Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 14 (3.4.1903)
- Article
- Ems [Nachricht]
- Date
- 1903-04-03
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „Die sg* Welt6* Seite 9 Warschau. JDer Gemeinderat von Warschau zog unlängst die Frage der Aufnahme von kranken Juden in die städtischen Spitäler von Warschau in Beratung, Wie der „Warsehawskij Dnewnik" meldet, beschloss (3er Gemeinderat, kranke Juden nur dann aufzunehmen, wenin sie im Besitze einer Legitimation sind, welche bestätigt, dass der Betreffende im jüdischen Spital keine Aufnahme gefunden hat. Die Sache der Barmherzigkeit wird also für Juden von Bedingungen abhängig gemacht . . . Warschau. Das Gesuch der hiesigen Judenschaft um Genehmigung zur Gründung eines Hilfsvereins für kranke Juden in Warschau wurde, wie der halbamtliche „Warsehawskij Dnewnik" meldet, von der Zentralbehörde zuritekgewiesen» Wilna. Wie schwer es den Juden fallt, die Erlaul)3iis der kompetenten Behörde zur Eröffnung eines neuen jfcethauses zu erwirken, beweist folgender, von dem „Wilenskij Wjestnik" mitgeteilter Fall. Anfangs 1898 haben die in Wilna lebenden#Chassidim die Gouvernements-Verwaltung ersucht, ihnen den Bau eines Tempels in der Vorstadt Snipisdeki zu gestatten. Die Verwaltung erklärte, die Sache dem General-Gouverneur von Wilna vorlegen zu müssen, weil sie angeblich von Juden, die sich Chassilim nennen, nichts gehört habe. Auch der General-Gouverx«ur von Wilna wies die Entscheidung in dieser Sache (Lern Ministerium des Innern zu. Fünf Jahre währte die Sache, und erst jetzt ist die Entscheidung aus Petersburg herstbgelangt, wonach den Chassidim gestattet wird, im Priwathause des Juden Gar b er ein Bethaus, aber keinen Tempel zu eröffnen. G1- Pa!ä8tina. Jerusalem. In der Nacht vom 29. auf den 30. 1 ärz wurde nach Mitternacht hier ein starker Erdstoss vers]} (irt. Die Bevölkerung ist sehr beunruhigt. An den Gebämden verursachte der Erdstoss keinen nennenswerten Schaden. Welt-Sbronik. Personalnachrichten. Unser geschätzter Gesinnungsgenosse Mr. Jacob de Haas hat an Stelle von Mr. Joseph Jacobs die Redaktion des „Eastside Journal" in Hew- York, des Organs des New-Yorker Judentums, übernommen. — Herr Architekt Oskar Marmorek hat die Vormundschaft der Kinder des verewigten A. El bin Braudes übernommen und wird mit Hilfe der Gesinnim gsgenossen nach Möglichkeit für sie sorgen. Ein Synagogenjtibiläum. Am 15. März beging die jüdische Gemeinde in Mainz das Jubiläum des fünfzig]ähiigen Bestandes ihrer Synagoge. Rabbiner Dr. Salfeld hat aus diesem Anlasse eine Festschrift herausgegeben, betitelt „Bilder aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde Mainz". Zur Konitzer Blutbeschuldigung. Die „Deutsche Hochwacht" (12. 3.) brachte folgende schwarzumränderte Nfrbiz : „Ein Gedenktag für das deutsche Volk war der gestrige 11. März. An diesem Tage des Jahres 1900 wurde E rnst Winter in Könitz von fanatischen Hebräern ermoidert. Sein Blut wurde beiseite geschafft. Wenn auch in diesem Falle der Behörde die Ermittelung der Mordbande ebensowenig gelungen ist, wie sie in den vielen gleichartigen Fällen (Xanten, Ulm, Rixdorf, Braunsenwelg, Skmrcz) gelungen ist, und wenn auch wenig Hoffaung vorhanden ist, dass die Blutmorde nächster Jahre aufgeklärt werden könnten, so behalte wenigstens du, deutsches Volk, den 11. März im Gedächtnis, in dem Vertrauen, dass es loch noch gelingen werde, in den „leitenden" und verantwortlichen Kreisen das Vorurteil zu bannen und ein klares Urteil zu ermöglichen, und schwöre von neuem Rtehe, Rache für die hingeschlachteten deutschen Volksgenossen! Nicht eher, Deutscher, soll sich dein Grimm und dein Eifer legen, bis die Organe der Rechtspflege dir die Antwort gegeben haben auf unsere immer wiederkehrende Frage: Wer sind die Mörder?" Der Hostienpilz. Zu den „religiösen Wundern* des Mittelalters, die über unsere Vorfahren unsägliches Leid gebracht haben, gehörten die „blutenden" Hostien, und noch heute gibt es einzelne Kirchen, die derartige wun derbare Hostien aufbewahren und von Zeit zu Zeit feierlich aussteilen. Die Forschungen haben nun erwiesen, dass es sich hiebei gar nicht um Blut und Wunden handelt, sondern um Bakterien, die sich überaus rasch vermehren und einen stark roten Farbstoff ausscheiden. Mese Bakterie führt den wissenschaftlichen Namen BaciLlus prodigiosus und gedeiht vorzugsweise auf gekoelften Rüben, Kartoffeln, Mehlspeisen u.'s. w. Professor Migula bemerkt in seinem eben erschienenen allgemeinverständlich gehaltenen Buche „Die Bakterien" (Leipzig, Ferlag von J. J. Weber), dass der Hostienpilz auf organischer Masse gedeiht und in kurzer Zeit grosse, blutrote Flecken von schleimiger Beschaffenheit und höchst widerlichem Geruch erzeugt. Nach dem Absterben des Pilzes trockn e=n natürlich die Flecken ein, aber die Farbe bleibt. Auf (Un Hostien, sagt Professor Migula, die in feuchten, dumpfen Kirchen die besten Bedingungen für das Gedeihen jenes Pilzes boten, zeigte er sich zuweilen, und man glaubte dann natürlich, dass es das Blut Christi sei, welchem sich dort zeigte, um irgend ein Verbrechen anzuzeigen oder eine Warnung zu geben. Wer heute mit einer neuen blutenden Hostie herauskäme, würde sich verdienten» assen dem allgemeinen Gelächter aussetzen. Der Pilz macht sich dagegen bisweilen in Bäckereien unangenehm bemerkbar, indem er das Brot mit dunkelroten Stelle» überzieht und ungeniessbar macht. Nach Professor Migula ist es wahrscheinlich auch dieser Pilz, der gelegentlich von Schwindlern benützt wurde, um die Wunden Christi an ihrem Körper hervorzubringen. Wenigstens ist Professor Migula in den Besitz eines Leinwandlappens gekommen, mit dem eine derartige Wunde abgewischt worden war. und er konnte an den roten, schon etwas verblassten Stellen fast eine Reinkultur eines Bakteriums erkennen, das mit dem Hostienpiiz Aehnlichkeit hat, Ein interessanter Tag. Ostersonntag und d«r erste Tag des jüdischen Passahfestes fallen in diesem Jahre zusammen. Das ist ein Ereignis, welches seit langer Zeit nicht stattgefunden hat. Das Konzil zu Meäa glaubte, dies Zusammentreffen unmöglich gemacht zu haben, indem es die Bestimmung traf, der Ostersonnta^ sollte am ersten Sonntag nach dem Vollmond der Frühlin gs-Tag- und -Nachtgleiche sein. Diese Rechnung erwies sich weniger genau, als die nach dem jüdischen Kalender. Diesen Kalender bezeichnete der berühmte Gauss als die feinste mathematische Berechnung; die diesjährige Konstellation am 13. April ist ein neuer Belag für «die Behauptung Gauss'. Ein Zusammentreffen der obengenannten Tage geschieht äussert selten und erst in vierjährigen Zwischenräumen. („Brest Ztg.") Ebul Berekat, der Einzige seiner Zeit, in seia em kürzlich erschienenen Werke: „Medizin, Aberglaube unlGeschlechtsleben in der Türkei" erwähnt Bernhard Stern, wie im Orient während des ganzen Mittelalters die «Faden in der medizinischen Welt einen hervorragenden Platz eingenommen und zeitweise hie und da die medizinische Praxis überhaupt ganz allein in Händen gehabt haben. So fungierte zum Beispiel zu Ende des XII. Jahrhunderts der Jude Ibn Ds chenin Nathaniel als Arzt des Sultans Ssalaeddin. Ibn Dschenin war ein grosser Gelehrter und Schriftsteller, der sieh besonders der reinsten Sprache beüeissigte. Seinen Ruhm begründete die Rettung eines Scheintoten, den er als solchen erkannte, als er auf der Bahre vorbeigetragen wurde. Ein anderer Nathan iel, mit dem vollen arabischen Namen: EbulBerekat H*ebetallah ben Ali ben Melka el Beldi und mit dem Beinamen „der Einzige seinerzeit", lebte um die Mitte des XII. Jahrhunderts. Er schrieb einen Kommentar zu dem Buche Kohelet, welcher noch jetzt als Meisterwerk de r hebräischen Sprache und Philosophie anerkannt ist. Er verfasste ferner ein Werk, betitelt „Motebir", „Das Geachtete", in dem er Mathematik, Logik und Naturgeschichte zusammentrug. Hammer-Purgstall nennt dieses Werk eines der schönsten Bücher, das die ganze Philosophie umiasst. So oft ein Seldschukensultan erkrankte, berief man zu ihm den „Einzigen seiner Zeit" aus Bagdad, dei" stets Heilerfolge erzielte und reich beschenkt heimkehrte. Seine Kollegen neideten ihm sein Glück und einer münzte auf ihn die folgenden Spottverse: Unser jüdischer Doktor ist so dumm. Besser wäre es, er wäre stumm, Doch er bellet, wie der Hund am Miste, Hätte er, ach, verlassen nie die Wüste! Nathaniel wurde später Moslem, seine Kinder aber folgten ihm nicht, sondern bliehen Juden und sagten sich vom Vater los. Vereinsamt, erblindet und tfüib starb der berühmte Apostat im Alter von 80 Jahren. Wie er Arzt wurde, wird in folgender Anekdote aufbewahrt: Der berühmte medizinische Lehrer Ebul Ha ssanben Hebetallah ben El Hosein hatte viele Schülei; wollte aber unter ihnen keinen Juden dulden, üm seine Vorlesungen trotzdem hören zu können, vermietete sich Ebul Berekat als Diener beim Türhüter des genannten Gelehrten; er erhielt seinen Platz im Vorsaale des LehrziniEiers, so dass