Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Article
Kinder der Erde
Date
1903-04-10
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316036-3331213--39276-3331337
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Geschichte Israels ist ein fortwährendes Streben, eine ewige Sehnsucht nach Freiheit. Als die Juden ihre Unabhängigkeit verloren hatten, haben sie auch zugleich das Gefühl für das gesunde, normale I^ben eingebüsst. Losgerissen von der Heimätsscholle, gezwungen, den Freuden des Lebens, dem hellen Scheine der Sonne, der jubilierenden Stimme der Natur, stumm und teilnahmslos gegenüberzustehen, verlernten die Juden allmählich den Sinn ihrer grossen Feier, sie vergassen den Zusammenhang, den diese Feier zwischen dem Individuum-Natur und dem Individuum-Volk bildet und richteten ihre ganze Energie, ihre ganze überschäumende Kraft in ihre eigenen Seelentliefen, in die ewig grünende Idee des Volkstums. Es wiederholte sich dasselbe Wunder, wie einst bei den Urvätern im Lande Pharaos. Die Erde, die stumme, nahm ihre Sehnsucht, ihre Träume auf und nährte und schützte sie____„Jahre kommen und vergehen, Menschentränen träufeln immer Auf die Erde, und die Erde Saugt sie ein mit stiller Gier." Aber die Juden haben den Zusammenhang zwischen ihrer inneren Welt und der äusseren, zwischen ihren Träumen und Hoffnungen und dem wirklichen, wahren Leben vergessen; sie haben sich von der Erde losgerissen und ihre Wünsche sind auch nicht irdisch, sondern mystisch, ihr eigenes Geb et um Rückkehr in das Land Israel hat bei gar vielen nur eine poetische, transzendentale Bedeutung. Was Wunder, wenn sie, die hinter sich eine unendliche Reihe-der Leiden hatten, einen Kampf, der im Tode gipfelte, auch ihre ferneren Geschicke im Tode, dem Erlöser, sahen; was Wunder, dass sie einem inneren Drange des Menschengemüts, an das Leben zu glauben, auf das kommende Glück zu harren, folgend, ihre ganze Freiheitssehnsucht in das Jenseits verlegten, in die Zukunft nach dem Tode. Aus diesen tiefen Charakterzügen erklärt sich auch die schöne, traurige Sage von dem Tode im Nissan, der das Ideal eines jeden gläubigen Juden war und ist. Sterben in Nissan, im Lenze, „sterben in der Schönheit* — das war der Wunsch eines verzweifelten, aber nicht resignierten, noch immer hoffenden, im Tode, quand meme, tragischen Volkes! Ihr äusseres Leben und ihr inneres Streben, ihre innerste, unbewusste Hoffnung, die Hoffnung der zahllosen Glieder des jüdischen Stammes in der Vergangenheit, stehen im Widerspruch miteinander und dieser Umstand wirkt anf die beiden Seiten des Lebens zurück. Ein Same, der zu lange in der Erde verweilt, beginnt schliesslich zu faulen, sich zu zersetzen; um das zu vollführen, was von der Natur in ihn hineingelegt ist, wozu er bestimmt ist von des Lebens Kraft, die er in sich trägt, muss er auf die Oberfläche der Erde, an die Sonne kommen. Eine Idee, wenn sie zu lange unter der Schwelle des Bewusstseins sich befindet, wenn sie zu lange nur ein Traum, eine Phantasie bleibt, verliert schliesslich die Fähigkeit, je an das klare Sonnenlicht zu treten, zur Tat zu gedeihen, sich zu verkörpern. Wir Juden haben zu lange unter der Erde gelebt, wir müssen auch einmal auf die Erde; wir müssen Menschen, gesunde, normale, irdische Wesen und nicht Gespenster, unterirdische Geister sein. Wir haben zweitausend Jahre unsere grosse Lebensidee gehegt und gepflegt in der Tiefe unserer Herzen, wir haben für sie gelitten, unsere besten Männer sind für sie gefallen, es war ein langer, schwerer, kalter Winter, in dem wir nur durch die Schläge, die wir regelmässig erlitten, durch die Blutströme, die über uns sich ergossen, erwärmt wurden; wir hatten einen unruhigen Winterschlaf mit Alpdrücken und grausigen Träumen, jetzt aber, im Frühling einer neuen Epoche, am Beginne eines neuen Lebens werden wir uns dessen bewusst, dass die Stunde geschlagen hat, wieder »Kinder der Erde" zu werden, wie jene in Egypten, Und deshalb ist auch für einen modernen Juden, für jeden ohne Unterschied seiner inneren Ueberzeugung, das Passah-Fest ein ewig junges Symbol der Auferstehung unseres Volkes auf seiner auferstehenden Erde------- Passah*). In der Villa des alten Littwak hatte man die Passahfeier vorbereitet. Es war Abend, als die Gäste zurückkehrten. Der russische Pope von Sepphoris war schon vor einer Stunde eingetroffen. Jetzt kam auch David in Begleitung des Franziskanerpaters Ignaz. Dieser war ein wohlgenährter rotbackiger, blondbärtiger Mann, den die braune Kutte noch gedrungener erscheinen liess. Er stammte aus Köln am Rhein und lebte schon seit einem Vierteljahrhundert in Tiberias, doch hatte er noch seinen unverfälschten kölnischen Dialekt im Munde. Anders als Deutsch konnte der gute Pater nicht sprechen. Der Pope und der Anglikaner Mr. Hopkins machten darum löbliche Anstrengungen, sich mit Pater Ignaz in seiner Muttersprache zu verständigen. Der Sedertisch war im Speisesaale des Erdgeschosses hergerichtet. Etwa zwanzig Gedecke lagen auf dem schimmernden Linnen. David hatte allen Gästen die Plätze angewiesen und sass selbst am unteren Ende der Tafel, der sein Vater präsidierte. Der Stuhl zur Hechten des alten Littwak blieb aber leer, weil er für die kranke Mutter bestimmt war; sie konnte nicht an der Feier teilnehmen. Zur Linken des Hausvaters sass Mrs. Gothland, Das schöne uralte Melodrama des Seders begann. Der erste Becher war eingeschenkt und der Hausherr sprach das Kidusch-Gebet, worin für die Frucht des Weinstockes und für alle Gnaden gedankt wird, welche Gott seinem Volke erwiesen hat. „Ewiger, unser Gott! Du hast uns bestimmte Zeiten zur Freude, Fest- und Feiertage zur Wonne gegeben, wie diesen Festtag des ungesäuerten Kuchens, die Zeit unserer Freilassung zur heiligen Verkündigung, zum Andenken unseres Ausganges aus Mizrajim . . " Als dieses Gebet vorüber war, trank man den ersten Becher. Kingscourt sah nur zu. Da neigte sich Mrs. Gothland zu ihm, in englischer Sprache flüsternd: „Sie müssen alles mittun, was die anderen machen. Es ist der Brauch." Kingscourt würgte einige Deibel hinunter, hatte aber Humor und gute Lebensart genug, die sonderbaren Gebräuehe den übrigen Gästen gleich zu befolgen. Die christlichen Seelsorger schlössen sieh auch nicht aus. Jetzt wusch der Hausvater sich die Hände in einem silbernen Becken, das Mirjam ihm dienend reichte. Hierauf nahm er von der vor ihm stehenden Sederschüssel ein Stückehen Petersilie, tauchte es in das Salzwassergefäss, sprach den Segen und ass es. Dann wurde jedem der Tischgenossen ein wenig Petersilie gegeben, und jeder ass es. Kingscourt mit einer lustigen Grimasse, über die seine Nachbarin Mrs. Gothland sanft lächelte. Dann wurden das Ei und der Knochen mit dem gebratenen Fleisch von der Sederschüssel genommen, und die verhüllte Platte hob man hoch mit den feierlichen Worten: *) Aus „Altneuland", Roman von Theodor Herzl. Leipzig. Hermann Seemann Nachfolger.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.