Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Article
- Aus unseren Büchern
- Date
- 1903-03-27
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
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Aus unseren Büchern, Jeremias. Es war nach der Zerstörung der heiligen Stadt, _Da schritt der grosse Prophet auf den Bergen Jerusalems einher. Er war in einen schwarzen Mantel gehüllt und «Lie dichten Locken fielen ihm wirr über Stirn und Naclc-en. Eine unendliche Trauer lagerte auf seinem bleichen Gesichte. Ueber ihm dehnte sich ein aschgrauer Himmel ms, traurig und öde, wie die eingeäscherten Stätten des heiligen Landes. Der Prophet lehnte sich an eine mächtige Zeder und liess seine Blicke in die Weite schweifen. Und er sah lie einstigen farbenprächtigen Fluren mit Blut bedeckt. K^in Haus stand aufrecht da, kein Turm ragte in die Höhe. Wie eine Leichenstätte lag es vor ihm, so weit seine Blicke reichten* Also wütete der Zorn des Herrn in seinem VcLke. So entsetzlich hatte es der Prophet in keiner seiner Visionen gesehen. Jeremias senkte, vom Schmerze überwältigt, die geröteten Augen und ging weiter. Da erblickte er auf dem Abhänge des Berges ein Weib. Es sass auf einem Felsvorsprung, das müde Huapt auf die Brust gesenkt. In ihren Zügen lag der grosse Schmerz einer unglücklichen Mutter. Unheimlich leuchteten ihre Augen in den tiefen Höhlen. Der Prophet blieb vor ihr stehen und sprach sie also an: „Wer bist du, Unglückliche, auf diesen einsam&n Höhen?44 Die Frau erkannte den Propheten und weinte bitterlich ihre letzten Tränen. „Warum weinst dn?" fragte der Prophet. „Ich weine um meinen Gatten und meine sieben Kinder, die ich in diesen schrecklichen Tagen verloren habe. „Es soll jetzt keine Mutter um ihre Kinder weinen," sagte der Prophet, „und keine Frau um ihren Galten. Weinet, die ihr zurückgeblieben seid, um das Land und um die Nation... Fassest du nicht, Weib, dieses entsetzliche Los? Was ist ein Weib ohne Gatten und eine MiLÜer ohne Kind gegen die Hunderttausende ohne Land —?" Da weinten sie beide, der Prophet und die Frau* * Das war der schrecklichste aller Tage, an dem Jerusalem fiel — Einer finsteren Nacht glich dieser Tag. Zotten fori» ig hingen die schweren, schwarzen Wolken am Himmel. Bin heulender Orkan kam aus weiten Femen und wütete »hne Aufhören, Die ältesten Zedern wurden entwurzelt und rollten krachend in die Täler. Der Jordan schäumte und liess die blutigen Wellen über die Ufer sieh ergiessem — In der Stadt aber mordete der Feind . . . Und der Herr sass auf seinem Throne und weint e= — Und es weinten mit ihm all die Engel, die 'seinen Thron umgaben; sie bedeckten ihr Angesicht mit den Fittigen und Hessen die Tränen fliessen.... Der grosse Prophet aber ward ergriffen vom göttlichen Geist. Er griff mit wildem Schmerze in das Haar seines Hauptes und rief: „Ich muss sie aus ihren Gräbern wecken, damit sie es mitansehen, damit sie den völligen Untergang 7erhüten — *. Und da er das Grab des göttlichen Gesetzgeber« nicht kannte, lief er zu den Fluten des Jordans und rief mit der ganzen Kraft seiner Stimme : „Mosche! Mosche! Mosche!tf Und der Wind trug den Jammerruf zu dem Grabe des göttlichen Mannes. Dann lief der Prophet in die Höhle Machpehh und weckte die Patriarchen aus ihrem Schlafe. Und alle eilten sie vor den Thron des Herrn. Si« fielen auf ihr Angesicht und baten für ihr unglückliches Volk — Doch das Schicksal ihres armen Volkes war beschlossen. D. R o t h b 1 u m. Sabbat. Im Krankenhaus der fremden Stadt, Wo sie den Armen sterbend fanden, Liegt, leise murmelnd, todesmatt, Bin Jude in des Fiebers Banden. Und leise klingt es, wie ein Lied, Verständlich kaumi, ans seinem Mxuide. Und wie's empor zum Himmel zieht, Gibt es von seinen Träumen Kunde. „Komm Liebster, komm! Schon naht die Braut! Den Sabbat lass uns froh empfangen! Schon grüsst sein Frieden uns so traut, Vorbei des Werktags Not und Bangen. Hörst du sie singen? „Auf! Empor Aus Schutt und Staub, du Königsstätte! Genug der Schmach! Der dich erkor Zerreisst des Leidens lange Kette. In Freuden wirst du ernten bald, Mein Volk, was du. gesät mit Tränen. Leg ab die graue Knechtsgestalt! Dem Fürsten nur ziemt fürstlich Sehnen!" Und plötzlich ruft er jubelnd „Licht!" Und lächelt noch im Schmerz, irn herben. Der Körper zuckt, das Auge bricht — Er darf in. Sabbatfrieden sterben. Ernst Erdmann. Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wolfenstein. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) XII. Tränen. „Tateleben, tut dir etwas weh?" „Nein, Schimmele." „Ist die Mutter oder sonst wer krank?" „Gott sei Dank, sie sind alle wohl." „Wie geht's Dreindel und dem gescheckten Kalb und dem Schaf?" „Wie gewöhnlich." „Sind die Erdäpfel verfault?" „Nein, warum?" „Wir haben einen Korb voll roter Äepfel und eine grosse Schüssel Mohnkuchen im Schrank." „Ja, ich habe es gesehen." j,0, warum weinst du denn, Täte?" _