Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Article
- Dreyfus in Kassrieliwke
- Date
- 1903-03-27
- Page
- 18 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 18 „Die s> Welt" Nr. 13 wurde: Zola und Labori. Für Zola hätte sich jeder einzelne förmlich geopfert. Wenn er nach Kassrieliwke gekommen wäre, die ganze Stadt würde ihn mit königlicher Ehrenbezeugung empfangen, ihn auf den Händen getragen haben. — Was sagt ihr zu Zolas Briefen? — Perlen! Diamanten! Brillanten! — Er haut sie, wie mit Schwertern! — Er durchwühlt ihnen ihr Inneres, diesenFranzo?en! Auch auf Labori hielt man grosse Stücke. Man war vergnügt und begeistert und ergötzte sieh an seinen Eeden. Ohne, dass ihn ein Kassrieliwker je gehört hatte, stand es für jeden fest, dass er der glänzendste aller Redner sein müsse. —■ Wie gefällt euch sein Reden? — Ein Mundstück! — Ein Organ! Ich weiss nicht, ob die Eamilie Dreyfus in Paris der Heimkehr ihres unglückliehen Angehörigen mit solchem Bangen entgegensah, wie die Kassrieliwker Juden. Fast glaubten sie sich mit ihm auf dem Wege von der Teufelsinsel zu befinden, fühlten sich auf hoher grausiger See, wo ihnen jeden Augenblick ein Sturm drohte. Bald, bald wird das Meer von heftigem Wirbel auseinandergepeitscht, turmhoch erheben sich die Wellen und werfen das Fahrzeug hin und her, auf und ab: — Herr der Welt — beteten sie still im Herzen — lass ihn doch unversehrt dörthin gelangen, wo der Prozess sein soll; o, öffne doch die Augen seiner Richter, gewähre ihnen die Einsicht, dass sie den richtigen Schuldigen finden,auf dass die ganze Welt unsere Unschuld erkenne, Amen! ... Der Tag, an welchem die frohe Botschaft von Dreyfus' Ankunft gebracht wurde, ward in Kassrieliwke zu einem fröhlichen Festtage. Wenn sie sieh nicht geschämt hätten, hätten sie die Geschäfte geschlossen. — Gehört? Gott sei Dank, gekommen! — Gekommen, Gott sei Dank und Lob! — Ach, wie gerne möchte ich der ersten Begegnung mit seiner Frau zusehen! — Ich wollte die Kinderchen ansehen, im Momente, wo ihnen gesagt wurde: der Vater sei gekommen! Weiber, die für die Affäre weniger'Verständnis hatten, versäumten es dennoch nicht, ihre Gesichter in die Schürzen zu verbergen, scheinbar die Nasen zu schneuzen, damit man nicht erkenne, dass sie weinten. So arm das Städtchen Kassrieliwke auch ist, hätte doch jeder sein Letztes hergegeben, um für einen einzigen Augenblick nach Paris gehen und dieser Szene wenigstens aus der Ferne zusehen zu können. Als der Prozess eröffnet wurde, begann es in Kassrieliwke zu kochen. Nicht nur „das Blatte sondern, auch Seidel wurde förmlich in Stücke zerrissen. Da gab es keine ruhige Mahlzeit mehr, noch konnte man eine Nacht schlafen. Wenn es nur schon Morgen*wäre! Morgen — übermorgen! Und so ging es alle Tage. Plötzlich traf etwas Unerwartetes eine Lärm und Wehklagen: Ein Unglück, und was für ein Unglück! Das war die Nachricht von dem» Attentat auf Labori. . Die Kassrieliwker waren ausser , sieh. — Wofür? Weshalb! So ein Mord! Für nichts und wieder nichts! Es ist ja dort ärger als in Sodom! Der in Paris gefallene Schuss hat sie total betäubt. Die Kugel traf sie tief ins Herz, als ob sie auf Kassrieliwke abgezielt worden wäre. — Herr der Welt— flehten sie still im Herzen — beweise deine Wunder — du vermagst es ja, wenn du willst — zeige ein Wunder, dass er doch am Leben bleibt! Das Wunder geschah. Er blieb am Eeben. Niemand wollte es glauben. — Gehört? Gott sei Dank, besser! — Besser, Gott sei Lob und Dank! — Ich bin neugierig, zu hören, was Zola dazu sagt? — Und der arme Dreyfus? Vor Schluss der Verhandlung war Kassrieliwke wie im Fieber. Wie gerne wäre jeder eingeschlafen auf volle 24. Stunden, um erst dann aufzuwachen, wenn Dreyfus schon frei sein würde! Wie zum Trotz konnte jedoch niemand ein Auge schliessen. Man warf sich in dieser Nacht ruhelos auf dem Lager hin und her. und hoffte sehnsüchtig auf den Anbruch des Tages. Des Morgens strömte alles zur Post. Das Postamt war noch geschlossen. Die Menge scharte sich um das Postamt und überfüllte das Gässchen. Juden gingen hin und her, gähnten, redeten sich, kräuselten die Stirnlocken und sangen leise den Psalmvers: „Der aufrichtet vom Staube den Geringen, „Vom Aschenhaufen erhebt den Armen . . . Und als Jareme, der Hausbesorger, das Tor geöffnet hatte, drängten sieh alle mit einemmale hinein, so dass er ihnen zeigen musste, dass e r hier Herr sei: — Was wollt ihr hier, verfluchte Ungläubige! — Euhe — Ruhe — Jareme! — beruhigten sie ihn und steckten ihm eine Münze zu — ruhig, Jareme, noch heute, zum letztenmal. Scha — scha . . . Da kam der Herr Postmeister selbst und gab ihnen wieder in seiner höflichen Art zu verstehen, dass ein Postamt keine Judenschul sei . . ., allein die Kassrieliwker beachteten ihn gar nicht. Sie drängten sich so lange, bis man sie alle hinausjagte und sie mussten draussen auf Seidel warten, so lange, bis er endlich kam. Und Seidel öffnete das Blatt und las das Urteil vor. 0 Himmel, welcher Lärm, welch entsetzter Aufschrei! Nicht den Eichtern galt das Schreien, dafür, dass sie nicht gerecht geurteilt, auch nicht den Generalen, die falsch geschworen, ebensowenig galt es den Franzosen, bei denen sich eine so hässliche Geschichte zugetragen hatte. Die Entrüstung entlud sich gegen Seidel. — Es ist unmöglich! — schrie ganz Kassrieliwke einstimmig — es kann nicht sein! Unmöglich, dass so etwas geschehe! Die Wahrheit muss siegen, wie lassen uns nichts aufbinden .... — Dummköpfe! schrie dagegen Seidel aus voller Kraft und schob ihnen das Zeitungsblatt vor die Gesichter — da seht, was drinnen steht! — Blatt, schmttt — schrie Kassrieliwke — und wenn du vor unseren Augen hier dich mit einem Fuss auf den Himmel stellst und mit dem andern auf die Erde, glauben wir es dir dennoch nimmermehr. Es ist eine Sache der Unmöglichkeit! Es kann nicht sein! Es kann nicht sein! Es kann nicht sein! Und dabei blieb es bis auf den heutigen Tag. (Autorisierte Uebersetzung von M. B.) Berichtigung. Aus dem Artikel „Jakob Dienesohn" von Berthold F e i w e 1 sind zwei Zeilen weggeblieben, deren Restifcuierung Herr F e i w e 1 von uns verlangt. Wir kommen hiermit seinem Wunsche nach. Am Schlüsse des ersten Absatzes soll es heissen: „Den guten Braudes musste erst die Erde decken, ehe man sich seiner erinnerte. Nur Achad-Haam von den hebräischen Schriftstellern und Morris ßosenfeld von den Jargon-Poeten bildeten einigermassen Ausnahmen."