzug war sofort die Fähigkeit zum Gesang in ihm erwacht. Die Volksseele Israels, sie jubelte in melodischen Tönen, sie stieg himmelwärts; die Freiheit hatte ihie gelähmten Fittige mit neuer Schwungkraft ausgerüstet und im reinen Aether hatte diese Volksseele auch die echten und rechten Töne gefunden. Wir wollen ms heute nicht bei der Poesie d-es Freiheitsliedes am Meere aufhalten; denn dass dw Gesetzgeber Israels auch ein herrlicher Dichter gewesen, kann und darf uns nicht überraschen, aber wohl dikrfen wir die Frage auifwerfen, woher denn das Skhvenvolk, das jahrhundertelang nicht gejubelt und gesungen, sondern geweint und geächzt hat, mit einemmal e Verständnis für Mass und Einheit, für Takt und Rhythmus erlangte? Oder meinet ihr etwa, die Sinder Israels hätten d as Freiheitslied am Meere so wiä und so wirr durcheinander gesungen, wie das noch Iis vor kurzem am Sabbat Schirah und am siebenten Pessachtage in verschiedenen Gemeinden, geschehen? 0, dann habet ihr keiiL rechtes Verständnis für den grossartigen Strophenbau dieses Freiheitsliedes, denn es ist so gegliedert, dass es nur mit verteilten Stimmen gesungen 3) IL B. M. 15, 1 a. 4) Midrasch Rabbah z. St. werden konnte. nnö npg **ntp TOt,g <^ (5 pDW mmt anöiK toien Jeder san& was im zugeteilt war, Moses begann rad die Chöre fielen rechtzeitig ein. Auf den mächtig anschwellenden Rachechor der Egypter pK ^2 mhnn bhw phn* *ttc (6 *t ib^mn Ich 3a8e nach> h°le eini verteile Beute, kühle an ihnen meinen Mut, ich zücke mein Schwert, ausrottet sie meine Hand, auf diesen Rachechor antwortete ein anderer in sanften, getragenen Tönen, das Säuseln des Windes nachahmend, ne^3 (7 onn* d*ö3 rnöTO Mit «iödd *]nra Du hauchtest mit deinem Odem, es deckte sie das Meer, wie Blei waren sie hinabgerollt in der Gewässer Tiefe. Und nach diesen beMen Chören fiel die ganze Gemeinde ein mit d&r Strophe d^M -pM *ö (8*6s> rm jvtoin kid npa mro ^tw Wer gleicht Dir unter den Göttern, Aionai, wer gleicht Dir herrlich in Heiligkeit, furchtbar La Ruhme, Wundertäter? Woher nun, so muss man fragen, hat das Sklavenvolk das Zusammensingen und Zusammenstimmen gelernt? Nun, hätten unsere Ahnen schon in Egypten, jeder für sich allein gesungen, sie wären kaum imstande gewesen, Ghorgesänge aufzuführen, denn dann hätte gewiss einer den anderen überschrien, aber es kam wie eine Naturgewalt über sie, die endlich erlangte Freiheit hob sie in jene Höhe empor, wo es keine Dissonanzen gibt, wo alles harmonisch klingt, und so ordnete sich jeder willig und bescheiden dem Ganzen unter. Und diese Tatsache, dass Israel seinem Gotte in und mit einem Liede gedankt, sie ist hochbedeutsam, sie ist charakteristisch für unsern ganzen Gottesdienst; denn sie bezeugt es, dass Ismel durch die Freiheit singen und durch den Gesang festen gelernt hat. Die da immer von der verhältnismassig grossen Jugend unserer Gebete reden, die da meinen, wir Juden beten erst, seitdem wie keinen Opteidienst mehr haben, die wissen nichts davon, dass Jas freie Israel stets gesungen und dass all seine Gesänge Gebete waren, die vergessen vor allem, dass David, der Begründer des grossen Psalmbuches, einen Singerchor von viertausend Leviten eingeführt und dass die Sänger und die Gesänge von Zion im Auslande so berühmt geworden, dass die babylonischen Sieget die judäischen Gefangenen aufforderten (9p*jp «ppg ify Singet uns ein Zionslied! Freilich gab es keine feste Gebetordnung, keine alten Siddur, , keine neue Teffillah, kein Berliner, kein Breslauer, kein Mannheimer modernes Gebetbuch, denn solange Israel in Freiheit lebte, war eben die Freiheit die Tiefquelle, aus welcher der Gesang und mit dem Gesang auch das G-ebet emporsprudelte. Nach jedem Siege entstanden nesae Lieder, von Debora bis aufJuda Makkabi herab ist Jeder Erfolg, jede Errungenschaft durch neue gottinmiige Gesänge verherrlicht worden; und selbst nachdem Israel längst über das ganze Erdenrund zerstreut war, hat die jüdische Volksseele, in den Ländern wo sie frei atmete, wie im sonnigen Spanien unter den Mauren, in herrlichen Dichtungen gejubelt und gebetet. Ja, die Gebete des freien Israel waren Gesänge, die Psalmen sind der Reihe nach oniöTö Lieder, die nicht gesagt, sondern gesungen werden müssen; aber seitdem Israel die Harfe wieder an die Weiden getagt, seitdem es wieder sein Brot in Tränen ass, ist ihm von den ehemaligen Liedern 5) Mechilta z. St. 6) IL B. M. 15, 9. 7) II. B. M. 15, 10. 8) IL B. M. 15, 11. 9) Ps. 137, 3 b.