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Die Welt · 1903-04-03 · 14 (3.4.1903) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
14 (3.4.1903)
Article
Erster Wiener jüdischer Turnverein
Date
1903-04-03
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Dte <r Welt* Nr. 14 knüpft Denn nicht nur die Nerven- und Gemüts-, sondern auch die wirklich Geisteskranken haben ja sehr oft noch religiöses Gefünl genug, um sich in der ihrer gaD zen Denk- und Empfindungsweise fremden Umgebung recht unglücklich zu fühlen und in vielen Fällen auch sich die grössten Gewissensbisse über den Genuss nicht rituell zubereiteter Speisen zu machen. Oft sogar kommt es, wir wir aus zahlreichen Fällen wissen, zu konfessionellen Reibereien und Hänseleien seitens des Anstaltspersonals und der christlichen Patienten, so dass der Zweck des Aufenthalts illusorisch, ja statt der erhofften Besserung geradezu eine Verschlechterung des Leidens herbeigeführt weiden kann. Nur in spezifisch jüdischen Anstalten kann der jüdische Geisteskranke vor allen derartigen, ihm besonders schädlichen seelischen Erregungen bewahrt bleiben und nur in solchen ist es ihm möglich, seine, gewohnte Lebensweise unverändert fortzuführen; denn hier befindet er sich in einer ihm vertrauten Umgebung, die allen seinen religiösen Bedürfnissen liebevolles Verständniss entgegenbringt. Nicht minder dringend ist das Bedürfnis, jüdische idiotische Kinder in jüdischen Anstalten zu erziehen. Da die Errichtung einer eigenen Anstalt vorerst wegen der enormen Kosten eines solchen Unternehmena noch nicht in Betracht kommen kann, so haben wir die Absicht, die betreffenden Kranken in bereits vorhandenen, gut geleiteten jüdischen Anstalten unterzubringen. Es ist uns gelungen, die bewährte Anstalt zu weitgehendem Entgegenkommen zu bestimmen, indem sie sich bereit erklärt hat, die von uns empfohlenen Kranken zu bedeutend ermässigten Pflegesätzen aufzunehmen. Sobald es unsere Mittel gestatten werden, wollen wir auch dahin wirken, dass dieser Anstalt eine besondere Abteilung für idiotische Kinder angegliedert werde. Die Unterzeichneten sind zu einem Vereine zusammengetreten, welcher sich der Aermsten der Armen anzunehmen entschlossen ist. Es bedarf hierzu der Mitwirkung aller edlen Menschenfreunde. Wer im eigenen Glücke, in der Freude an dem Gedeihen seiner Unternehmungen und der Seinigen sich ein mitleidiges Herz bewahrt hat, der trockne mit uns die Tränen, lindere die Not und dasUnglück seiner Glaubensbrüder und -Schwestern! Jede Spende ist uns willkommen : „ Viele Wenig geben ein Viel, Vereinte Kräfte führen zum Ziel.* Folgen die Unterschriften. Vorsitzende sind Rabbiner Dr. W ein g art en (Ems) und med. Dr. C. Landau (Koblenz). England. London. Sonntag, den 15. März hielt Mr. Philipp Ornstein ein Referat über die Judenlage im Easfc-End von London. Er schilderte das Leben, die hygienischen und finanziellen Verhältnisse in düsteren Farben, machte auf die Anhäufung von Mengen jüdischer Einwanderer in einzelnen Stadtvierteln aufmerksam und schilderte das Elend, das daselbst herrscht. Nicht neue philanthrophische Institute seien nach seiner Meinung vonnöten, es gebe schon deren in Hülle und Fülle, sondern mehr Liebe zum Volke, eine intensivere innere Tätigkeit. Mit dem Volke selbst leben, sein Leid teilen und es kennen lernen, um es lindern zr können, das sei das geeignete Mittel. Redner schlägt dann vor, die Masse der Juden, die im East-Eed wohnhaft ist, zu dezentralisieren und dann für diejenigen, die an ihren Wohnsitzen bleiben wollen, zu sorgen. Zu diesem Behufe seien verschiedene Mittel geeignet, und zwar Gründungen von verschiedenen Klubs, Vereinen u. s. w. Eine charakteristische Stelle bieten die letzten Worte des Referates. Redner zitierte die Worte des Vizekönigs von Indien, Lord Curzon, der die Burmanen ermahnte, ihre nationale Individualität der europäischen Kultur nicht zu opfern. Dieselbe Aufforderung richtete der Redner auch an die „polnischen Juden". Es scheint, dass HerrOrnstein den Zionismus nicht kennt, denn sonst könnte er, da er schon auf diesem Standpunkte steht, zu anderen und zweckmässigeren Resultaten gelangen. Russland. Petersburg. Im Verlage des, hiesigen orthodoxen, zur Verbreitung des christlichen Glaubens und der Wohltätigkeit dienenden Vereines ist soeben eine Broschüre des Professors der St. Petersburger theologischen Akademie J. G. Troitzkjij „Ueber den Zionismus im kontemporären Judentum* erschienen. Der Inhalt dieser Broschüre ist im allgemeinen den Lesern der „Welt" schon aus einer kurzen Mitteilung in der Nr. 8 dieses Blattes bekannt. Prof. Troitzkij ist kein Gegner unserer Bewegung. Dennoch meint er, dass die Christen aus religiösen Motiven die Begründung eines Judenstaates in Palästina nicht zulassen werden. Dr. G. Gordon (St. Petersburg) schrieb daraufhin an Prof. Tr o i tzkij einen offenen Brief den derselbe als Beilage zu seiner Broschüre erscheinen, Hess. Dr. G. G o r d o n schreibt unter anderem folgendes : „Was kann die Christen von dem grossmütigen Akt zurückhalten, dem unglücklichen überall verfolgten Volke sein Vaterland wiederzugeben, das Land, wo seine ganze Geschichte sich abspielte und wo die teuren Gräber seiner Ahnen sind? Wäre es das religiöse Gefühl? Die Religion ist aber der Kodex von ideellen ästhetischen und moralischen Anschauungen, die die höchsten Strebungen des Geistes und die edelsten Bedürfnisse des Herzens ausdrücken. Könnte die christliche Religion gegen die Rückgabe von Palästina protestieren, dem das jüdische Volk seit zweitausend Jahren zustrebt, wenn diese Rückgabe die Gerechtigkeit identifiziert, wenn dadurch einem der höchsten Prinzipien der Moralität gehuldigt wird? Nein, die wahre Religion strebt immer nach Vervollkommnung und Veredelung der Menschheit, nach Einführung und Entwicklung von Gesetzen der höheren Moral und kann nicht dem widerstreben, dass der Judenheit ihr Vaterland, das ihr seit jeher gehörte und durch Gewalt geraubt wurde, zurückgegeben werde. Wenn man die Frage von Ihrem Standpunkte betrachtet, muss man glauben, dass das Christentum sich dafür am Judentum rächen will, was vor Jahrtausenden geschehen ist. Wo bleibt denn das wahre Vergeben des Christentums, wo — der hohe Idealismus, auf den es so stolz ist? Nein, es ist nicht die Religion, die sich dem widersetzen wird, dass Palästina und Jerusalem wieder unser werden: — die bleiben für jedermann heilig, wem sie auch gehören mögen: — Es widerstreben dieser gerechten Sache diejenigen, die den Geboten der Religion nicht in dem Masse folgen, wie es von derselben verlangt wird. Wenn die Menschen häufiger von den Anschauungen und Ueberzeugungen abstrahiren könnten, nach denen sie sich im Leben richten, wenn sie häunger von den Idealen, die die Religion predigt, durchdrungen wären, dann wäre das Leben leichter und schöner, weil in der Welt mehr Gerechtigkeit wäre. — g. Petersburg. Die durch die Ermordung des christlichen Knaben Rybalenko in Dubassary entstandene Hetze gegen die jüdische Bevölkerung dürfte nunmehr als beigelegt betrachtet werden, wiewohl die antisemitischen Blätter von Petersburg und Kischinew alles taten, um aus diesem Morde einen jüdischen Ritualmord zu machen. Wie den „Nowosti* nämlich aus Odessa aut telegraphischem Wege gemeldet wird, hat eine gerichtliche Kommission mit dem Ober-Staatsanwalt von Odessa an der Spitze, welche dieser Tage in Dubossary eingetroffen ist, die nochmalige Exhumierung der Leiche Rybalenkos angeordnet und nach genauer ärztlicher Untersuchung offiziell erklärt, dass alle Gerüchte, welche unter der Bevölkerung aus Anlass der Ermordung des Knaben verbreitet wurden, böswillige Erfindungen seien. Petersburg. Die Zahl jüdischer Deputationen, welche aus verschiedenen Gegenden des Reiches in Petersburg eintreffen, um für ihre in ihren Interessen arg bedrohten Volksgenossen zu intervenieren, mehren sich täglich. Nach der jüdischen Deputation aus Tiflis ist nun eine solche aus Bessarabien eingetroffen, um die Sistierung der Ausweisung vieler jüdischer Familien aus zahlreichen Dörfern des Gebietes, welche die dortige Behörde dekretiert hat, zu erwirken. Wie die Zeitschrift „Prawo" meldet, haben diese Ausweisungen zahlreiche jüdische Existenzen bereits vernichtet ... Petersburg. Der dirigierende Senat fällte dieser Tage eine Entscheidung, welche für uns Zionisten von besonderem Interesse sein dürfte. In Berditschew hatten vor geraumer Zeit die Zionisten eine Zionisten-Versammlung einberufen, ohne die Genehmigung der Behörde dazu eingeholt zu haben. Die Veranstalter der Versammlung wurden dem Strafgerichte überantwortet und von zwei Instanzen auch schuldig gesprochen und zu Freiheitsstrafen verurteilt. Infolge der Beschwerde der Verurteilten hob nun der Senat das Urteil auf mit der charakteristischen Begründung, dass die Einberufung von Zionisten-Versammlungen ohne behördliche Autorisation kein strafrechtliches Vergehen bilde. Warschau. Wie der halbamtliche „Warschawskij Dnewnik* meldet, haben einige reiche jüdische Kapitalisten, welche für die Verbreitung des Zionismus arbeiten wollen, beschlossen, im Weichselgebiete eine Stahlfedern-Fabrik zu eröffnen, weiche die Stahlfedern mit zionistischen Emblemen giessen wird. Den dritten Teil der Einnahmen legen die Fabrikanten zur Schaffung eines Zionisten-Fonds an, dessen Mittel zionistischen Wohlfahrts-Einrichtungen gewidmet sein werden.

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