Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 14 (3.4.1903)
- Article
- Das Volk Israel
- Date
- 1903-04-03
- Page
- 17 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14 „Die j£ Weit- Seite 17 tagen nur zu dem Zwecke 70 Opfer gebracht, damit aucli den 70 Völkern der Erde ihre Sünden vergeben werden. * Wie dies Taube ihrem ersterwählten Gatten treu bleil>43 so hat Israel steinern Gotte stets Treue bewahrt. * Wie die* Taube einst dem Noa (in der Arche) Liebt verkündete, s«o brachte auch Israel den Völkern Licht. * Wie die Taube ihren Taubenschlag nicht aufgiüb, selbst nachdem ihr uie Jucgen aus demselben genommen wurden, so lörte Israel nicht auf, nach der heiligen Stadt zu pilgern, auch nachdem das Heiligtum zerstört worden war, * Wie di«e Taube nach langen, weiten Ausflügen wieder in ihr Nest trifft, so wird Israel trotz aller Zerstreuung wieder sein H-eim finden. * Israel gleicht dem Oele: Wie dieses sich mit keiim* Flüssigkeit vermischt, so kann Israel unter den Völkern nicht aufgehe». * Israel gleicht der Rose: Wie dLfese aus einer Umgebung von Dornen schwerst pflücken ist, so vollzieht sich die Erlösung Israels unter grossen Schwierigkeiten. * Wie di«e Rose unter Domen, vom Winde nach allen Seiten gebeugt und von den Dornen zerstochen, denno ch ihren Kelch nach oben gerichtet hält, so bleibt Israel trotz allseitiger Bedrückung und Belästigung dennoch aufrecht. * Wie die Rose, vom Sonnenbrand getroffen, welk erscheint, vom Morgentau besetzt, aber bald frisch erblüht, so scheint Israel unter dem erdrückenden Schatten ies Feindes welk, hört aber dieser Druck auf, so erwacht es m neuem blühenden Leben. * Wie iL» Rose aus den sie umgebenden Blumen hervorleuchtet, so ist Israel unter den Völkern erkennbar. * Wie 4 »Rose für Sabbat und Feiertage bestimmt ist, so ist Israel der kommenden Erlösung aufbewahrt, M. B, Ein Ritualmordversuch. Von Rosa Pomeranz. „Gott sei Dank!* Die „Schmira-Mazostf waren fertig und Reb Aron, der Schochet aus dem ostgalizischen Dorfe Janöwka, tonnte sich auf den Heimweg machen, die kostbaren Österlichen mit sich führend. Wisset ihr aber auch, was „Schmira-Mazos" sini? Ich glaube kaum, sofern ihr nicht russische oder galizische Juden seid, Das sind Mazos, die von den frömmsten Juden im Hause und unter Aufsicht des Rabbiners höchst eigenhändig bereitet und gebacken werden. Sie sind aus dem dunkelsten Mehl, dick und lulb roh. Je schwärzer, dicker und roher, desto koscherer. Diese Kuchen, Kartoffeln und Fleisch bilden acht Tage lang die NLhrung der Frommen. Bei den Armen fällt as Fleisch weg; es bleiben die „Schmira-Mazos" und die Kartoffeln. Reb A.ron hatte sich weidlich abgemüht. Der Schwei ss rann ihm nur so von Stirn und Wangen, als er den T>ig knetete, waLIcte und die dicken Plätzchen in den Ofen schob. Nicht weniger als zehn Stück waren „chomezig" geworien, bis es ihm endlich gelang, sechs ganz, ganz koschere 7,u erhalten. Er nahm Abschied vom Rabbi, und nachdem er seinen Schatz in einem Leinwandsäckchen verwahrt halte, benützte er die erste, schlechteste Fahrgelegenheit, um aas der Stadt, dem Wohnsitze des Rabbi, nach Janöwka zurückzukehren. Eine iLalbe Meile hinter dem Dorfe musste er abgeladen" werden. Der Fuhrmann sollte mit seinen zahlreichen Passagieren links abbiegen. Reb Aron, ein schwächliches, armseliges Männchen, legte seufzend das Leinwa_Qdsäckchen Sem frömmsten Mitreisenden in den Sclwss, kletterte mit Mühe von dem hohen Leiterwagen, emping darauf vorsichtig sein teures Eigentum und trottete, nach einem „koscheren Jomtow"-Wunsch, seines Weges. Vor Ostern zu Fuss auf dem Wege nach einem galizischen Dorfe! Was das bedeutet, vermag nur ein Eingeborener zu beurteilen. Reb Are» versank stellenweise im weichen, kotigen Boden. Er hustete alle fünf Minuten. Das war so eine alte Gewohnköit von ihm. Doch auch das Schlimmste, sogar das Leben, hat ja ein Ende. So kam Reb Aron endlich ke^i chend in Janöwka und vor seiner Wohnung, in der wackeligen Bauernhütte, an. Seine Frau erwartete ihn sehnsüchtig. Zwei Kälber waren zum Schächten gebracht worden. Sie brauchte so dringend etwas Geld und Fleisch für die Feiertage! Das erste was Reb Aron tat, war ni<ctit etwa ausruhen, noch etwas zu seiner Stärkung nehmen — er hatte seit früh morgens nichts gegessen — sonderm die Bergung der schwer erlangten Mazos. Er begann üher ein passendes Versteck nachzudenken, wo sie von niemandem — Gott behüte! — berührt und, was noch besser wäre, wenn mögkich nicht gesehen würden. In der kleinen Bauernstube w.aren sie vor den Händen der Kinder oder gar der JSauernjungen, die manchmal hereinkamen, nicht sicher. Reb Aron hatte eine Idee! Auf dem Dachboden gab es ein^ halbdunkle Ecke, dort, wollteer das inhaltsreiche Leinwandsäckchen aufhängen, mit einer Schnur am Balken befestigen, damit es frei in der Luft schwebe wie Mohammeds Sarg. Gedacht, getan! Zufrieden, das Wichtigste für P^ssach gut besorgt zu haben, ging Reb Aron, nachdem er &=ine Kleinigkeit zu sich genommen, daran, sein mächtiges Schächtmesser haarscharf zu wetzen, um die wartendes Kälber so rasch und schmerzlos als möglich abzutun. Ganz vertieft in seine Arbeit, bemerkte er gar nicht, wie di& Bäuerin Nastka — eine Mitbewohnerin der Hütte — an ihm vorbeischwankte. Sie trug einen grossen Wäschepaek auff dem Rücken. Erst als die Leiter, die zu dem Dachboden führte, unter den schweren Tritten zu knarren begann, fuhr Reb Aron empor. Er sah gerade noch die Frau in der Deckenöffoung verschwinden. Ein Schauder durchrieselte ihn: kalter Schweiss trat auf seine Stirne: däe Schmira-Mazos! Wenn Nastka sie berührte! Dann waren sie „choinezig* und er hatte an den Sederabenden nichts, worüber er das „alachilath maza" sprechen könnte. In sinnlosem Schrecken, nur d a.rauf bedacht, der Bäuerin zuvorzukommen, stürzte Reb JWron mit verfärbtem Gesicht, das blanke Schächtmesser nocli in der Hand, zur Leiter hinauf und auf den Dachboden. Einen Moment später ertönte tob dort oben ein markerschütternder Schrei; man horte darauf einen schweren Fall und auf der obersten Leitersprosse erschien Nastka — wahnsinnige Angst im Gewehte! Mit ohrenzerreissendem Geheul kollerte sie iE rasender Eile die Leiter herunter: „Der Jud' wollte mich morden, zu seinen Ostern schlachten!" schrie sie wie besessen. Der Knecht eilte vom nahen Kuli stall, der Gatte vom Hofe herbei: „Wo? Wann?" „Dort! Jetzt eben!4 Sie wies mit zitternder Hand nach dem Heuboden: „Ich habe ilm aber zu Boden geschlagen* . . . Die beiden eilten hinauf. Reb Aron lag noch immer, mehr tot als lebendig, am Boden. Der Schreck, als äie stämmige Bäuerin ihn so plötzlich überfiel, die von dem Sturz, arg zerschlagenen Knochen machten ihm das Aufstehen unmöglich. Er lag da und stöhnte. Im Nu hatten ihn die beiden Bauern gepackt, ihm das Schächtmesser, das er gedankenlos noch immer in der Hand hielt, mit Leichtigkeit entwunden und den Sprachlosen unter Misshandlungen uniMüchen an Händen und Füssen gefesselt. Das ganze Dorf war inzwischen alarmirt worden. Der zufällig im Wirtshause anwesende Gendarm war gleich zur Stelle, und obgleich ihm der gange Vorfall sonderbar vorkam, lud er doch, seiner Pflicht getreu, Reb Aron, seine Frau und ihren ältesten Jungen auf eine bereitwilligst zur Verfügung gestellte Fuhr?, und fort ging es zur Stadt, in das Kreisgerichtsgefängniss. Die paar Juden im Dorfe rangeo die Hände. Doch durften sie ihre Teilnahme durch kein unbedachtes Wort bekunden. Sie wären sonst ihres L-ebens nicht sicher gewesen oder gar ebenfalls auf die Futore geladen worden. Der unglückliche Reb Aron samt Weib und Kind „feierten" die Sederabende in der drelhaften, schauderhaften Zelle eines ostgalizischen Gefüngnisses, ohne zu begreifen, wessen man sie eigentlich t> e-schuldigte. Das Winkelblättchen der Kreisstadt aber berichtete über einen grässlichen Ritualmord versuch, .,der nur durch