Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 14 (3.4.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-04-03
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316035-3330998--39248-3331120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 16 ,Die & Welt" Nr. 14 ernst, dass er ihren Christus nicht einmal gesehen, viel weniger ihn getötet habe, aber seine Worte wurden vom spöttischen Geheul der Menge verschlungen. Dann wollte er weitergehen, aber ein fremder Junge schrie: „Aus dem Weg hier!" und stiess ihn in den Rinnstein. Diese Heldentat wurde mit beistimmendem Gelächter begrüsst und der Junge, so zu weiterem Kampfe angeregt, pflanzte sich vor Schimmele auf und versperrte ihm den Weg. Dieser Knabe sah wesentlich anders als die übrigen aus; die breite Stirne und klargeschnittenen Gesichtszüge der teutonischen Rasse unterschieden ihn von den stumpfen Gesichtern seiner slavisehen Gefährten. Er wTar weniger unordentlich gekleidet, und sein Wesen hatte etwas Fremdes. Wie es schien, war er der Anführer der Schar. „Nimm deine Kappe ab, wenn ein Christ spricht," befall! er. Die Knaben bildeten einen Kreis um Schimmele und seinen Quälgeist und platzten schier vor Lachen über dessen einzige Art, sie zu unterhalten. Schimmele war vor Angst blass geworden. Vergebens suchte er in allen Gesichtern einen einzigen freundlichen Blick. Widerstand war nutzlos. Er erhob die Hand, um die Kappe zu lüften, aber bevor er sie erreichen konnte, wurde sie ihm vom Kopfe gerissen und in den Kot geschleudert. Dies rief noch mehr ermutigendes Gelächter hervor, und der kleine Peiniger, dessen. Ehrgeiz, zu glänzen, schwoll, schrie nun: „Schaut her, Jungen, ich werde euch zeigen, wie man diese Judenhunde behandeln soll." Die Knaben blickten erwartungsvoll, und Schimmele wurde noch blässer. „Jetzt mach' eine Verbeugung," schrie der kleine Tyrann. Die Knaben gröhlten vor Vergnügen, aber Schimmele sah plötzlich aus, als ob er sieh widersetzen wollte. Er brannte vor Scham, dass er, das Bocherl, der Stolz der Gass', sieh dumm» niederbeugen sollte, als Spielzeug für diese Gojim in der Strasse, aber ein Windstoss über seinen Kopf brachte ihm seine Hilflosigkeit ins Gedächtnis. Er erinnerte sich auch, dass eine stete Lehre seines kurzen Lebens hiess, nichts zu erwidern, wenn man beleidigt wird. Er wünschte nichts, als zu seiner Grossmutter in Frieden und unversehrt zurückzukehren, denn er wusste, wie diese sich grämen würde, wenn ihm etwas zustossen würde. So presste Schimmele die Zähne aufeinander und begann mit fahlem Gesichte, sieh ernst vor der johlenden Schar zu verneigen. „Tiefer, tiefer!" Schimmele verneigte sich tiefer und feierlich. Aber der kleine Quäler hatte noch nicht genug. „Jetzt/'" rief er, „knie nieder!" Der Haufe gröhlte lustig, und Schimmele hatte keine Zeit, zu widersprechen, denn ein Dutzend starker Hände drückten ihn schnell auf die Knie. Der Gipfel war noch nicht erreicht. Der kleine Unhold hatte mit künstlerischem Instinkt das beste für zuletzt aufgehoben. „Jetzt/4' schrie er, strahlend im Gefühle kommenden Erfolges, „jetzt bekreuzige dich!" Das war der Höhepunkt der Abgeschmacktheit, und die Jungen* brüllten vor ausserordentlichem Entzücken. „Bekreuzige dich! Maelv das Kreuz, JucP!" jauchzten sie im Chorus. Aber der Künstler hatte nur mit Schimmele und nicht mit vielen Jahrhunderten seiner Vorfahren gerechnet. Diese kamen nun sonderbarerweise mit in das Spiel. Schimmeies Gesicht wurde hart wie Eisen. Das Blut war in seine Wangen zurückgekehrt, und seine Augen blickten furchtlos in die seiner Quäler und glühten beredt in äusserster Geringschätzung. Der Künstler fühlte seine Macht sehwinden. Die Knaben aber gröhlten und die Spitze ihrer Belustigung schien sich auf ihn selbst zu übertragen. „Bekreuzige Dich!" brüllte er wieder und stiess und puffte Schimmele in seiner Wut; aber das Blut von Schimmeies gemarterten Vorfahren kochte in dessen Adern, und hätten sie ihn in Stücke zerschlagen, er hätte das Zeichen des Kreuzes nicht gemacht. Aber jetzt kam Bomul, der Sohn der Feuerfrau, und bewahrte Schimmele vor weiteren Quälereien. War es die natürliche Bewunderung des Mutes oder das Andenken an alle köstlichen Sabbatbrote, die er in Mirjams Haus gegossen hatte, er rief plötzlich aus: „Lauft, Kameraden, die Wache kommt!" Die Knaben zerstreuten sich; Schimmele sprang auf seine kleinen Füsse und lief, aber die kleine Horde, als sie sich betrogen sah, liess ihren Zorn in charakteristischer Weise — sie hatte es von ihren Eltern gelernt — nicht an Bomul, der Ursache, sondern an Schimmele, dem Opfer aus. Aller Stolz, aller. Mut hatte ihn verlassen; ein kleines Ding voll zitternder Angst, lief er wie ein gejagter Hase, und sie warfen mit Steinen nach ihm. Es war Zwielicht, als er in das Haus kroch und sich still in einen Winkel setzte. Sein einziger Wunsch war, seiner Grossmutter den Schmerz zu ersparen, etwas zu erfahren. Mirjam sass im finstern und missdeutete sein Schweigen. „Man hat dir also das Geld nicht gegeben?" „Nein, nichts!" sagte Schimmele schwach. Mirjam.blickte durch das Dunkel in die Eichtling nach Schimmeies zitternder Stimme. Mit einer plötzlichen Empfindung,dass etwas nicht in Ordnung sei, sprang sie auf und zündete eine Kerze an. „Schimmele," schrie sie, „wie siehst du aus?" Er war ohne Hut und kreideweiss und zitternd, und ein dünner Streifen Blut aus einer Wunde hinter dem Ohre rieselte auf seinen Hals hinab. In einem Augenblicke hatte sie ihm die Kleider herabgerissen und enthüllte den kleinen, runden Rücken, dessen weisses Fleisch blau geschlagen und mit dem Blute von seinem Kopfe besehmutzt war. Mit weissen, zitternden Lippen erzählte Schimmele die jämmerliche Geschichte seiner Verfolgung. „Sie wollten, dass ich laut schreien soll, aber ich wollte nicht,"sagte er mit Würde, aber als er zum Ende kam, zum unwürdigen Ende mit Flucht und Steinwürfen durch die Strasse, konnte er nicht länger an sich halten. „Sie haben mit Steinen nach mir geworfen — in der Strasse — wie nach einem Hund," rief Schimmele, das Bocherl, der zukünftige Oberrabbiner, und brach in bitteres Schluchzen vor Elend und Scham aus. Mirjam schaukelte ihn in ihren Armen. Sie konnte nicht weinen. Ihr Herz wand sich in äusserstem Schmerze; ihre Seele brannte in leidenschaftlicher Empörung. „Ein kleines Kind!" wehklagte sie. „Mein Schimmele!" (Fortsetzung folgt.) Das Volk Israel in Geiehnissen des Midra sch. Israel gleicht der Taube : Wie die Taube sich anmutig bewegt, so ist Israel anmutig auf seiner dreimaligen Pilgerfahrt (an den hohen Feiertagen) zum nationalen Heiligtum. * Wie die Taube geduldig ihren Hals zum Schlachten bietet, so hat Israel oftmals Martern und Tod für seine Ueberzeugung ertragen. Wie von den Taubenarten Opfer der Sühne dargebracht wurden, so hat Israel an seinen hohen Feier-